Sturm auf dem Meer
23.06.2024 |
Predigt | Lesejahr B 12. Sonntag | Mk 4, 35–41
P. Ambrosius Leidinger, 23.06.2024
gehalten in Niendorf
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Ich habe schon als Schüler mit Öl gemalt. Ich war nicht immer im Kunstunterricht da: dann habe ich dem Kunstlehrer ein Ölgemälde gemalt und die Note war gesichert. Mein Malraum heute ist ein kleiner Raum, in dem ein gewisses Chaos herrscht. Aber wenn alles aufgeräumt wäre, würde mich das hindern, kreativ zu sein. Chaos ist die Abwesenheit von äußerer Ordnung. Chaos hat immer etwas Bedrohliches. Die Sprachforscher vermuten, dass das Wort im Griechischen mit „Gähnen“ verwandt ist, was nicht mit dem Gemütszustand von Langeweile und Müdigkeit zu tun hat, sondern mit dem „gähnenden Abgrund“, wo alles im Grauen versinkt. Der Inbegriff des Chaos ist in biblischer Sprache das Meer. Deswegen vielleicht spricht der Evangelist Markus beim See von Kafarnaum immer vom „Meer“, weil die Jünger im Boot hier in den Abgrund geschaut und das lebensbedrohliche Tosen des Chaos erlebt haben.
Wie gesagt: Chaos mag ja manchmal ganz hilfreich sein, Kreativität Raum zu schaffen, wie Gott aus dem Chaos die Welt geformt hat. Ja, das Chaos ist Tohuwabohu (Gen 1,2), wie es im Schöpfungsbericht heißt. Tohuwabohu ist das Fehlen von Orientierung, von Kraft, Schutz und Perspektive. Chaos ist der gähnende Abgrund. Meine Malstube ist daher ein ungenügendes Beispiel. Bedrohlich ist sie nicht. Das sind eigentlich nur wirklich böse Situationen, wo einem der Boden unter den Füßen wegzubrechen droht. In Diktaturen führen Machthaber bewusst Chaos herbei, um willkürlich herrschen zu können; so war die Nazi-Herrschaft im undurchschaubaren Nebeneinander ihrer Organisationen eigentlich nur Chaos, das umso effektiver einschüchtern konnte. Das können aber auch Zeiten in der Kirche sein wie heute, in denen von innen oder von außen, durch Glaubenskrise oder Bedrängung, Christen sich fragen, ob Christus wirklich noch gegenwärtig ist. Das kann aber auch eine ganz individuelle Situation sein, wo einem gar nichts gelingt, wo eine Beziehung zerbricht, in der Gefühle durcheinanderwirbeln oder gar der Geist verwirrt ist. Keine noch so hohen Klostermauern können vor den Orkanen schützen, die im Inneren toben.
Was vom Evangelium als Begebenheit erzählt wird, entpuppt sich schnell als ein viel tiefer gehendes Symbol. Äußerlich ließe es sich einfach erklären, denn solche Situationen sind häufig auf dem See Genezareth, wenn Fallwinde die eben noch ruhig daliegenden Wasser in ein schäumendes Meer verwandeln. Die Jünger waren Fischer und kannten das. Sie konnten realistisch einschätzen, was die Situation bedeutet. Deswegen ist ihre Angst verständlich - und der Vorwurf Jesu erscheint unverständlich. Wörtlich übersetzt sagt er ihnen: „Warum seid ihr so feige!“ Ein heftiges Wort, dessen Berechtigung oder zumindest dessen Sinn erst offen gelegt werden muss. Jesus befahl dem Sturm, und er war still. Das entspricht dem Wort Gottes bei der Schöpfung. Er spricht, und es geschieht. Markus will hier sagen: Hier im Evangelium ist es Gott, der handelt, der in seiner Schöpfung in Jesus Mensch wurde. Jesus befahl dem Sturm wie den Dämonen. Das Evangelium gebraucht den gleichen Befehl, mit dem Jesus unreinen Geistern befiehlt: „Schweig, sei still!“
Das Rätsel bleibt, warum unser Leben durch Unheil bedroht ist. Wir können auch als Christen über den Grund nur rätseln. Aber das Evangelium macht deutlich: Das Unheil behält nicht das letzte Wort. In der Gegenwart Jesu muss es schweigen. Ja, selbst das Chaos des Meeres hindert Jesus nicht, ruhig zu schlafen. Die Stillung des Seesturms ist ein Zeichen. Jedes Wunder, das Jesus wirkt, ist ein Zeichen, das über das konkrete Ereignis auf die Wirklichkeit Gottes hinweist, auch wenn es nicht das Ende aller Stürme ist. Gott hat in seiner Schöpfung das Rätsel des Chaos zugelassen. Wenn das Chaos über uns einbricht, wenn wir uns verrannt und verstrickt haben, kann es sein, dass die einzige Rettung darin besteht, sich darauf zu besinnen, dass wir zu Christus gehören. Es gibt Situationen, in der ich mich zu Christus retten darf und kann. Gott lässt die Stürme zu, solche, die ich selbst angefacht habe und auch solche, die über mich hereinbrechen. Nicht immer aber sind es Dämonen. Im Gegenteil. Der Dämon des Abgrundes ist in mir. Und es ist an mir, mich dem in täglicher Kleinarbeit zu stellen. Es ist dann angesagt, den Blick darauf zu werfen, wo im Sturm das Boot ist, das mich hält, die Insel, die mir Ruhe gibt, die Kraft, die in jedem von uns steckt, weil jeder von Gott her die Kraft bekommt, die er braucht, um nicht unterzugehen.
Die Jünger sind nicht allein im Boot. Statt sich mit ihrer Angst gegenseitig kirre zu machen, könnten sie den Blick darauf werfen, dass Jesus bei ihnen ist. Er schläft nicht aus Desinteresse. Er schläft mitten im Sturm, weil er damit das deutliche Zeichen gibt, dass dem, der auf Gott vertraut, im Letzten kein Sturm das Boot versenken kann. Dass Jesus den Sturm auf dem Meer von Galiläa stillt, ist das Zeichen, das uns für jeden Sturm Kraft verleiht: Über allem Chaos steht die Autorität Gottes. Als mein Vater gestorben war, bekam ich einen Beileidsbrief von einer Freundin seit Studententagen. Sie schrieb mir ein Zitat des hl. Ambrosius:
„Das Mysterium des Todes hat nicht das letzte Wort. In der Gegenwart Jesu muss der Tod schweigen. Das Mysterium des Lebens und der Liebe ist größer als das Mysterium des Todes“.
Amen.










