2. Fastensonntag

01.03.2026 |

Predigt | Lesejahr A - 2 Fastensonntag - Mt. 17, 1-9

P. Ambrosius Leidinger, 01.03.2026
 
Liebe Schwestern und Brüder,
 
es gibt Erfahrungen, die nicht planbar sind. Man kann sie nicht herbeiführen, nicht absichern, nicht wiederholen. Und doch weiß man danach: Etwas hat sich in meinem Leben verändert.
Die Verklärung Jesu ist kein überirdisches Schauspiel. Sie ist ein Moment verdichteter Wirklichkeit. Jesus wird nicht jemand anderes, er tritt nicht aus der Geschichte heraus, aber er wird sichtbar in seiner Tiefe.
Das Evangelium erzählt von einer Wahrheit, die sonst verborgen bleibt.
Jesus nimmt drei Jünger mit auf einen hohen Berg. Nicht alle. Nicht die Vielen. Der Berg ist ein Ort der Sammlung, ein Ort der Verdichtung. In der Sprache der Mystik: ein Ort, an dem das Zerstreute wieder zu sich kommt.
Schon der hl. Ambrosius wusste: „Der Lärm kommt vom Teufel, die Stille ist von Gott.“
Und Meister Eckhart: „Gott wirkt nicht im Lärm der Vielheit, sondern im stillen Grund der Seele.“
Fastenzeit heißt deshalb nicht zuerst weniger essen, weniger genießen. Fastenzeit heißt: weniger zerstreut sein, mehr bei sich sein.
 
Jesus wird verklärt. Nicht verwandelt in jemand anderen. Nicht erhöht über das Menschliche hinaus. Er wird durchlässig, ganz transparent für Gott. Das Licht kommt ja nicht von außen, es bricht vielmehr von innen hervor.
Hier berühren sich Evangelium und Mystik.
Hildegard von Bingen nennt diese innere Kraft viriditas: die grünende Lebendigkeit, die aufscheint, wenn der Mensch mit Gott im Einklang ist, wenn das Leben mit seinem Ursprung in Berührung kommt.
Es ist das Sichtbarwerden dessen, was immer schon da ist.
Johannes Tauler formuliert diese Erfahrung radikal: „Gott wird nicht neu im Menschen, sondern der Mensch wird neu für Gott.“
Mose und Elija erscheinen: Gesetz und Prophetie. Ordnung und Erwartung. Vergangenheit und Zukunft.
Beides gehört zur Geschichte Gottes mit den Menschen. Und doch tritt beides zurück.
Gott ist größer als jede Ordnung, weiter als jede religiöse Form.
Der Glaube lebt nicht aus der Fixierung, nicht aus dem Festhalten an Formen.
Simone Weil schreibt: „Das Heilige ist das, was man nicht benutzen kann.“
Was bleibt, ist Christus allein. Nicht als Idee. Nicht als System. Als Gegenwart.
Petrus möchte Hütten bauen. Er will den Augenblick festhalten. Das ist zutiefst menschlich.
Søren Kierkegaard schreibt dazu mit großer Klarheit: „Der Mensch verliert Gott dort, wo er ihn besitzen will.“
Das Heilige lässt sich nicht konservieren. Der Geist ist lebendig, er ist in Bewegung.
Eine Wolke überschattet sie. Nicht Klarheit. Nicht Erklärung. Die Stimme kommt aus der Verhüllung. „Das ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören.“
Gott fordert kein Begreifen. Er fordert Zuwendung.
Die Angst ist ein legitimer Begleiter der Gottesnähe. Die Jünger fallen nieder. Sie fürchten sich. Angst ist kein Gegenbeweis zur Gotteserfahrung. Sie ist oft ihr Begleiter.
Johannes Tauler schrieb: „Wo Gott den Menschen berührt, erschrickt zutiefst die Seele.“
Die Berührung ist das Entscheidende. Jesus tritt zu ihnen. Er berührt sie.
Henri Nouwen sagt: „Gott heilt nicht von oben herab, sondern durch geteilte Verletzlichkeit.“
Jesus tritt zu ihnen. Er berührt sie. Kein Licht. Kein Donner. Berührung. Und er sagt: „Steh auf. Fürchte dich nicht.“
Das ist keine moralische Aufforderung. Es ist eine Zusage von Würde.
Du darfst stehen. Du darfst leben. Du zielt auf die menschliche Würde.
Sie steigen hinab, zurück ins Tal, zurück in Konflikt und Unklarheit. Die Verklärung wird nicht wiederholt. Aber sie wirkt nach.
Die Verklärung bleibt nicht auf dem Berg. Sie wird tragfähig für das Leben im Tal. Fastenzeit heißt: nicht oben bleiben, sondern verwandelt zurückkehren ins Tal des Alltäglichen.
Thomas Merton formulierte: „Wahre Gotteserfahrung zeigt sich daran, dass man nach ihr menschlicher ist als zuvor.“
Vielleicht ist das die Frage dieses Sonntags:
Wo möchte ich festhalten, statt mich verwandeln zu lassen?
Und vielleicht ist die Verheißung: Christus hat dich bereits berührt und verändert. Steh auf. Fürchte dich nicht.
 
Amen
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater