Halik
17.11.2024 |
Predigt | Lesejahr B 33. Sonntag | Mk 13,24-32
P. Ambrosius Leidinger, 17.11.2024
gehalten in der Abteikirche
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Die Bibel spricht häufig von Gott als dem Kommenden, von Gott, in dessen Händen die Zukunft liegt. Das ist das krasse Gegenteil dessen, was wir in vielen Mythen finden. Sie platzieren Gott in ein vorgeschichtliches goldenes Zeitalter. Nein, Gott wiederholt sich nicht in der ewigen Wiederkehr des Gleichen, sondern er macht alles neu. Heidnische Mythologien wenden den Blick in die Vergangenheit, der Glaube der Bibel ist in die Zukunft gerichtet. Der gläubige Mensch braucht deshalb keine Angst vor der Zukunft zu haben. In Zeiten umwälzender Veränderungen - und gerade dann - kann man die göttliche Anwesenheit, die göttliche Handschrift erkennen. In den Katastrophen werden die Menschen vor Angst vergehen, sagt Jesus im heutigen Evangelium; sogar die Sterne werden vom Himmel fallen, aber Gottes Wort bleibt, Gottes Stimme ist vernehmbar.
Wir stehen an der Schwelle zu einer großen Reform in unserer Kirche, die Papst Franziskus mit der Aufforderung begonnen hat, den Weg einer synodalen Verwandlung der Kirche einzuschlagen. Der Katholizismus soll keine starre Lehre sein, sondern vielmehr eine Weggemeinschaft, eine Gemeinschaft von Pilgernden werden, die gemeinsam nach einer Gestalt der Kirche suchen, die dem Ruf Gottes in der gegenwärtigen Geschichte, in den Umbrüchen der heutigen Zeit, Antwort geben soll. Es geht nicht um eine billige Anpassung an den Zeitgeist, sondern darum, wozu bereits der Apostel Paulus aufgefordert hat:
„Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken“ (Röm 12,2).
Die Anpassung der institutionellen Strukturen ist wichtig und unerlässlich. Aber ohne eine geistliche Erneuerung ist sie sinnlos. Manchmal scheint es mir, dass fast vergessen ist, dass es um eine tiefere, lebendigere Gestalt unserer Beziehung zu Christus geht. Das ist die große Chance in einer Zeit, da wir zum Aufbruch gezwungen sind.
Vor 14 Tagen ist Bischof Kamphaus gestorben. Schon vor Jahren hat der Limburger Alt-Bischof ein geistliches Testament aufgeschrieben. Dort gab er eine deutliche Anweisung für den Prediger auf seiner Beerdigung. Eine Würdigung seiner Person soll im Requiem unterbleiben. Die Predigt soll nicht direkt oder indirekt zu einem Nachruf werden. Sie soll ausschließlich Verkündigung sein. Prägnant, wie Bischof Kamphaus formulieren konnte, heißt es da: „Nicht Nachruf, sondern Voranzeige, Hoffnung auf das ewige Leben. Beim Nachruf hängen bleiben, kann Ausdruck eines gewissen Unglaubens sein. Nein: Es geht vielmehr um das Kommende, es geht um das eigentliche Leben, das Leben bei Gott.“ Himmel und Erde werden vergehen; wir sind in Gott geborgen. Würde man sich an die Empfehlung des Bischofs für Beerdingungen halten, würde man bald mit Protesten und Beschwerden der Angehörigen bombardiert.
Im Leben eines jeden gläubigen Menschen wird es auch Glaubenskrisen geben, finstere Nächte, in denen Gott schweigend, verborgen, abwesend, unbegreifbar zu sein scheint. Die Atheisten sind mit dieser Abwesenheit Gottes schnell fertig: Sie sagen: Es gibt keinen Gott, Gott hat nie existiert. Die Traditionalisten in unserer Kirche haben auch nicht den Mut, im Geheimnis der Verborgenheit Gottes zu bleiben, sie wiederholen nur immer wieder die Lehrsätze des Katechismus. Ein Mensch mit einem reifen Glauben vermag trotz der Verborgenheit Gottes mit Geduld und Vertrauen auszuharren. Müssen wir uns anstrengen, uns nach Gott ausstrecken, oder kommt Gott zu uns? Wer Gott finden will, der darf die liebende Suche nach ihm nicht durch ein religiöses Bekenntnis oder durch theologische Bildung oder Strukturreform ersetzen. Das ist die Erfahrung eines jeden Theologiestudierenden. Das vermeintliche Wissen über Gott bringt uns Gott nicht näher. Die Suche nach Gott bedeutet genau betrachtet: Ich suche nicht nach Gott, sondern ich suche mit Gott, ich suche mit Gott zusammen. Wir irren nicht suchend umher, sondern werden aufgesucht, aufgesucht von Gott.
Der reife Gläubige glaubt an die Liebe Gottes, die uns beständig umgibt. Er tut es in Ehrfurcht, denn er weiß um die verletzbare Anwesenheit Gottes in der Welt. D.h. nun: Nicht Gottes Wesen ist verletzbar, aber Gottes Anwesenheit, denn sie ist die Anwesenheit der Liebe. Und noch einen Schritt weiter: In der Anwesenheit der Liebe hat Gott - wie das Buch Kohelet es sagt - „die Ewigkeit in unser Herz gelegt“. Wir sehen die Ewigkeit nicht. Der Klang der Ewigkeit aber ist die Liebe, in all ihrer Schönheit und Verletzbarkeit. Und sie ist die Kontaktstelle zu Gott. Wie ist es nun mit Gottes Anwesenheit? Wir wünschen uns gesicherte Gedankengebäude – errichtet aus den Steinen unserer dogmatischen Wahrheiten oder weltanschaulichen Überzeugungen. Wir wünschen uns ein festes Haus der religiösen Weltanschauung, denn wir wollen uns unserer Sache sicher sein. Der Glaube aber hat einen Zeltcharakter. „Der Heilige zeltet unter uns“, so heißt es schon wortwörtlich im Prolog des Johannesevangeliums, der an Weihnachten verkündet wird. Das heißt, geschlossene Lehrsysteme sind menschlich erdachte Konstruktionen. Aber sie genügen Christus nicht. Christus ist größer. Christus ist kein Lehrsystem, sondern Christus ist die Wahrheit unseres Menschendaseins, unserer christlichen Existenz.
Wie gesagt: Da ist nichts Grobes, nichts Monolithisches, sondern etwas Zerbrechliches. Gott wird uns nicht näher kommen, als die Abwehrschilde unseres inneren Lebens es ihm erlauben - die Bitterkeit, die Sorgen, die Resignation, die Rechthaberei und all die anderen Härten und Verstockungen des inneren Menschen. Wir suchen mit Gott. Und wir irren nicht suchend umher in dem Auf- und Ab unseres Lebens. Trotz allem Chaos in unserem Menschenleben und in der Welt werden wir vielmehr immer wieder von Gott aufgesucht. Nur den Tag und die Stunde wissen wir nicht. Das ist das große Geschenk, die Bestätigung unseres christlichen Selbstbewusstseins, ja als Bestätigung unserer christlichen Existenz.
Amen.










