5. Fastensonntag
22.03.2026 |
Predigt | Lesejahr A - 4. Fastensonntag - Joh 11, 1–45
P. Ambrosius Leidinger, 22.03.2026
Liebe Schwestern und Brüder,
wir hören heute von Lazarus. Aber wir hören auch von uns: von Zeiten, in denen wir krank werden, von Tagen, in denen wir auf Nachricht warten und sie kommt nicht; von Momenten, in denen wir sagen: „Herr, wärst du da gewesen …“ Und wir hören von Gott, der genau hier wirkt nicht mit einer schnellen Lösung, sondern durch seine Gegenwart, die tiefer geht als unsere Pläne.
Ganz am Anfang betont Johannes etwas, das uns die Spannung erst wirklich spüren lässt: Jesus liebt Marta, Maria und Lazarus. Und gerade deshalb ist es so verstörend, dass er zunächst bleibt, wo er ist. Die Nachricht kommt: „Herr, der, den du liebst, ist krank.“ Und Jesus kommt nicht sofort.
Gott wirkt nicht wie ein Automat. Man kann ihn nicht mit einem Gebet „in Gang setzen“.
Romano Guardini hat immer wieder gesagt: Der christliche Glaube ist keine Theorie, sondern Begegnung. Der Glaube ist nicht zuerst ein Gedankengebäude, sondern ein Du. Und dieses Du entzieht sich der Verfügbarkeit. Man kann es nicht besitzen. Man kann es nur empfangen. Und: Man kann Christus widersprechen, klagen, weinen, ringen – ohne die Beziehung zu verlieren.
Hier trifft das Evangelium mitten in unsere Gegenwart. Unsere Zeit ist eine Zeit der Beschleunigung und der Selbstüberforderung. Wir sind umgeben von Möglichkeiten, aber innerlich oft erschöpft.
Wir wollen sofortige Antworten, sofortige Rückmeldungen, sofortige Erleichterung. Warten ist uns fast unerträglich geworden – und doch ist Warten ein geistlicher Ort. Ein Ort, an dem das Herz lernt, nicht alles in der Hand zu haben.
Fastenzeit heißt auch: dem Leben wieder seine Tiefe geben. Nicht alles sofort füllen. Nicht jede Leere betäuben. Nicht jedes Unbehagen wegdrücken. Die Verzögerung Jesu zwingt Marta und Maria in diese Leere hinein. Und genau dort, in der Leere, beginnt sich etwas zu verwandeln.
Als Jesus schließlich kommt, ist Lazarus schon tot. Vier Tage im Grab. Und Marta sagt diesen Satz, der so menschlich ist, dass er fast weh tut: „Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“
Dieser Satz ist wie ein Schrei, der versucht, sich zusammenzureißen. Und Jesus weist ihn nicht zurück. Er moralisiert nicht. Er sagt nicht: „So darfst du nicht sprechen.“
Marta und Maria klagen – und bleiben zugleich in der Nähe Jesu. Das ist eine reife Form des Glaubens: nicht die Abwesenheit von Schmerz, sondern Schmerz, der sich an Gott bindet.
Dann kommt dieser kurze Satz: „Jesus weinte.“
Jesus weint. Er weint, weil Liebe leidet. Weil Tod nicht „nur ein Übergang“ ist, sondern ein totaler Abbruch, weil Beziehungen unwiederbringlich auseinandergerissen werden, weil der Körper verstummt.
Hier liegt ein Geheimnis: Gott ist nicht der ferne Beobachter unseres Leidens. Gott ist nicht die große Gleichgültigkeit. Gott ist mit betroffen. Und diese Betroffenheit ist keine Schwäche, sondern Offenbarung. Sie sagt: Du bist nicht allein, auch im Tod.
Unsere Kultur erträgt Schwäche ungern. Trauer stört die Produktivität. Tränen passen schlecht in den Rhythmus des Funktionierens. Aber gerade deshalb sind Tränen manchmal Widerstand: Widerstand gegen das falsche Bild, dass der Mensch nur Leistungsträger ist. Tränen sind ein Zeichen, dass etwas in uns lebt, das größer ist.
Dann spricht Jesus zu Marta den großen Ich-bin-Satz: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Und er fragt: „Glaubst du das?“
Dieser Satz ist das Herz des heutigen Evangeliums. Nicht das Wunder am Ende ist das Zentrum, sondern diese Frage. Denn sie richtet sich nicht nur an Marta, sondern sie richtet sich an jeden von uns.
Glaube ist hier nicht Theorie. Nicht „ich halte es für möglich“, sondern Glaube ist Bindung an Jesus. Jesus fragt nicht: „Verstehst du das?“ Er fragt: „Glaubst du das?“ – also: Vertraust du mir, auch wenn du noch nichts siehst?
Dann kommt der Moment am Grab. Jesus sagt: „Wälzt den Stein weg!“ Und Marta widerspricht: „Herr, er riecht schon.“ Vier Tage.
Hier ist das Evangelium erstaunlich nüchtern. Es romantisiert den Tod nicht. Es macht keine schöne Metapher daraus. Es nennt den Geruch. Die Wirklichkeit ist nicht sauber.
Und Jesus fordert dennoch: den Stein weg.
Was heißt das? Es heißt: Gott wirkt nicht ohne uns. Er nimmt uns immer mit hinein. Er bittet uns um einen Schritt, der möglich ist – und tut dann, was nur er tun kann.
Dann ruft Jesus mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“
Diese Stimme ist mehr als ein Befehl an einen Toten. Sie ist ein Ruf, der Grenzen überschreitet. Sie ist das Gegenwort Gottes gegen die Endgültigkeit.
Man kann hier – ganz ohne die Ebenen zu vermischen – an Stephen Hawking denken: Er zeigt uns die Größe des Kosmos, die Gesetzmäßigkeiten von Raum und Zeit, die Endlichkeit von Sternen und Systemen. Die Natur kennt Zerfall. Sie kennt Entropie. Sie kennt das Auslaufen der Ordnung.
Und gerade darum ist der christliche Glaube so kühn: Er sagt nicht, dass Naturgesetze aufgehoben wären, sondern dass es eine Wirklichkeit gibt, die tiefer ist als das Messbare: die Wirklichkeit Gottes. Nicht als Lücke des Wissens, sondern als Grund des Seins. Das Evangelium ist nicht Anti-Wissenschaft, sondern Anti-Resignation. Es sagt: Das, was ist, ist nicht alles.
„Komm da heraus!“
Lazarus kommt heraus – aber er ist gebunden. Hände und Füße umwickelt, das Gesicht verhüllt. Und Jesus sagt: „Bindet ihn los und lasst ihn gehen.“
Das ist der Satz, der das Wunder in unseren Alltag verlängert. Leben ist geschenkt – Freiheit wird oft Schritt für Schritt gelernt. Viele von uns kennen das: Man kann „auferweckt“ sein – und dennoch gebunden. Gebunden an alte Muster. An Angst. An Schuld. An Abhängigkeiten. An Rollen, die man nicht loswird.
Und Jesus überträgt der Gemeinschaft eine Aufgabe: zu lösen. Nicht zu urteilen, nicht zu beschämen, nicht festzuhalten – zu lösen.
Das ist ein Bild dafür, was Kirche sein soll: Ein Raum, in dem Vergebung herrscht, ein Raum, geprägt durch Wahrheit, durch Geduld, durch Begleitung.
Und hier ist Fastenzeit sehr konkret: Vielleicht ist heute nicht nur die Frage, wo ich Lazarus bin, sondern auch: Wo bin ich einer von denen, die lösen sollen? Wo kann ich jemanden losbinden – durch ein Gespräch, durch ein Zeichen des Vertrauens, durch ein „Ich sehe dich“, durch ein „Ich halte dich nicht fest an deine Vergangenheit“?
Noch ein letzter Gedanke:
Johannes erzählt dieses Wunder nicht zufällig kurz vor seiner Passion. Die Auferweckung des Lazarus führt Jesus näher ans Kreuz.
Gott schenkt Leben nicht billig. Er schenkt es durch Hingabe. Auferstehung ist nicht Zauberei, sondern Liebe, die bis ans Ende geht.
Wir schauen in das Grab des Lazarus – und wir ahnen bereits das Grab Jesu. Wir hören „Komm heraus!“ – und wir ahnen, dass dieser Ruf am Ostermorgen die ganze Welt betreffen wird.
Amen.










