Predigt -A- 13. Sonntag

28.06.2026 |

Predigt | Lesejahr A - Predigt - Mt 10, 37-42

P. Ambrosius Leidinger, 28.06.2026

Liebe Schwestern und Brüder,
 
dieser Text gehört zu den schwersten Worten Jesu. Er ist nicht pastoral weichgespült und psychologisch entschärft.
„Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“
Man spürt sofort Widerstand. Jesus greift hier nicht irgendeine moralische Frage auf. Er greift das Zentrum unserer Bindungen an. Jesus kritisiert nicht die familiären Bindungen. Er kritisiert deren Verabsolutierung. Wo Liebe zum Besitz wird, wo sie festhält, wo sie den anderen an sich bindet, verliert sie sich selbst.
Johannes Bours schreibt dazu präzise: „Unerlöste Liebe klammert. Erlöste Liebe lässt frei.“ Jesus fordert nicht weniger Liebe. Er fordert verwandelte Liebe.
Hier öffnet sich ein überraschender Raum für die Gedanken des Geigenbauers Martin Schleske.
Schleske beschreibt, dass ein Instrument nur dann klingt, wenn es nicht zu dick, nicht zu starr, nicht zu perfekt gebaut ist. Resonanz entsteht dort, wo Material losgelassen wird. Übertragen auf das Evangelium heißt das: Ein Mensch klingt nur dann, wenn er nicht vollständig von Erwartungen, Rollen, Bindungen innerlich „verleimt“ ist. Nachfolge heißt: resonanzfähig werden für Gott.
 
 
Dass Jesus so sprechen darf, ist selbst schon eine theologische Aussage. Kein Prophet, kein Rabbi, kein spiritueller Lehrer dürfte verlangen, mehr geliebt zu werden als Vater, Mutter, Sohn oder Tochter. Sie würden sich ja an die Stelle Gottes setzen. Jesus fordert hier nicht bloß Treue zu seiner Lehre, sondern er beansprucht den Platz, der nur Gott zukommt. Matthäus legt also in diesem kurzen Vers bereits offen, wer Jesus ist. Er ist nicht nur ein Wegweiser auf Gott hin; in ihm ist Gott gegenwärtig, er selbst ist Gott.
Die beiden Grundworte christlicher Existenz sind „geliebt“ und „berufen“; daraus wird die dichte Formel: „Ich bin geliebt, und ich bin berufen zu lieben.“
„Wer sein Leben festhält, wird es verlieren.“
Und hier wieder das Bild der Geige.
Ein Instrument, das nur stabil sein will, klingt nicht. Ein Mensch, der nur sicher sein will, lebt nicht. Das Kreuz ist die Stelle, an der diese falschen Sicherheiten durchtrennt werden.
Es wäre oberflächlich, das Kreuz nur als allgemeines Schwersein des Lebens zu deuten. Das Evangelium meint mehr. Das Kreuz ist nicht bloß passives Leiden. Man könnte sagen: Das Kreuz ist die Wunde, die entsteht, wenn Christus den Menschen aus falschen Sicherheiten herauslöst. Nur durch ihre Fragilität gewinnt die Geige ihre Resonanz.
Darum folgt konsequent der nächste paradox klingende Satz: Wer sein Leben findet, wird es verlieren; wer sein Leben um Christi willen verliert, wird es finden.
AMEN
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater