Freut euch!
15.12.2024 |
Predigt | Lesejahr C 3. Adventssonntag | Lk 3, 10–18
P. Ambrosius Leidinger, 15.12.2024
gehalten in der Abteikirche
Meine lieben Schwestern und Brüder!
„Freut euch“. „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ schreibt der heilige Paulus an die Gemeinde von Philippi (Phil 4,4). Dieser Aufruf zur Freude wurde auch für das lateinische Eingangs-Lied der Messe genommen und gibt dem heutigen Sonntag seinen liturgischen Namen: „Gaudete“. Aber: Kann man sich auf Befehl freuen? Auch noch zu jeder Zeit? Wer immer gut gelaunt ist, würde ich sagen, da stimmt etwas nicht. Bei jedem gibt es doch Zeiten, in denen es nicht so optimal läuft, wo Schmerzen und Sorgen das Leben verdüstern, oder wenn man sich nur die Nachrichten abends anschaut: da findet sich wenig Erfreuliches. Freude ist ein Begriff, der in der Bibel häufig vorkommt und von dem auch die Bezeichnung für das Evangelium, „die frohe Botschaft“, abgeleitet ist? Was aber ist sie eigentlich?
Als erstes: Wir dürfen Freude nicht mit guter Laune verwechseln. Gute Laune kommt und geht. Freude hat auch nichts mit Unterhaltung der kommerziellen Unterhaltungsindustrie zu tun. Was wir da sehen, ist eine Karikatur der Freude. Mir fällt da der berühmte Buchtitel eines Analytikers der zeitgenössischen Zivilisation ein, Neil Postman: „Wir amüsieren uns zu Tode“. Unterhaltung bestimmt nicht nur immer mehr die kommerzielle Kunst, die eine Flut von Kitsch produziert, sondern leider auch die politische Welt. Denken wir an den alten neuen amerikanischen Präsidenten, der sich bei seinen demagogischen Ansprachen mit Vorliebe selbst beklatscht. Über sich selbst lachen kann er aber leider nicht. Aber nicht nur in Amerika, sondern auch bei uns gibt es genug populistische Clowns in allen Parteien, wie man jetzt im Wahlkampf wieder gut studieren kann.
Das Verhältnis zwischen Freude und Unterhaltung ist genauso wie das Verhältnis zwischen Hoffnung und Optimismus. Unterhaltung ist ein oberflächlicher Ersatz für Freude, und Optimismus - wenn wir meinen, dass alles immer automatisch besser wird, ist eine Imitation der Hoffnung. Hoffnung ist vielmehr eine Tugend, die uns die Kraft gibt, Situationen zu bewältigen, in denen sich viele Umstände eher zum Schlechteren wenden. Gerade hier bewährt sie sich. Nicht zufällig trägt wahrscheinlich das wichtigste kirchliche Dokument des 20. Jahrhunderts, die Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche in der Welt von heute, den Namen „Gaudium et spes“ - Freude und Hoffnung. Der Wendepunkt zwischen Unterhaltung und Freude und zwischen Optimismus und Hoffnung ist der Augenblick, in dem wir die Schwere des Lebens durchschreiten und wir uns davon nicht brechen lassen. Wenn wir uns jedoch davon nicht brechen lassen, kann uns eine wirkliche tiefe Freude und Hoffnung geschenkt werden. Viele Lehrer des geistlichen Lebens unterscheiden zwischen dem äußeren und dem inneren Ich eines Menschen. Meister Eckhart sagt sogar, dass der äußerliche Mensch, der oberflächliche Mensch, nur eine oberflächliche Religiosität hat. Er sagt: Nur derjenige, der aus den alltäglichen Zerstreuungen in das innere Heiligtum seines Lebens hinabgestiegen ist, kann dem lebendigen Gott wahrhaftig begegnen.
Noch einmal zurück zur Unterscheidung von Unterhaltung und Freude: Unterhaltung zerstreut, Freude vereint. Die Freude vereint uns mit den anderen: Gerade an Weihnachten können wir erleben, dass es Menschen die größte Freude bereitet, anderen eine Freude zu machen, und darin vereint sie uns auch mit Gott. Es gehört zur Adventstradition, von Unterhaltung und Zerstreuung Abstand zu gewinnen. Das heißt aber überhaupt nicht, sich dem Trübsinn hinzugeben. Es bedeutet zu versuchen, innerlich still zu werden, die Quelle der wahren Freude zu spüren. Wahre Freude kann uns die Welt nicht geben und sie kann sie uns auch nicht nehmen. Sie kommt nicht von außen, sie kommt von Gott. So konnte der Heilige Philipp Neri sagen:
„Ein Heiliger, der traurig ist, ist ein trauriger Heiliger! Er hat von Gott nichts verstanden.“
Das menschliche Leben ist vielfältig, voll von Paradoxien, und deshalb sind auch die göttlichen Gaben vielfältig. Die göttliche Gabe eröffnet aber immer einen inneren Raum, einen inneren Freiraum, ein freies Herz. Die göttliche Gabe des Glaubens lässt aber auch Raum für das Suchen und für den Zweifel, für Wachstum im Glauben. Dabei können wir auch die Freude erfahren, die von Gott kommt. Die Freude ist mit der Dankbarkeit verbunden, und sie führt zum Lob Gottes. Als der heilige Ignatius von Loyola in seinen geistlichen Übungen das Ziel des menschlichen Lebens formuliert, für das der Mensch geschaffen wurde, sagt er an erster Stelle: „um Gott zu loben und zu danken“ und dann „um ihm zu dienen“.
Für einen Menschen, der faktisch ohne Gott lebt - und das muss nicht nur ein überzeugter Atheist sein, sondern es kann auch jemand sein, der sich für einen gläubigen Menschen hält, für den kann das, was er für Gott hält, nicht selten durch eine Karikatur Gottes sein. Das zeigt sich in alltäglichen Wirklichkeit: Er hat die Tendenz, einen relativen Wert zu verabsolutierten, zum Beispiel die Nation, den Wohlstand, den Arbeitserfolg, die Gesundheit oder die Karriere. So einem Götzen zu dienen ist in unserer Gesellschaft eine verbreitete Krankheit mit fatalen Folgen. Nur durch die Haltung der Dankbarkeit kehrt Wahrheit in unser Leben zurück im Bewusstsein, dass unser Leben Gabe ist und damit auch Aufgabe zugleich. All das Gute, was ich tun kann, ist eine Gabe, eine Gabe auch für mich selbst. Ich kann und soll für alles Gute Gott dankbar sein.
Nach der jüdischen Tradition des Sabbatfeierns bekommt der Mensch während des Festes „eine Sabbatseele“. Die „Sabbatseele“ ist der Zustand, wie die Seele einmal sein wird, wenn sie bei Gott sein wird. Deshalb gehört zu den Sabbat-Geboten nicht nur das Verbot der Alltagsarbeit, sondern es ist einem Gläubigen auch etwa verboten zu trauern, zu streiten oder unfreundlich zu sein. Der Sabbat soll der Raum sein, in dem die Seele sich neu zu Gott hin öffnen kann, mit Gott im Leben rechnen, sich in ihm geborgen weiß. Das ist das größte Geschenk, das mein Herz mit echter Freude erfüllen kann. „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“
Amen.










