7. Ostersonntag
17.05.2026 |
Predigt | Lesejahr A - 7. Ostersonntag, Joh 17, 1-11a
P. Ambrosius Leidinger, 17.05.2026
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Das heutige Evangelium ist der Höhepunkt der Abschiedsreden Jesu. Seit dem 16. Jahrhundert wird dieses Kapitel oft als das „hohepriesterliche Gebet“ Jesu bezeichnet. Der Ausdruck ist nicht biblisch, aber er trifft etwas Wesentliches: Jesus spricht hier nicht mehr unmittelbar zu den Jüngern, sondern vor ihnen und für sie zum Vater. Die Jünger hören ein Gebet mit, das zugleich Offenbarung ist. Bei Jesus gibt es keine bloß private Innerlichkeit. Sein Gebet ist die letzte theologische Verdichtung des ganzen Evangeliums: Herrlichkeit, Sendung, ewiges Leben, Name, Wahrheit, Bewahrung und Einheit treten hier in eine innere Form zusammen.
„Vater, die Stunde ist da.“ Die Stunde Jesu ist im Johannesevangelium der Zeitpunkt, an dem sein ganzes Sein offenbar wird. Die Herrlichkeit, um die Jesus bittet, ist nicht ein nachträglicher Glanz, der erst nach dem Leiden hinzukäme. Sie ist das Offenbarwerden dessen, wer er in Wahrheit ist – gerade im Gehorsam, gerade im Kreuz, gerade in seiner Hingabe.
Hier beginnt bereits die erste Korrektur unseres Denkens. Wenn wir „Herrlichkeit“ hören, denken wir fast unwillkürlich an Größe, Triumph, Bestätigung, was mancher Präsident auf fast lächerliche Weise sucht. Johannes aber meint das Gegenteil von bloßem Triumph. Herrlichkeit ist die innere Wahrheit Gottes, die in Jesus aufscheint, der Sohn, der ganz vom Vater her lebt.
Es ist deshalb kein Zufall, dass dieser Satz so eng an seine Sendung gebunden ist. Jesus bittet nicht um Herrlichkeit für sich selbst, als wäre sie sein privater Besitz. Er bittet darum, damit er das Werk des Vaters vollenden kann und so ewiges Leben schenken kann. Gerade daran erkennt man die göttliche Herrlichkeit: dass sie fruchtbar wird, dass sie Leben stiftet.
Menschliche Herrlichkeit will gesehen werden; Jesu Herrlichkeit will retten. Menschliche Größe sucht den eigenen Namen in den Vordergrund zu stellen; Jesu Größe schenkt den Menschen den Namen des Vaters.
Der Name Gottes ist die Gegenwart Gottes, die Wahrheit, die Weise, wie Gott sich dem Menschen erschließt.
Damit ist zugleich gesagt: Jesus bringt nicht Botschaften über Gott. Er legt den Vater nicht didaktisch aus, wie ein Lehrer einen schwierigen Gegenstand erklärt. Vielmehr wird der Name Gottes in ihm selbst, in Jesus, gegenwärtig, er ist der Name Gottes. Man könnte sagen: Jesus spricht nicht nur vom Vater – er ist die geschichtliche Form, in der der Vater sich zeigt, sich offenbart. Gerade darum ist das Christentum nicht zuerst eine Religionslehre, sondern im Wesentlichen Gottes Gegenwart in einer Person, in Jesus.
Vielleicht liegt hier die entscheidende Korrektur für eine sehr moderne Versuchung. Wir möchten Gott gern als Idee sichern: als Horizont, als metaphysische philosophische Möglichkeit.
Johannes ist da viel radikaler. Er sagt: Gott wird nur da wirklich erkannt, wo er in Christus erkannt wird. Gott steht nicht hinter Jesus, nicht über ihm, er ist nicht jenseits seiner Menschheit, nicht über seiner Lebensgeschichte, sondern in ihr.
Die Menschwerdung ist nicht fromme Bebilderung eines allgemeinen Gottesgedankens. In der Menschwerdung Jesu schreibt Gott seinen Namen in die Welt.
Darum ist der Satz „sie haben dein Wort bewahrt“ so wichtig. Jesus beschreibt die Jünger nicht als Vollkommene. Sie sind zu diesem Zeitpunkt keineswegs heldenhafte Gestalten. Petrus wird verleugnen, die anderen werden fliehen, ihr Verständnis bleibt bruchstückhaft.
Und doch sagt Jesus: Sie haben dein Wort bewahrt.
Die Jünger haben nichts von österlicher Souveränität. Sie stehen am Rand von Angst und Verlust. Aber gerade in diese prekäre Lage hinein spricht Jesus von ihrem Bewahren. Glaube besteht also nicht zuerst in religiöser Hochform, sondern darin, dass er, Jesus, Gottes Wort, trotz Dunkelheit nicht preisgegeben wird.
„Glaube ist kein Gefühl, sondern Treue.“
Damit wird auch die Bedeutung des Gebets Jesu selbst klarer. Er redet nicht über die Jünger. Er betet für sie. Die Kirche entsteht nicht bloß aus der Erinnerung an Jesus, nicht bloß indem sie sich an seinem moralischen Beispiel orientiert, nicht bloß aus der Wirkung seiner Lehre.
Die Kirche entsteht aus Jesu Fürbitte. Sie ist die Gemeinschaft derer, die vom Sohn vor das Angesicht des Vaters getragen werden.
Also ist Kirche nicht zuerst Organisation, nicht zuerst religiöse Öffentlichkeit, nicht zuerst moralische Instanz, sondern in Christus gesammelte und vom Vater gehaltene Gemeinschaft. Sie lebt vom innersten Miteinander zwischen Vater und Sohn. Wer die Kirche nur von ihrer sozialen, institutionellen oder historischen Form her betrachtet, wird immer etwas Wesentliches verfehlen. Ihr letzter Grund ist Gebet – genauer: das Gebet Christi.
Hier ist große Nüchternheit nötig. Sobald die Kirche ihre Herrlichkeit in sich selbst sucht, hat sie die Wahrheit verloren. Eine Kirche, die sich selbst feiert, feiert nicht die Herrlichkeit Gottes. Eine Kirche aber, die die Menschen bewahren will, sich nicht selbst absolut zu setzen, in der Liebe zusammenzubleiben – eine solche Kirche verherrlicht den Herrn, gerade auch dann, wenn sie äußerlich schwach wirkt.
Bei der Vertuschung des Kindesmissbrauchs in der Kirche wollte man oftmals die Herrlichkeit, die Heiligkeit, der Kirche bewahren. Aber man hatte übersehen, dass man die eigene Herrlichkeit schützen wollte, nicht die Herrlichkeit Gottes.
Der hl. Benedikt spricht am Ende seiner Regel vom „guten Eifer“, der zu Gott führt. Dann folgen knappe dichte Sätze: man soll einander in Achtung zuvorkommen, die Schwächen des anderen geduldig tragen, einander gehorchen, nicht den eigenen Nutzen suchen, sondern mehr den des anderen, und schließlich: „nichts Christus vorziehen“. Dieses „Nichts Christus vorziehen“ ist nicht eine zusätzliche moralische Zusatzübung.
Einheit wächst dort, wo Christus vorgezogen wird; sie zerfällt dort, wo das Eigene absoluten Rang beansprucht.
Deshalb ist dieses Kapitel der Regel so überraschend nah am hohepriesterlichen Gebet. „Nichts Christus vorziehen“ ist die benediktinische Kurzform von „Bewahre sie in deinem Namen“.
Auch ein anderer Satz der Regel gehört hierher. Benedikt spricht am Ende seines Prologs von der „Schule für den Dienst des Herrn“ und sagt, dass in dieser Schule „unsere Herzen weit werden“. Denn Einheit scheitert fast immer an verengten Herzen: an Kränkung, an Angst, an Eitelkeit, an Herrschsucht, an Rechthaberei. Nur das weite Herz ist einheitsfähig.
Das Hohepriesterliche Gebet führt. Es richtet den Blick von allem Zweitrangigen auf den Ursprung zurück. Es sagt der Kirche, es sagt uns allen: Du lebst nicht aus dir selbst. Du lebst aus dem Miteinander-Sein des Sohnes mit dem Vater, d.h. du lebst aus dem Hl. Geist. Wo du diese Mitte verlierst, verlierst du dich selbst. Wo du in ihr bleibst, bleibst du bewahrt.
Amen.










