4. Fastensonntag
15.03.2026 |
Predigt | Lesejahr A - 4. Fastensonntag - Joh 9,1-41
P. Ambrosius Leidinger, 15.03.2026
Liebe Schwestern und Brüder,
der vierte Fastensonntag wird traditionell „Laetare“ genannt: Freut euch. Ein heller Ton mitten in der Fastenzeit. Aber das Evangeliumheute zeigt nicht einfach, wie ein Mensch durch Christus sein Augenlicht gewinnt. Es ist eine Geschichte von Heilung – ja. Aber noch mehr ist es eine Geschichte von Wahrnehmung: Wer sieht wirklich gut? Wer bleibt blind – obwohl er meint, alles im Blick zu haben?
Und damit sind wir mitten in einer der zentralen Fragen des geistlichen Lebens: Welche Wirklichkeit lassen wir überhaupt zu? Lassen wir uns vom Licht Christi berühren?
Romano Guardini hat gesagt: Der Glaube ist eine Form von Erkenntnis der Wirklichkeit. Er ist nicht gegen die Vernunft, sondern er erweitert sie. Aber diese Erweiterung geschieht nicht durch bloße Information, sondern durch Begegnung mit Christus.
Unsere Zeit will alles sichtbar machen, transparent. Wir sehen viel, aber erkennen nur wenig. Wir sind informiert, aber nicht unbedingt erleuchtet. Das heutige Evangelium führt uns in eine noch tiefere Wahrheit: Geistliche Blindheit hängt nicht mit einem Mangel an Informationenzusammen, sondern durch einen Mangel an Offenheit.
Jesus sieht einen Mann, blind von Geburt. Die Jünger fragen sofort: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er oder seine Eltern?“ Das ist regelrecht ein Reflex. Und es ist ein erschreckend aktueller Reflex. Wenn etwas Leidvolles geschieht, suchen wir Gründe. Und wenn wir keine Gründe finden, suchen wir Schuldige.
Dieser Reflex ist menschlich. Er gibt scheinbare Ordnung. Er beruhigt. Denn wenn ich Leiderklären kann, kann ich mir einbilden, dass es mich nicht trifft – solange ich „richtig“ lebe. Aber sie macht aus einem leidenden Menschen ein Objekt der Analyse. Und sie hält uns in einer religiösen Logik, die Jesus in diesem Evangelium radikal sprengt.
Jesus verweigert die Schuldfrage. Er öffnet vielmehr einen Raum, in dem Leid nicht erklärt, sondern gesehen wird.
Jesus antwortet: „Weder er hat gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden.“
Das heißt nicht: Der Blinde ist blind, damit Jesus später ein Wunder wirken kann. Es heißt vielmehr: Leid ist nicht automatisch Strafe. Und es ist nicht automatisch erklärbar. Es ist kein moralischer Beweis.
Unsere Kultur ist schnell im Urteil. Nicht nur religiös, auch säkular. Wer leidet, muss „selbst schuld“ sein, oder er muss sich optimieren, oder er muss funktionieren. Wir haben wenig Geduld für das Unverfügbare. Und genau darum ist Jesu Antwort so befreiend: Er verweigert eine Schuldzuweisung.
Jesus sagt: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Wieder diese johanneische Spannung von Tag und Nacht. Das ist nicht nur Tageszeit, sondern existenzielle Qualität: Lichtzeit und Dunkelzeit.
Stephen Hawking hat uns gezeigt, wie sehr Licht physikalisch gesehen eine Grundlage unserer Erkenntnis ist. Ohne Licht gibt es für uns keine Sicht. Aber auch das Licht, das wir sehen, ist nur ein Ausschnitt; vieles bleibt uns unsichtbar. Johannes nutzt Licht als Symbol: Das Licht Christi ist nicht nur ein helleres Licht, es ist ein ganz anderes. Es macht nicht nur sichtbar, was da ist, sondern es verändert, wie wir sehen.
Dann geschieht etwas fast Anstößiges: Jesus spuckt auf die Erde, macht einen Brei, streicht ihn auf die Augen des Blinden und sagt: „Geh zum Teich Schiloach und wasch dich.“ Er geht. Er wäscht sich. Und er kommt sehend zurück.
Warum diese Prozedur? Warum Schlamm?
Hier berührt der Evangelist Johannes die Menschwerdung Gottes: Gott handelt nicht steril. Er geht ins Materielle. Er berührt. Er arbeitet mit Erde und Speichel – mit dem Stoff der Schöpfung.
Als der Mann sehend zurückkommt, entsteht Irritation: „Ist das nicht der, der da saß und bettelte?“ Manche sagen: „Er ist es.“ Andere: „Nein, er sieht ihm nur ähnlich.“ Und er selbst sagt: „Ich bin es.“
Das ist eine bemerkenswerte Szene. Heilung verändert nicht nur die Funktion des Auges, sondern die soziale Identität. Plötzlich passt der Mann nicht mehr in die Schublade „der Blinde“. Und das irritiert die Umgebung. „Ich bin es“ ist ein Satz der Würde.
Dann beginnt die eigentliche Dramatik: Der Mann wird zu den Pharisäern gebracht. Warum? Weil Jesus am Sabbat geheilt hat. Und nun läuft ein Prozess an. Nicht gegen den Blinden, sondern gegen Jesus.
Hier zeigt sich die eigentliche Blindheit der Menschen: nicht die Blindheit der Augen, sondern die Blindheit des Systems. Ein System, das seine Ordnung bedroht sieht, weil Gott sich nicht an seine Kontrolllogik hält.
Der Mann bleibt erstaunlich klar. Er sagt schlicht: „Er machte einen Brei, bestrich meine Augen, ich wusch mich, und ich sehe.“ Er zählt einfach Fakten auf. Und dann sagt er den Satz, der die anderen herausfordert: „Wenn dieser nicht von Gott wäre, könnte er nichts tun.“
Hier wächst nicht nur sein Sehen, hier wächst sein Glaube. Er wird nicht durch Belehrung gläubig, sondern durch Erfahrung – und durch Treue zur Wahrheit, die er erlebt hat. „Ich sehe.“ Er lässt sich nicht in Debatten verwickeln, die sein eigenes Erleben entwerten wollen.
Der Mann beginnt sogar, ironisch zu werden: „Vielleicht wollt auch ihr seine Jünger werden?“ Das ist nicht nur Spott, sondern vielmehr ist Widerstand. Es ist die Freiheit eines Menschen, der nicht mehr klein gemacht werden kann.
Der Geheilte steht plötzlich in einer anderen Wirklichkeit: Er weiß, was wahr ist.
Am Ende wird er hinausgeworfen, exkommuniziert, ausgeschlossen. Heilung führt hier nicht in soziale Anerkennung, sondern zunächst in Einsamkeit.
Der Geheilte stört. Die Eltern weichen aus, nicht aus Lieblosigkeit, aus Angst.
Die Pharisäer sehen alles: Regeln, Sabbat, Ordnung. Aber sie sehen den Menschen nicht. Blindheit ist hier nicht ein Nicht-Sehen, sondern ein Sich-zu-sicher-Sein.
Jesus hört, dass sie ihn hinausgeworfen haben, und er sucht ihn. Das ist einer der schönsten Züge des heutigen Evangeliums: Christus lässt den nicht allein, der wegen seiner Erkenntnisausgeschlossen wird. Er sucht ihn auf.
Jesus fragt: „Glaubst du an den Menschensohn?“ Der Mann sagt: „Wer ist es, Herr?“ Und Jesus: „Du hast ihn gesehen; der mit dir redet, der ist es.“
Hier wird die Begegnung vollendet. Der Mann wird nicht nur „gesund“, er wird ein Jünger. Er tritt in die Beziehung ein, die trägt. Das ist ewiges Leben im johanneischen Sinn: erkennen, wer Christus ist.
Amen.










