Geschichtsbewusstsein
01.12.2024 |
Predigt | Lesejahr C 1. Adventssonntag | Lk 21,25-28.34-36
P. Ambrosius Leidinger, 01.12.2024
gehalten in der Abteikirche
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Ein schöner Sachverhalt aus der Geschichte, den ich immer wieder gerne erzähle: Wie in vielen alten Bischofsstädten, so gab es auch in Trier im Mittelalter immer wieder eine Rivalität zwischen dem Erzbischof und der Bürgerschaft der Stadt, die ihre Freiheiten und Rechte gegen den Kurfürsten verteidigte. Dieses Machtgerangel ist noch heute in Trier gut sichtbar zu sehen an den Türmen des Domes und an dem Turm der Marktkirche St. Gangolf in unmittelbarer Nähe. Die Bürger bauten den Turm von St. Gangolf ein wenig höher als die Domtürme waren, woraufhin der Erzbischof dann, - jegliche Ästhetik missachtend - den rechten Turm des Domes aufstocken ließ, sodass dieser dann wieder ein wenig höher war als sein Konkurrent am Marktplatz. Beide Türme nun tragen aus späterer napoleonischer Zeit in großen goldschimmernden Lettern lateinische Inschriften, die – ein wenig abgewandelt - aus dem heutigen Evangelium entnommen sind. Am Domturm lesen wir: Nescítis qua hora Dominus veniet: Ihr wisst nicht, zu welcher Stunde der Herr kommen wird. Und an St. Gangolf steht geschrieben: Vigilate et orate: Wachet und betet.
Zwei Überlegungen möchte ich hier anknüpfen: Im Weihnachtsmarkt-Rummel der Innenstadt wird wohl kaum jemand diese Inschriften wahrnehmen, geschweige denn sich von ihnen aufrütteln lassen. Ein Bild vielleicht dafür, dass unser alltägliches Leben und das, was wir mit Glaube und Gott verbinden, manchmal weit auseinander sind. Andererseits liegt biblischem und christlichem Geschichtsverständnis die fundamentale Überzeugung zugrunde, dass es eine völlig profane Welt und Geschichte gar nicht geben kann. Die sogenannte „profane“ Welt ist immer schon durchdrungen von der Heilsgegenwart Gottes und damit zugleich Heilsgeschichte. Nehmen Sie als Beispiel die heutige Lesung aus dem Buch des Propheten Jeremia: „Siehe, Tage kommen..." – Es sind nach dem Propheten Tage des Heils. Konkret heißt das doch: Im Augenblick sind sie noch nicht da - die Tage des Heils. Es wird deutlich, wie ungerecht die Verhältnisse sind, sind – damals wie heute -wie sehr Menschen hineinverwoben sind in eine Geschichte von Unrecht, Krieg und Lüge. So dürfen wir mit Recht fragen: Woher aber nehmen die Propheten ihre Hoffnung auf bessere Zeiten? Wieso dürfen wir mit Hoffnung in die Zukunft blicken? Die Propheten werfen einen Blick zurück in die Vergangenheit, um der Zukunft willen. Sie erinnern an vergangene Verheißungen, die sich in der Geschichte Israels immer wieder erfüllt haben. In aller existentieller Bedrängnis und Not als Einzelner und als Volk haben sie der Erfahrung gemacht, doch von Gott geführt worden zu sein.
Das zweite: Wenn wir die Inschriften von Dom und St. Gangolf doch wahrnehmen und ernst nehmen, dann drängt sich sehr schnell ein ermahnender oder bedrohender Unterton in den Vordergrund. Christus erscheint als der Unberechenbare, der aus der Ferne plötzlich auftaucht, dabei geht die ganze Welt unter, und er fordert dann Rechenschaft von jedem Einzelnen. Aber das Evangelium sagt: „Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf, erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe!“ Unser Leben wird im Horizont Gottes gelebt - von unserer Geburt bis zu unserem Tod. Wir haben dieses Leben als Geschenk erhalten, um es zu verwalten. Und wir haben uns über unser Leben vor Gott zu rechtfertigen. Ein Leben, das Gott ernst nimmt, rechnet auch mit seinem Gericht. Und zwar rechnet es mit einem Gericht, von dem Jeremia in der Lesung spricht: Der „gerechte Spross“ aus dem Haus Davids wird „Recht und Gerechtigkeit im Land wirken“ (Jer 33,15). Der gerechte Spross ist Christus. Gericht unter diesem gerechten und barmherzigen Gott aber heißt: Im Wortspiel kann man sagen: Gott rückt zu-Recht. Ge-richt ist das Ereignis nicht des Hin-richtens (als Vernichtung des Delinquenten im extremen Fall), sondern des Her-Richtens, als Wieder-in-Ordnung-Bringen, als Recht-machen.
Wann das sein wird, wissen wir nicht. Zum Zeitpunkt des eigenen Todes? Irgendwann später? Oder noch in diesem Leben...? „Ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“. Jesus gibt dazu keine Auskunft. Für ihn ist etwas anderes viel wichtiger, dass wir wachsam leben. „Wacht und betet allezeit ... damit ihr vor den Menschensohn hintreten könnt“. Wachsamkeit bedeutet im Letzten im Leben mit Gott rechnen, und damit auch immer wieder Neuorientierung an ihm. Im Bild gesprochen: Jedes Messgerät muss immer wieder neu geeicht werden; jeder Seefahrer überprüft seine Position immer wieder neu am Polarstern. Advent ist Anlass zu diesem Sich- wieder- neu- orientieren. „Wachet und betet allezeit“ ist ein Aufruf zu bewusstem Leben in aller Not und Bedrängnis, in aller Bedrohung durch Krieg, durch Krankheit. All das steht unter der Überschrift der zentralen Worte des Evangeliums: „Richtet euch auf“, „erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe.“ So wachet und betet. Mit dem Gebet kann man bei Gott nichts erzwingen, aber wir können uns nach Gott ausstrecken, wachsam, aufmerksam sein, wir können disponiert sein, damit er uns berühren kann, damit wir im Herzen eine Gewissheit seiner Gegenwart erlangen. Dieses „Ihr wisset nicht den Zeitpunkt“ der Begegnung mit Christus gilt auch für das Gebet. Das können wir nicht machen. Aber wenn es geschieht, ist es ein großes Geschenk, ein großes Glück, manchmal ganz unverhofft geschenkt.
Meine lieben Schwestern und Brüder! Nicht Unheil und Terror und Krieg sind das letzte Maß aller Dinge, ebenso wenig unser weltliches Glück oder platter materialistischer Geschichtsoptimismus, sondern das Maß aller Dinge ist Christus. Er ist der Herr der Geschichte. In dieser Feier nun, im Sakrament, wird die ganze Welt hineingenommen in das Leben, den Tod und die Auferstehung des Herrn, und so erfährt die Welt ihre Interpretation von Christus her. „Zu ihm erhebt eure Häupter“, „Richtet euch auf“, eure Erlösung ist nahe, denn Christus ist uns in aller Verwirrung der Welt auch heute nahe. Das ist unser christliches Bekenntnis.
Amen.










