Kinder
06.10.2024 |
Predigt | Lesejahr B 27. Sonntag | Mk 10, 2–16
P. Ambrosius Leidinger, 06.10.2024
gehalten in der Abteikirche
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Jesus stellt uns immer wieder Kinder als Vorbild vor Augen. So auch heute. Kinder spielen Kaufladen, Kinder spielen Autofahren, Kinder ahmen die Welt der Erwachsenen nach. Kinder suchen Orientierung an den Erwachsenen, und glücklich das Kind, das Beziehungspersonen hat, die Vorbilder sind und die durch ihr Vorbild gute Wege ins Leben weisen. So dürfen wir uns an Jesus und an den Geboten Gottes orientieren, wie sie uns Jesus gezeigt hat, die uns gute Wege ins Leben weisen. Das heißt natürlich nicht, dass wir so sorglos in den Tag hineinleben sollen wie ein Kind. Man kann nicht seine Siebensachen einfach hinwerfen, oder einfach alles stehen und liegen lassen, wenn man keine Lust mehr hat. Aber es heißt, dass wir wie die Kinder, die großes Vertrauen haben, offen und neugierig sein dürfen. Das steht im Gegensatz zu den Pharisäern, von denen es öfters im Evangelium heißt, sie seien hinterlistig und wollten Jesus eine Falle stellen. Die Kinder erwarten etwas und so dürfen auch wir von Gott etwas erwarten. Genau das ist geistliche Grundhaltung, etwa beim Gebet.
In einem zweiten Zusammenhang stellt uns Jesus das Verhalten der Kinder vor Augen. Die Jünger Jesu beschäftigen sich immer wieder mit der Frage: Wer ist der Größte? Sie stellen Vergleiche an. Wer vergleicht, lebt von dem, was kleiner, tiefer, schwächer ist als er selbst. Er schaut von oben nach unten herab. Ich habe in den letzten Wochen eine interessante Erfahrung gemacht. Ich habe ein ganz kleines Auto bekommen und musste feststellen, dass viele, die in einem überdimensionierten SUV thronen, von oben herabschauen, mit bösem Blick, etwa wenn ich mit meinem Mini-Auto meine Vorfahrt behaupte. Das ist mir vorher mit einem großen Auto nie passiert. Wer nach unten blickt, hat keine positiven Erwartungen mehr an seine Mitmenschen. Er ist missmutig und unzufrieden. Er vergleicht sich. Ein Kind schaut in die andere Richtung, nach oben. Das ist das Kindlichste am Kind. Das Kind lässt sich etwas geben, lässt sich etwas schenken, erwartet etwas. Darin liegt das Geheimnis „leuchtender Kinderaugen“. Das sollte, wie gesagt, auch unsere spirituelle Grundhaltung vor Gott sein: Uns etwas geben lassen, schenken lassen, etwas erwarten. Wie Jesus: „Die Augen zum Himmel erhoben, sagte er Dank. ...“
Mein Bruder schickte mir letztes Jahr einen Artikel aus der größten Regionalzeitung meiner Heimat über einen Primizianten aus einem Nachbardorf. Er hat in Rom studiert und ist auch in Rom in S. Ignazio zum Priester geweiht worden. Ganz im Vordergrund dieses Artikels stand, dass dies für seine Karriere besonders förderlich sei, zumal ihn der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Marx, weihte. Die Reporterin hatte nur den Blick von oben herab nach unten. Dass man auch in die Blickrichtung Jesu schauen kann, nach oben zu Gott, ist ihr scheinbar nicht in den Sinn gekommen. Dabei wurde der junge Mann in seinem Streben, Christus nachzufolgen, gar nicht ernst genommen; der springende Punkt wurde gar nicht erfasst. Die Reporterin verstand nicht, worauf er sein Leben setzt. Es gibt noch ein feines Gespür in der katholischen Kirche, was das Priesteramt betrifft. Dass jemand Priester ist, ist Gnade, Geschenk. Es hat nicht viel mit seinem Verdienst zu tun oder mit seiner Person oder seiner Intelligenz. Ob dann jemand Kaplan ist, oder Dekan oder Bischof, ist für das Eigentliche des Priesterlichen nebensächlich.
Die Herzen erheben und Gott danken, ist nicht nur die Aufgabe der Priester und Ordensleute; es ist der priesterliche Dienst von uns allen, alle Getauften haben Anteil am Dienst des Priesters. Das ist katholisch. Das hat das II. Vatikanische Konzil so sehr betont. Wir bezeugen es in jeder Eucharistiefeier am Anfang des Hochgebetes:
Erhebt die Herzen.
Ja, wir haben sie beim Herrn.
Wir blicken nach oben.
Dann: Lasset uns danken, dem Herrn, unseren Gott.
Ja, das ist würdig und recht.
Ja, wir haben sie beim Herrn.
Wir blicken nach oben.
Dann: Lasset uns danken, dem Herrn, unseren Gott.
Ja, das ist würdig und recht.
Das Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer möchte ich in Erinnerung rufen. Der Pharisäer blickte äußerlich blickte nach oben zu Gott. Mit dem Herzen schaute er aber von oben herab nach unten; er verglich sich mit dem anderen, dem Zöllner. Er sprach: "Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser." Die Diskrepanz zwischen äußeren Verhalten und innerer Gesinnung finden wir so unerträglich. Aber sie schlummert auch in uns. Im schon genannten Zeitungsartikel wurde – genau besehen - der Primiziant in die Nähe des Pharisäers gerückt. Das wichtigste sei ihm letztlich doch die Karriere, nicht die Haltung Jesu. Dies einem jungen Menschen – ich hoffe unbewusst - zu unterstellen, der doch sein ganzes Leben idealistisch auf Jesus setzen will, hat schon einen Zug von Geschmacklosigkeit. Eigentlich ist es eine Unverschämtheit. Und dann steht da der Zöllner; er schaute auch nach unten, aber ganz anders: Er schaute zerknirscht zu Boden, hielt aber innerlich Ausschau nach Gott. Der kleine Mann war der ganz großer Mann, der sich nicht durch Vergleichen mit anderen größer machen musste, sondern der selbst wer war. Innerlich hatte er die Blickrichtung Jesu. „Die Augen zum Himmel erhoben sagte er Dank. ...“ Er erwartete alles von Gott, er ließ sich etwas geben, etwas schenken, wie es die Kinder tun, und er bat Gott für uns alle: Herr, sei mir Sünder gnädig.
Amen.










