Rosenkranz

22.12.2024 |

Predigt | Lesejahr C 4. Adventssonntag | Lk 1, 39–45

P. Ambrosius Leidinger, 22.12.2024
gehalten in St. Elisabeth
 
Liebe Schwestern und Brüder!
Das Tagesgebet des vierten Adventsonntags kennen wir alle. Es wird ja auch zum Abschluss des Angelus, des Engel des Herrn, gebetet:
„Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. Führe uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung. Darum bitten wir durch ihn, Jesus Christus.“
Es wird erzählt, dass der heilige Franziskus sich in der Zeit des Krieges zwischen den Christen und Muslimen unbewaffnet in das Kriegslager der Muslime begab. Dort sah er, wie fünfmal am Tag von den Minaretten das Gebet der Muezzin erklang und die Muslime in einer Geste demütiger Hingabe an Gott auf das Gesicht zur Erde fielen. Das hatte ihn tief berührt. Wir Christen haben das Stundengebet, das meistens von Ordensleuten und Priestern gebetet wird. Das Angelus-Gebet ist für die Laienchristen geschaffen worden. Wir läuten im Stift dreimal täglich - morgens, mittags und abends die sogenannte Angelus-Glocke. Und etliche Gläubige beten den „Engel des Herrn“.
 
Zur Zeit der Kreuzzüge begann man auch in der katholischen Kirche den Rosenkranz zu beten. Auch der Rosenkranz hat seinen Ursprung bei den Muslimen. Die Kreuzritter im Heiligen Land sahen, wie die Muslime beim Gebet Perlen oder Knoten an einer Schnur benutzten und sie durch die Finger gleiten ließen. Die Dominikaner gaben später dieser rhythmischen Gebetspraxis den Inhalt, die 50 Ave Maria und die Christusgeheimnisse. Übrigens haben die Muslime diese meditative Gebetsart mithilfe von Perlen wahrscheinlich aus Indien von den Buddhisten übernommen und diese wiederum von den Hindus: Die Annäherung der Religionen ist also keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Der Austausch zwischen den Weltreligionen und den Völkern der verschiedenen Weltgegenden war schon zu allen Zeiten. Die Globalisierung ist beileibe kein Phänomen der Neuzeit. Unser Tagesgebet nun erinnert an die beiden grundlegenden Geheimnisse unseres Glaubens - an die Verkündigung und die Geburt des Herrn und an das österliche Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung.
 
Unser Glaube an die Auferstehung Jesu, an den lebenden Christus, bedeutet, dass das, was man „das Jesusgeschehen“ oder das „Christusgeheimnis“ genannt hat, also die Person, die Lehre und die Wirkung Jesu, nicht etwas Vergangenes ist, das am Kreuz endete, sondern dass Christus auch heute lebendig präsent ist im Glauben seiner Kirche, in ihren Sakramenten, in der Verkündigung des Evangeliums, dass er - wie er versprochen hat - mitten unter denen ist, die in seinem Namen versammelt sind, und dass er uns auch anonym in jedem Geringsten begegnet, der unsere Hilfe braucht. Schon der hl. Augustinus hat gelehrt, dass man den biblischen Schöpfungsbericht nicht simpel wortwörtlich lesen darf, dass Gott in sieben Tagen die Welt erschaffen hat, sondern dass es sich dabei um eine bildhafte Schilderung handelt. Er sagte:
„Beten bedeutet die Augen schließen und sich bewusst machen, dass Gott jetzt die Welt erschafft.“
Augustinus spricht von einer creatio continua, einer Schöpfung, die sich fortsetzt und noch im Gang ist, in der Gott auch heute wirkt. Das bedeutet unter anderem, dass der lebendige Christus durch seinen Geist, durch den Glauben der Gläubigen in die menschliche Kultur und Gesellschaft eintritt. Die Evangelisierung ist die wichtigste Berufung der Kirche. Mission ist weder Agitation noch Indoktrination, sondern das immer tiefere Hereintreten Christi in unsere Welt, in unsere jeweilige Kultur und damit eine Fortsetzung des Geheimnisses der Menschwerdung. Etwa wenn es Papst Johannes Paul II. um eine „Neuevangelisierung“ Europas ging - oder die Aufforderung von Papst Franziskus zum Reformprozess des synodalen Weges. Es geht darum, den lebendigen Christus sichtbar zu machen in der heutigen Zeit, unter den heutigen Umständen.
 
Im Tagesgebet wird nun gesagt, dass wir den Ruhm der Auferstehung durch das Leid und durch das Kreuz Christi erlangen. Wir können also ebenfalls von einem sich fortsetzenden Geheimnis des Kreuzes sprechen, im Zeugnis der Märtyrer, in den Wunden der Kirche, in den Wunden der Welt. Es sterben in unserer Zeit an vielen Orten der Welt viel mehr Christen für ihren Glauben als es der Fall war in Zeiten der blutigen Verfolgung durch die Römischen Kaiser. Leiden und Tod als Teil des menschlichen Schicksals in einer Welt, die von Sünde geprägt ist, sind auch Bestandteil unserer Verbindung mit Christus. Es gibt kein anderes Gebet als das Rosenkranzgebet, in dem uns Maria innerlich an die Hand nimmt und uns zu Jesus führt, das wir bei ihm ausruhen, aufatmen können, den Hauch von Stille, von Besinnlichkeit, von Innerlichkeit spüren, die wir brauchen zum lebendigen Kontakt mit Jesus. Gerade in der tiefen Verbindung mit ihm müssen wir immer wieder neu lernen, die Täler der Tränen unserer Existenz und der ganzen Welt zu durchschreiten bis zum Licht der Auferstehung.
Amen.
 
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater