Schma
03.11.2024 |
Predigt | Lesejahr B 29. Sonntag | Mk 12, 28b–34
P. Ambrosius Leidinger, 03.11.2024
gehalten in der Abteikirche
Liebe Schwestern und Brüder!
In der jüdischen Tradition gibt es eine Erzählung, wie ein Nichtjude zu einem Rabbi kam und ihn bat: „Ich möchte Jude werden, aber unter einer Bedingung: Lehre mich die ganze Thora, während ich auf einem Bein stehe.“ Der Rabbi war empört über die Frechheit des Mannes, er hatte sein Leben lang die Thora studiert und musste immer noch etwas dazulernen. Also jagte der Rabbi den Nichtjuden mit einem Stock aus der Synagoge. So ähnlich hätte auch Jesus handeln können. Doch Jesus kommt gleich zum Kern der Sache, zum Wichtigsten. Auf die Liebe kommt es an. Das ist die Quintessenz dessen, was er zu sagen hat.
Nicht nur in Deutschland heute, sondern auch im damaligen Israel wucherten die Gesetze und Vorschriften, sodass man fast daran erstickte. Allein am Sabbat waren über 1.500 Bestimmungen zu beachten. Deshalb war Durchblick gefragt. In unübersichtlichen Zeiten Prioritäten richtig setzen, darauf kommt es an. Je komplizierter die Zeiten, desto größer die Sehnsucht nach klaren Antworten, nach Orientierung und Konzentration auf das Wesentliche - und das ist alles andere als leicht. Auch die Politiker heute versagen ja so oft davor. Jesus nun zitiert das Schma Israel: „Höre Israel! Der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.“
Als Erstes müssen wir festhalten: Der Text ist an ganz Israel gerichtet. Er wurde ursprünglich vorgelesen, wenn bei seltenen Anlässen, vielleicht nur alle sieben Jahre, Vertreter aller Stämme Israels zusammen kamen. „Höre Israel!“: Der Ruf richtet sich nicht an Einzelne oder einzelne Gruppen, sondern an das versammelte Volk. Was wir beim Zuhören heute nicht mehr erkennen, war dem Volk damals ganz bewusst. Die Sprache der Lesung war den Menschen bekannt. Es ist nicht die Sprache der Dichtung, sondern die Sprache eines Vertragstextes. Wer heute Verträge liest, findet allenfalls in der Präambel noch etwas von dem feierlichen Ton, der damals in Verträgen allgemein üblich war. Das Buch Deuteronomium überliefert uns das Verhältnis Gottes zu seinem Volk, zu jedem Menschen, in der Sprache eines Vertrages, den Gott, der Schöpfer der Welt, mit einem Volk schließt, das er sich auserwählt hat. Wenn man diesen Text mit anderen Texten der Zeit vergleicht, erkennt man sofort: Hier werden bewusst Formulierungen gebraucht, mit denen ein Großkönig einen Beistandsvertrag mit Vasallenvölker schließt.
Darin liegt der Sprengstoff des Glaubens Israels. Wo andere Völker Großkönigen unterworfen werden, dort schließt das Volk Israel einen Vertrag mit Gott. Nicht die babylonischen, assyrischen, ägyptischen oder sonstigen Großkönige sind letzter Bezugspunkt, nicht ihre Götter und Gottheiten sind für Israel verbindlich, sondern ausschließlich Gott: „Der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr“. Recht und Liebe stehen hier nicht im Gegensatz zueinander. Im Gegenteil. Wenn Gott sich so an ein Volk bindet und einen solchen Vertrag mit Menschen schließt, dann ist dieser Vorgang so einzigartig, dass das Volk immer wieder zusammen kommt, um sich an diesen Bund zu erinnern. Es schreibt die Erinnerung an diesen Bund in sein Herz. Deshalb haben die Juden in späteren Zeiten das Schma am Morgen und Abend eines jeden Tages gebetet. Der Bund mit Gott wird zur Grundlage der eigenen Existenz. Die Rede Gottes und die Antwort des Menschen sind die Basis für Leben.
Gott selbst hat sich in Christus auch auf die Seite seines Vertragspartners gestellt hat, indem Gott selbst Mensch wurde. Unser Scheitern, unsere Ablehnung, unsere Hinwendung zu anderen Göttern bringen Gott nicht von seinem Vertrag ab. Gottes Liebe – wieder in juristischer Sprache formuliert - ist durch Eid gebunden und unverbrüchlich. Wenn unsere Liebe schal wird, wenn unsere Gedanken längst anderes denken, wenn unsere spirituelle Kraft erlahmt, stehen wir doch wieder vor Gott, der erneut sein bedingungsloses Ja zu uns spricht. Unsere Grundaufgabe als Christ ist es, dass wir uns für Gott öffnen, auf Gott hören, uns immer wieder bewusst machen, in welchen Bund wir durch die Taufe hineingenommen sind. Gott will, dass wir unser Herz, unsere Gedanken, unsere Seele, unsere Kraft von dieser Gewissheit prägen lassen. Diesem Grundlagengebot gibt Jesus dann einen neuen Sinn durch die Parallelisierung mit dem Gebot der Nächstenliebe: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Auf dem Höhepunkt des Konflikts, als der Bruch zwischen Jesus und seinen Gegnern schon endgültig ist, bezeugt einer ihrer Theologen diesem Rabbi aus Nazareth, dass er mit der besten Tradition seines Volkes in Einklang steht. „Sehr gut, Meister, ganz richtig hast du gesagt.“ Diese Zustimmung eines Schriftgelehrten auf Jesu Rede finden wir im ganzen Evangelium nur hier. Jesus spürt, wie nah ihm dieser offene und suchende Mensch ist. „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ Gottes- und Menschenliebe bedingen sich einander. Sie sind die beiden Seite der gleichen Münze.
Meine erste Erkenntnis bei Exerzitien in meinem ersten Semester war: Wenn ich zu 100 Leuten Kontakt habe, und 10 davon liebe ich, sie sind mir sympathisch usw., 80 sind mir egal, und mit 10 komme ich nicht aus, dann spiegelt das auch meine Beziehung zu Gott wider. 10 % liebe ich Gott, 10 % lehne ich ihn ab, zu 80 % ist er mir egal, spielt er in meinem Leben keine wirkliche Rolle. Das kann einen nachdenklich machen und bescheiden. Aber genau besehen geht es zuerst nicht um die Liebe, die ich zu Gott habe, sondern um die Liebe, die Gott zu mir hat. Vielleicht ist es das, was wir heute so sehr vergessen haben: Gott hat mich ins Dasein geliebt - nicht nur einmal in der Vergangenheit, sondern jeden Augenblick liebt er mich ins Dasein, auch in diesem Augenblick. Und das gilt für jeden Menschen, für die ganze Schöpfung. Was immer das große Wort Liebe in kleiner Münze bedeutet: von sozialen Einrichtungen, von Kindergärten bis zu Altersheimen, vom Engagement für sozial Benachteiligte bis zum Blick für die Sorgen und Nöte innerhalb der Weltkirche. Jedem von uns ist ein Charisma geschenkt, das er in einem Engagement leben kann. Dieser Tage habe ich mit meiner Mutter telefoniert, die, wie sie mir sagte, sich neuerdings um etliche Alte kümmert, sie selbst fühlt sich noch jung, erst 88 Jahre alt. Sie hat das als neue Aufgabe für sich entdeckt. Etliche werden mit einem Auto eingesammelt und dann wird Kaffee getrunken. Jeder hat sein Charisma, klein oder groß, jung oder alt, reich oder arm, dass er leben kann.
Die eingangs erzählte jüdische Geschichte geht noch weiter, denn der Nichtjude geht zu dem berühmten Rabbi Hillel, einem Zeitgenossen Jesu und fragt auch ihn. Der Rabbi Hillel sah ihn an und antwortete: „Gut, das werde ich tun.“ Der Mann stellte sich auf einen Fuß, und Hillel belehrte ihn: „Was dir zuwider ist, das tu auch keinem anderen an. Das ist die ganze Thora. Jetzt geh und lerne alle Gebote, damit du weißt, was du tun sollst und was du nicht tun darfst.“ Der Mann ging und studierte und wurde schließlich ein frommer Jude.
Amen.










