Predigt -A- 12. Sonntag

21.06.2026 |

Predigt | Lesejahr A - Predigt - Mt 10, 26-33

P. Ambrosius Leidinger, 21.06.2026

Liebe Schwestern und Brüder,
 
dieser Text ist kein Trostwort für empfindsame Seelen. Er ist eine Existenzansprache. Dreimal sagt Jesus: „Fürchtet euch nicht.“ Nicht, weil es nichts zu fürchten gäbe, sondern weil Angst kein guter Ratgeber ist, weil Angst nicht das letzte Wort haben darf.
Wir haben noch das Wort von Papst Johannes Paul II. im Ohr: Fürchtet euch nicht! Das sollte auch den Menschen des Ostblocks Mut machen gegen die kommunistische Diktatur.
Jesus spricht nicht zu Menschen, die sicher sind. Er spricht zu Menschen, die Verfolgung, Missverständnis, Ablehnung erfahren können.
Das Evangelium beginnt mit dem Satz: „Fürchtet euch nicht vor ihnen.“ Wer sind „sie“? Im engeren Zusammenhang sind es jene, die die Jünger bedrängen, ausliefern, verleumden und vor Gerichte bringen. Aber in der Tiefe meint „sie“ jede Macht, die die Jünger dazu bringen will, ihr Zeugnis zu verkleinern, zu verschweigen oder an die Bedingungen der Angst anzupassen. Es geht nicht nur um äußere Verfolgung.
Es geht um jene subtile innere Macht, durch die Menschen beginnen, nicht mehr aus der Wahrheit zu leben, sondern aus Rücksicht auf mögliche Folgen.
 
 
Angst ist nicht nur ein Gefühl. Sie kann eine sehr negative Erkenntnisordnung werden. Sie entscheidet dann darüber, was gesagt, verschwiegen, beschönigt, relativiert oder geleugnet wird. In den Gewaltregimen ist das Alltag.
Das Schlimmste in klösterlichen Gemeinschaften ist, wenn etwa Angst vor dem Oberen herrscht. Das vergiftet alles.
Jesus setzt dieser Angst eine andere Ordnung entgegen: „Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird“.
Damit wird die christliche Verkündigung auf eigentümliche Weise bestimmt. Sie ist nicht Propaganda. Propaganda versucht, durch Lautstärke Wirklichkeit zu erzeugen. Das Evangelium dagegen verkündet eine Wirklichkeit, die schon da ist und ans Licht gehört.
Noch einmal Johannes Paul: Er sagte wörtlich zu einem Journalisten, Jesus braucht keine Propaganda, er hat nichts erfunden, sondern was er gesagt und bezeugt hat, befindet sich schon von Natur aus im Herzen eines jeden Menschen.
Der Jünger muss die Wahrheit nicht erfinden. Er muss sie nicht rhetorisch herstellen. Er muss sie bezeugen. Darum ist die Bewegung des Textes so schön: vom Dunkel ins Licht, vom Ohr auf die Dächer, vom verborgenen Wort zur öffentlichen Sprache. Das, was Jesus im Dunkeln sagt, soll im Licht gesprochen werden. Was er ins Ohr sagt, soll auf den Dächern verkündet werden.
Man darf dieses „Dunkel“ nicht vorschnell negativ verstehen. Das Dunkel ist nicht nur Ort der Bedrohung, es ist auch Ort der Nähe.
AMEN
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater