Ich bin geliebt

10.03.2024 |

Predigt | Lesejahr B 4. Fastensonntag | Joh 3,14-21

P. Ambrosius Leidinger, 10.03.2024
gehalten in der Abteikirche
 
Liebe Schwestern und Brüder,
manche Gespräche können nur in einem besonderen Rahmen stattfinden. Eine räumliche Abgeschiedenheit ist notwendig, vielleicht auch eine besondere Zeit, damit Offenheit und wechselseitiges Vertrauen zwischen den Gesprächspartnern entstehen können. Nur dann kann daraus ein echtes „Nikodemusgespräch“ werden, wie es Jesus mit dem Pharisäer führte. Es ging da nicht um irgendetwas. Es geht darum, das Gott „seinen Sohn nicht in die Welt gesandt hat, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“. Und dass dieser Sohn der eine Gesprächspartner ist. Und es geht um die existenzielle Frage nach dem „ewigen Leben“. Wie kann man das ewige Leben erlangen? Nach den Worten Jesu geht das ganz einfach: Wer an ihn glaubt, den erhöhten Menschensohn, hat „ewiges Leben“ und zwar schon jetzt. Für ihn gibt es kein Gericht am Ende seines Lebens. Denn durch seine bewusste Ausrichtung auf Christus bezieht er, für alle sichtbar, eindeutig Position. Wer zum Glauben kommt, wer anerkennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, der Zugang zum Vater ist, wandelt „im Licht“. Er weiß nicht nur um das Ende seines irdischen Lebens. Er weiß auch: Sein wahres „ewiges“ Leben in Gott endet nie.
 
Niemand hat von sich aus Zugang nach „oben“, zu Gott. Nur Jesus, der Menschensohn, ist dorthin aufgestiegen, weil er zuerst von dort kam. Er ist der alleinige Augenzeuge göttlicher „Dinge“, wie es Johannes sagt (vgl. Joh 1,18). Es geht hier also zentral um „die Einzigartigkeit und Zuverlässigkeit des Zeugnisses Jesu“ (F. Porsch). Er allein ist der Gesandte Gottes. Johannes fasst das ganze Offenbarungs- und Heilsgeschehen im Bild von „Abstieg“ und „Aufstieg“ zusammen, wobei der „Abstieg“ in letzter Radikalität, der Tod Jesu, schon den Anfang seines „Aufstiegs“ mit einschließt. Der Evangelist sieht Kreuz und Auferstehung als einen einzigen Vorgang. Von daher leuchtet auch ein, dass Jesus in seiner Passion und in seinem Sterben schon als der Herr, als der „Erhöhte“, beschrieben ist. Der erhöhte Menschensohn, und damit der ganze Weg des gekreuzigten und verherrlichten Jesus, ist das Lebensangebot Gottes an uns Menschen. Nach einer neuen Statistik für unser Land glauben noch etliche an Gott, irgendwie, vielleicht als gute Energie, als Schöpfer, aber dass sich Gott exklusiv in Jesus offenbart, wie gerade beschrieben, glauben nur noch 20 % der Katholiken. Aber war bedeutet dieses Wissen für uns? Das größtmögliche Selbstbewusstsein, mit dem ein Mensch leben kann, heißt: Ich bin geliebt.
 
Dem muss ein Bewusstsein über Sinnziele im Leben zur Seite treten. Es heißt: Gott hat mir Sinn ins Herz gelegt. Diesen Sinn muss ich immer wieder heben. Man kann sagen: Das ist meine Berufung. So sind die beiden Grundworte meines Daseins: - geliebt und berufen. Beides ist mir von Gott geschenkt. Diese wesentlichen Dinge des Menschen müssen errungen und auch geläutert werden. Sie müssen sozusagen aus dem harten Gestein meines Ichs herausgeschmolzen werden. Nur die Liebe hat die dazu nötige Glut. Wer nur sich selbst sieht, wird in sich selbst verarmen. Wir spüren diese Armut entsprechend und erfahren sie im Miteinander. Die Armut an Lebenssinn wird zur Gier. Die Armut an Gewissheit wird zur Gier nach Sicherheit. Die Armut an Autorität wird zur Gier nach Macht. Die Armut an Anerkennung wird zur Gier nach Beifall usw. Die Reihe ließe sich mühelos fortsetzen. Durch diese Armut geschieht so viel Unheil auf der Welt, sie ist die letzte Ursache jeglichen Krieges. Wir bereichern uns an dieser Welt im Maß unserer inneren Armut und suchen den entstehenden Schmerz der Sinnlosigkeit zu betäuben und zu ersticken: Was ich aber nicht in mir habe, werde ich draußen vergeblich suchen! In dieser äußeren Suche überhitzen wir die Welt und machen sie zur Hure als seien die Dinge, von denen wir leben, je käuflich. In der verzweifelt selbstsüchtigen Suche geben wir eben den falschen Dingen zu viel Gewicht und Bedeutung. In der Bibel wird das Götzendienst genannt, die Verletzung des Ersten Gebotes.
 
Die Liebe ist verletzbar. Denn wir müssen sehen: Der Grund der Liebe ist auch der Grund des Leidens: Ohne die menschliche Verletzbarkeit, die darin besteht, dass wir einander anvertraut sind, gäbe es auch keine Liebe. Sie wäre schlicht nicht nötig. Weil wir der Liebe bedürftig sind, sind wir einander anvertraut. Doch wo unsere Bedürftigkeit verletzt wird, da öffnet sich unweigerlich eine Quelle des Leidens. Andererseits bestünde diese Welt aus leidensunfähigen Wesen, so gäbe es auch keinen Raum der Liebe. Es sind zwei Seiten der gleichen Wahrheit: auf der einen Seite die Bedürftigkeit, auf der anderen die Berufung. Wir überwinden das Leiden nicht, indem wir die Bedürftigkeit unseres Daseins überwinden, sondern indem wir Liebende werden! Die antike griechische Philosophieströmung der Stoa strebte die Leidensunfähigkeit an, die Apatheia. In der Folge gab es zu späteren Zeiten auch Mönchsbestrebungen, die die Bedürftigkeit des Lebens so weit wie möglich zu überwinden suchten, um damit leidensunfähig zu werden. Nein, nur der Liebende ist tatsächlich erleuchtet, ist im Licht! Der Bedürfnislose hat keine Erleuchtung erlangt; er hat lediglich vermeintlich seine Verletzbarkeit überwunden. Er hat die Notwendigkeit in sich abgestumpft, geliebt zu werden. Das ist keine Erleuchtung, sondern spirituell überhöhte Feigheit vor der eigenen Geschöpflichkeit.
 
Wahre Spiritualität ist nicht die Erweiterung des Bewusstseins, sondern die Ausrichtung unseres Bewusstseins auf unsere Berufung, ein Liebender zu sein. Durch nichts kann die Gnade Gottes stärker in uns werden als dadurch, dass wir leben, wozu wir von Gott berufen sind. Wenn wir aber unsere Berufung nicht in uns beleben, wird unser Herz ermatten - und mit ihm der Glaube. Darum bedeutet Glauben nicht nur, dass ich darauf vertraue, dass Gott gut ist, dass er mich liebt, sondern ebenso, dass ich entdecke: Gott traut mir etwas Gutes zu! Wir sollen durch die Aufgaben unseres Lebens zur Gabe werden. Wer Spiritualität sucht, der muss darum vor allem eine Frage klären: Wem oder was soll mein Leben dienen? Denn es geht dabei nicht um die Hybris vermeintlicher Gotteserkenntnis, sondern es geht um die menschliche Demut, die sich für diese Welt in Anspruch nehmen lässt. Der berühmte französische Bischof Gaillot sagt: „Wer in Gott eintaucht, taucht neben dem Armen wieder auf. Es gibt keine Gotteserkenntnis an der Barmherzigkeit vorbei.“ So werden wir Zeuge für den „erhöhten Menschensohn.“
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater