Liebe

05.05.2024 |

Predigt | Lesejahr B 6. Ostersonntag | Joh 15,9-17

P. Ambrosius Leidinger, 05.05.2024
gehalten in der Abteikirche
 
Meine lieben Schwestern und Brüder!
„Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“. Man kann sagen: Das ist Jesu spirituelles Testament, das er seinen Jüngern vor dem Letzten Abendmahl aufgetragen hat.
„Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“.
In der Stunde des Abschieds sagt er ganz ausdrücklich: „Ihr seid meine Freunde“. Jesus hat immer wieder zum Vater gebetet und auch seine Jünger zum Gebet angehalten, um mit ihm und dem Vater verbunden zu bleiben. Und er hat den Jüngern die Füße gewaschen. Denn daran soll man erkennen, dass wir zu ihm gehören: Jesus sagt: „Wie ich euch gedient habe, sollt auch ihr einander dienen. Wie ich für euch da bin, so sollt auch ihr füreinander da sein!“ Gottesliebe und Nächstenliebe sind die beiden Seite der gleichen Münze: Wenn ich zu 100 Leuten Kontakt habe, und 10 habe ich ins Herz geschlossen, sie sind mir sympathisch usw., 80 sind mir egal, und mit 10 komme ich nicht aus, dann spiegelt das auch meine Gottesliebe wider. 10 % liebe ich Gott, 10 % lehne ich ihn ab, zu 80 % ist er mir egal, spielt er in meinem Leben keine Rolle.
 
Meine lieben Schwestern und Brüder! Es geht bei all dem in erster Linie nicht um die Liebe, die ich zu Gott habe, sondern umgekehrt: Es geht um die Liebe, die Gott zu mir hat. Gott hat mich ins Dasein geliebt - nicht nur einmal in der Vergangenheit, sondern jeden Augenblick liebt er mich ins Dasein, auch in diesem Augenblick. Es gibt Menschen, die es in ihrem Leben schlecht getroffen haben, die in ihrer Kindheit wenig Wärme, wenig Liebe, wenig Geborgenheit erfahren haben, und schlimmer noch, die in ihrer Jugend von Vertrauenspersonen missbraucht wurden. Sie tragen eine enorme Last mit sich. Für sie ist der Glaube an die Liebe Gottes oft ungeheuer schwierig. Was sollen sie sich unter "reiner Liebe" ohne Bedingung vorstellen, die sie nie erfahren haben? Es gibt aber auch Menschen, die in einer harmonischen Familie aufgewachsen sind, die viel Liebe und Zuneigung erfahren haben - ganz selbstverständlich. Aber die Liebe Gottes zu uns ist nochmals ganz anders. Gleich wie die Erfahrungen sind: Wir alle müssen einen Glaubenssprung machen! Und zu diesem Sprung kann uns nur Gott befähigen. Das nennen wir Gnade.
 
Beim hl. Ignatius von Loyola habe ich gelesen:
"Die Liebe Gottes beruht auf nichts. Sie beruht nicht auf meiner Tugend, nicht darauf, dass ich mich anstrenge oder so angenehm, so gelungen bin. Gottes Liebe beruht auf nichts. Und darin liegt eine gewaltige Schwierigkeit für uns und gleichzeitig eine gewaltige Befreiung."
Wenn die Liebe Gottes auf etwas beruhen würde, und dieses Etwas würde zusammenbrechen, dann würde das ganze Gebäude einstürzen. Und eben das kann nicht passieren! Weil die Liebe Gottes auf nichts beruht, ist sie absolut sicher. Sie ist der absolute Ur-Sprung. Sie ist grund-los im doppelten Sinn des Wortes: Sie ist ohne Grund, es gibt keine Begründung für sie. Und zweitens: So tief ich auch hinabsteige in die Liebe Gottes, ich komme nie auf einen Grund. Es gibt keinen Boden. Auch in einem langen Leben komme ich mit ihr nie an ein Ende. Gott nimmt in seiner Liebe nicht Maßstab an uns, sondern an sich selbst. Unsere Liebe nimmt immer ihren Maßstab an dem anderen. Da liebe ich den einen mehr, den andern weniger. Gott aber nimmt Maß an sich. Da liegt der Unterschied. Wir haben lieb, ER ist Liebe. Aus dieser Liebe schließt Gott niemand aus. Auch nicht, so sehr wir schuldig geworden sind.
 
Folgende mittelalterliche Legende ist uns überliefert:
Jesus ist mit den Aposteln zum ewigen Gastmahl im Himmel versammelt. Alle haben Platz genommen, aber Jesus beginnt noch nicht mit dem Mahl. Überraschend lässt er noch einen zusätzlichen Stuhl aufstellen. Dann wartet und wartet er. Die Apostel werden ungeduldig. Die Spannung wächst! Auf einmal geht die Tür auf. Judas kommt herein. Jesus steht auf und geht ihm entgegen. Zum Erstaunen aller umarmt er ihn und sagt: „Komm, mein Freund! Nimm Platz bei uns! Ich habe auf dich gewartet!“ Und das Mahl beginnt.
Kein Vorwurf. Kein Aufrechnen eines Sündenregisters. Keine Art „Fegefeuer“. Keine Höllenstrafe. Der Herr nennt ihn weiterhin Freund. Wie auch Petrus nach der Verleugnung. Trotz aller Enttäuschungen durch seine Jünger nimmt der Herr nichts zurück. Denn Jesus kann sich selbst nicht untreu werden. Er ist der ganz und gar Liebende. Nicht nur für seine Freunde, auch für seine Feinde! Am Kreuz betet er noch: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, wie sie tun“ (Lk 23,34).
 
Liebe Schwestern und Brüder, Nicht wir haben Jesus erwählt, vielmehr hat er uns erwählt, diese Liebe zu leben, in lebendiger Beziehung zu ihm zu bleiben und diese Erfahrung seiner göttlichen Liebe weiter zu schenken. In der benediktinischen Tradition spricht man von ora et labora, bete und arbeite. Unter Beten versteht Benedikt nicht nur das Chorgebet, das er Pflicht nennt, die selbstverständliche Aufgabe des Mönches, der Dienst für die Kirche, sondern er spricht sehr eindringlich vom persönlichem Gebet, vom Meditieren der hl. Schrift, vom Verweilen vor Gott, dem Sich-Versenken in seine Gegenwart, dem Sich-bei-Gott-ausruhen. Die hl. Teresa von Avila hat es so benannt: Wie- bei- einem- Freund- bleiben, ohne Absicht, nur aus Freude bei ihm zu sein, wie es gesagt hat. Beten und arbeiten, Gottes- und Nächstenliebe gehören zusammen.
 
Wenn es nicht so wäre, wenn wir uns nur auf das Beten beschränken würden oder nur auf die Arbeit, dann kämen wir auf dem Weg der Christusnachfolge nicht vorwärts. Es ist wie beim Gehen. Ein Bein muss immer fest auf dem Erdboden stehen, damit das andere ausschreiten kann. Und beide Beine müssen sich abwechseln, damit wir vorwärtskommen. Es gibt Zeiten, da wir vielleicht nur das eine Bein belasten, in Zeiten, in der das Beten schwerfällt und die Meditation gar nicht gelingt, weil wir im Augenblick mit uns selbst gar nicht zurechtkommen, und der einzige Halt nur noch die Tätigkeit ist, das ist in Ordnung. Irgendwann muss es aber wieder ins Lot kommen, damit wir vorwärtsschreiten können, oder es kann Zeiten geben, etwa im Alter, wo das Beten wichtiger wird, das Verweilen in Gottes Gegenwart, und das aktive Handeln nicht mehr die Rolle spielt. Wenn beides in fruchtbarer Spannung steht, wenn beide Beine sich beim Gehen abwechseln, kommen wir vorwärts auf dem Weg zu Herrn, lebt in uns seine Liebe auf. Dazu will uns die Eucharistie stärken. Sie ist der Ort der großen Liebe Jesu. Wir, seine Freunde, sind nun mit ihm beim Mahl.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater