Predigt -A- 11. Sonntag
14.06.2026 |
Predigt | Lesejahr A - Predigt - Mt 9,36–10,6
P. Ambrosius Leidinger, 14.06.2026
Liebe Schwestern und Brüder,
das Evangelium dieses Sonntags beginnt mit einem Blick: „Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen.“ Dieser Blick auf die Menschen ist der Anfang seiner Sendung. Es ist kein Programm, keine Strategie, kein kirchlicher Organisationsplan, sondern Jesus blickt auf die vielen Menschen. Und was er sieht, bewegt ihn im Innersten. Matthäus sagt nicht einfach: Jesus bemerkte die Menge. Er sagt: Sein Herz wurde angerührt, weil sie „müde und erschöpft“ waren, „wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Aus diesem Sehen wächst alles Weitere: das Wort von der großen Ernte, die Bitte um Arbeiter, die Berufung der Zwölf, die Vollmacht zur Heilung.“
Matthäus hat kurz vor unserem Evangelien-Abschnitt das Wirken Jesu summarisch zusammengefasst: Jesus zieht durch Städte und Dörfer, lehrt in den Synagogen, verkündet das Evangelium vom Reich und heilt jede Krankheit und jedes Leiden. Genau diese drei Bewegungen – Lehre, Verkündigung, Heilung – bilden den Hintergrund der Sendung der Zwölf. Die Jünger werden nicht ausgesandt, um eine eigene Idee zu vertreten. Sie werden in das hineingenommen, was Jesus selbst tut.
Nach dem Hirtenbild folgt bei Matthäus sofort ein zweites Bild: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter.“ Die Menge braucht nicht nur Hilfe; sie ist auch Ernte.
Jesus sieht nicht nur Mangel, sondern auch Reife, nicht nur Verlorenheit, sondern auch neue Möglichkeiten. Gerade das unterscheidet göttliches Erbarmen von menschlichem Mitleid, das oft nur das Defizit sieht und helfen will. Christus sieht zugleich die Möglichkeit zur Berufung. Die Menge ist nicht nur Problem. Sie ist auch Gottes Feld.
Aber die Ernte gehört nicht den Arbeitern. Sie gehört vielmehr dem Herrn. Darum sagt Jesus zuerst nicht: Geht sofort los. Er sagt: „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter in seine Ernte auszusenden.“ Der erste Akt der Mission ist also Gebet. Das ist kein organisatorisches Vorspiel, das man rasch erledigt, bevor die eigentliche Arbeit beginnt. Wer nicht betet, meint leicht Besitzer der Ernte zu sein. Wer aber bittet, anerkennt: Die Menschen gehören nicht mir. Die Aufgabe gehört nicht mir. Die Frucht gehört nicht mir. Ich bin Arbeiter, nicht Herr.
Nur Gott, der Herr der Ernte, kann die Initiative ergreifen und Arbeiter aussenden. Bei Mattäus führt dieses Wort aber unmittelbar dazu, dass Jesus selbst die Zwölf ruft und sendet. Der Herr der Ernte ist Gott, und Jesus handelt mit der Vollmacht Gottes. „Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich.“ Das ist der Übergang von der Bitte zur Berufung. Man könnte sagen: Die Jünger sollen um Arbeiter bitten und entdecken, dass sie selbst gemeint sind.
Amen!










