3. Fastensonntag
08.03.2026 |
Predigt | Lesejahr A - 3. Fastensonntag - Joh 4,5-42
P. Ambrosius Leidinger, 08.03.2026
Liebe Schwestern und Brüder,
die Fastenzeit ist eine Zeit, in der uns Gott nicht zuerst Aufgaben aufgibt, sondern Fragen stellt. Nicht: Was kannst du leisten? Wie wirst du besser? Sondern: Wovon lebst du? Und radikal: Was fehlt dir wirklich? Was suchst du im letzten?
Das heute Evangelium wurde in der Frühen Kirche den Taufbewerbern, die in der Osternacht getauft wurden, vorgelesen und die Woche über ausgelegt. Das gilt auch für alle anderen Sonntagsevangelien der Fastenzeit. Die eigentliche Frage bei all dem war: Wer ist Gott, der sich in Christus gezeigt hat? Wer ist er für mich?
Das Evangelium vom Jakobsbrunnen zeigteinen Weg in die Tiefe. Es ist nicht so sehr eine moralische Geschichte über eine Frau mit einer komplizierten Biografie, auch nicht so sehr ein Dialog über Religion, über „richtiges Beten“ oder über ethnische Grenzen. Es ist vor allem eine Begegnung: ein Mensch trifft auf Christus. UndChristus schenkt Nähe ohne zu vereinnahmen, er fragt nach der Wahrheit, aber ohne zu beschämen,er offenbart seine Göttlichkeit im Alltäglichen. Und am Ende ist aus der Frau am Brunnen keine moralisch perfekte Person geworden, sondern eine Frau mit einer großen inneren Freiheit, von Christus geschenkt.
Romano Guardini hat oft gesagt: In Jesus begegnet uns nicht eine Lehre, sondern ein Du. Christsein ist nicht zuerst ein System, esgeschieht dort, wo einer wirklich zu Christus in Beziehung tritt.
Die Beziehung hier im Evangelium beginnt am Brunnen, in der Hitze, in der Müdigkeit, mitten im Alltag. Genau dort setzt Gott an.
„Jesus war müde vom Weg und setzte sich an den Brunnen.“
Das ist ein erstaunlicher Satz. Gott beginnt nicht von oben. Er beginnt von unten, aus der Erschöpfung.
Der Brunnen ist ein Ort der Tiefe. Kein Wasserhahn, aus dem schnell das Wasser fließt. Man muss das Gefäß tief hinablassen, um zu schöpfen. Der erste Satz des großen Romans von Thomas Mann „Josef und seine Brüder“ lautet: „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ Die Urväter waren schon hier am Brunnen. So können wir doch auch sagen: Tief ist der Brunnen des Lebens mit dem lebendigen Gott, sollte man ihn nicht unergründlich nennen?
Die Frau kommt mittags. Zur falschen Zeit. Nicht morgens. Nicht abends. Nicht, wenn man sich trifft. Und sie kommt allein. Das Evangelium erzählt das nicht beiläufig, sondern ganz präzise.Sie hat eine Lebensgeschichte, für die sie sich schämt. Das macht sie vorsichtig.
„Scham isoliert, nicht weil wir schlecht sind“,sagt Henri Nouwen, „sondern weil wir glauben, nicht liebenswert zu sein.“
Die Frau meidet den Blick der anderen. Und genau dort setzt Gott sich hin. Jesus sagt nicht: Ich weiß, wer du bist. Ich kenne deine Geschichte. Ich habe für dich eine Antwort.
Er sagt: „Gib mir zu trinken.“ Gott bittet. Eigentlich ist das ein Skandal.
Die Frau empfindet es selbst. „Du bist Jude, und ich bin eine samaritanische Frau.“ Religion. Geschichte. Geschlecht. Alles spricht gegen dieses Gespräch. Und doch bleibt Jesus.
Jesus spricht vom lebendigen Wasser. Nicht von einem besseren Leben.
Christlicher Glaube führt nicht zur Verachtung der Welt. Er bringt eine nüchterne Erkenntnis: Das Endliche ist gut – aber es ist nicht Gott. Wer vom Endlichen das Letzte erwartet, wird enttäuscht. Nicht weil das Endliche schlecht wäre, sondern weil es nicht groß genug ist, das Herz zu tragen.
Der Durst der Frau ist kein körperlicher. Er ist ein existenzieller.
Carlo Carretto schreibt: „Der Mensch stirbt nicht an Hunger, sondern an Sinnlosigkeit.“
Jesus spricht ihre Geschichte an. Fünf Männer. Der jetzige ist nicht ihr Mann. Kein Urteil. Kein Zeigefinger.
Jesus stellt sie nicht bloß. Er enthüllt nicht, um sie vorzuführen. Er legt frei, damit sie frei wird. Der Ton ist entscheidend. Jesus hat schon vorher um Wasser gebeten. Er hat vorher schon Nähe geschaffen.
Der Münsteraner Spiritual Johannes Boursschrieb:
„Wahrheit ist nur dann heilend, wenn sie getragen ist von Wohlwollen.“
„Wahrheit ist nur dann heilend, wenn sie getragen ist von Wohlwollen.“
Die Frau wechselt das Thema: „Ich sehe, du bist ein Prophet. Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet… ihr sagt: in Jerusalem…“
Sie lenkt ab und beginnt eine religiöse Debatte. Berg gegen Berg, Tradition gegen Tradition. Vielleicht auch, um die eigene Lebensgeschichte auf Abstand zu halten: Wenn man theologisch diskutiert oder eine Theorie erörtert, muss man ja nicht über sich selbst sprechen.
Jesus geht darauf ein – aber er führt tiefer: „Es kommt die Stunde… die wahren Beter beten den Vater an im Geist und in der Wahrheit.“
Das ist keine Abschaffung von Gebets- Ort und Gebets- Form, sondern die Entlarvung eines Missverständnisses: Anbetung hängt nicht vom Ort ab, sondern von der inneren Haltung. Geist und Wahrheit heißt: Im Innersten, nicht im bloßen Ritual, heißt mit einem Herzen, das sich Gott öffnet.
Dann sagt Jesus einen der stärksten Sätze des Johannesevangeliums: „Ich bin es, der mit dir spricht.“
Das zeigt, wie Gott handelt. Er geht an den Rand. Er spricht in die Hitze des Alltags hinein. Und er spricht nicht als Theorie, sondern als Gegenwart: „Ich bin es.“
Die Frau lässt ihren Krug stehen. Auch das ist keine Nebensache. Es ist ein Symbol. Der Krug steht für das alte Schöpfen. Für alte Strategien.
Der Krug, das Alte bleibt zurück. Ein stilles, aber ein starkes Bild für das Immer-wieder-Schöpfen ohne wirklich den Durst zu stillen, ohne wirklich zu leben.
Viele Veränderungen in unserer Zeit sind nur Optimierungen im selben System. Man wechselt die Technik, aber nicht das Herz. Man verändert die Oberfläche, aber nicht die Quelle. Die Frau aber macht einen wirklichen Sprung: Sie verlässt die Logik ihrer Scham, ihrer heimlichen Wege, ihrer isolierten Mittagsstunden. Sie tritt ins Licht. Sie wird Zeugin.
Die Frau sagt im Dorf zu allen: „Kommt und seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat…“ Sie sagt nicht: „Ich habe jetzt alles verstanden.“ Sie sagt: „Kommt und seht.“
Wir sind mit Vielem beschäftigt, aber oft nicht zufrieden. Wir sind „voll“ und doch leer. Wir essen, wir konsumieren, wir arbeiten – und trotzdem bleibt eine innere Unterernährung. Jesus sagt: Es gibt eine Nahrung, die anders ist: Beziehung als Sinn, Liebe als Auftrag.
Und hier wird es für uns als Kirche konkret. Wir können sehr beschäftigt sein – auch mit religiösen Dingen – und dennoch innerlich verdursten. Wir können funktionieren und dabei unser Herz verlieren. Deshalb ist die Fastenzeit im Eigentlichen Hinkehr zur Quelle, Hinkehr zu Jesus, der mit uns ist in der Hitze des Alltags. „Ich bin es, der mit dir spricht.“
Amen.










