6. Sonntag
15.02.2026 |
Predigt | Lesejahr A - 6. Sonntag - Mt. 5, 17-37
P. Ambrosius Leidinger, 15.02.2026
Liebe Schwester und Brüder!
Es gibt zwei Arten, wie man „Regeln“ verstehen kann.
Die erste Art: Als Drohung. „Pass auf, sonst…“ Dann wird jedes Gebot ein Druckmittel, und am Ende bleibt entweder Angst oder Trotz.
Die zweite Art: Als Schutzraum. Wie Leitplanken an einer gefährlichen Straße. Nicht, weil man uns die Freiheit nehmen will, sondern weil Freiheit ohne Richtung oft in den Abgrund führt.
Heute hören wir Jesus über das Gesetz sprechen. Und ehrlich: Das ist ein Abschnitt, der viele irritiert. Weil er anstrengend klingt. Weil er „schärfer“ wirkt als das, was wir gern hätten.
Und doch beginnt Jesus nicht hart, sondern klar: „Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“
Ganz wichtig, gerade heute: Dieses Evangelium ist keine Abwertung des Judentums. Jesus spricht hier als Jude innerhalb einer jüdischen Debatte darüber, wie man Gottes Willen lebt. Es geht nicht um „Judentum = Gesetzlichkeit“ und „Jesus = Freiheit“.
Jesus sagt vielmehr: Gottes Wille ist nicht verhandelbar – aber er ist auch kein kaltes Regelwerk. Er ist Bund, Beziehung, Weg ins Leben.
„Erfüllen“ heißt dann nicht: „noch mehr Vorschriften draufpacken“, sondern: den Sinn freilegen – das Herz der Tora, das Herz der Propheten: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Treue. Oder noch einfacher: Schutz des Lebens. Schutz der Würde. Schutz der Beziehung.
Dann sagt Jesus diesen Satz, der unbequem ist:
„Wenn eure Gerechtigkeit nicht größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer…“
„Wenn eure Gerechtigkeit nicht größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer…“
Auch hier: nicht als Spott über andere Fromme. Sondern als Weckruf. Denn „größer“ heißt nicht: „perfekter“, „fehlerloser“, „heiliger im Sinne von tadellos“.
„Größer“ heißt: nicht beim Minimum stehenbleiben. Nicht: „Hauptsache, ich habe formal nichts falsch gemacht.“ Sondern: „Was macht mein Tun mit Menschen? Dient es dem Leben?“
Jesus verlegt Ethik vom reinen Regelgehorsam hin zu einer Beziehungs- und Würdeethik. Nicht: „Wie komme ich durch, ohne schuldig zu werden?“ Sondern: „Wie wird durch mich Leben möglich?“
Und dann folgen diese Sätze, die immer gleich anfangen: „Ihr habt gehört… Ich aber sage euch…“
Das ist keine Abschaffung, sondern eine Vertiefung: vom Außen ins Innen – und damit auch vom Privatbereich ins Gesellschaftliche. Denn Innen und Außen hängen zusammen.
„Du sollst nicht töten“
Jesus beginnt mit dem Klarsten: Mord ist nicht in Ordnung. Da sind wir uns einig. Und dann macht er etwas Entscheidendes: Er nimmt das Gebot ernst – so ernst, dass er fragt: Wo beginnt Töten eigentlich?
Er sagt: Wer den Bruder, die Schwester herabsetzt, wer beschimpft, wer verachtet – der vergiftet Leben. Das ist erschreckend aktuell, in der Politik, in Kommentarspalten, in Gesprächen, am Arbeitsplatz, manchmal sogar am Küchentisch.
Man tötet heute nicht nur mit Waffen. Man tötet auch mit Zynismus, mit Demütigung, mit Entwürdigung.
Und Jesus sagt: Gott sieht das. Nicht, um uns zu kontrollieren, sondern weil er Anwalt der Würde ist. Dann kommt dieser radikale Satz: Wenn du etwas zum Altar bringst und merkst, da ist etwas zwischen dir und einem anderem, dann geh zuerst und versöhne dich.
Das ist ein starkes Kriterium: Gottesdienst ohne Versöhnungsbereitschaft ist wie eine Lampe ohne Strom, eine schöne Form, aber ohne Licht.
Versöhnung heißt nicht, dass alles wieder wie früher wird. Manche Beziehungen brauchen Grenzen. Manche Geschichten brauchen Schutz. Aber Versöhnung heißt mindestens: Ich lasse den anderen nicht in der Schublade „Feind“ verrotten.
Ich bete nicht nur im Gottesdienst, ich suche, wo möglich, einen Schritt der Klärung, der Heilung, der Entgiftung.
„Du sollst nicht die Ehe brechen“
Dann wird Jesus noch sensibler – und auch missverständlicher. Er sagt sinngemäß: Ehebruch beginnt nicht erst im Bett, sondern da, wo ein Mensch im Herzen schon zum Objekt gemacht wird.
Das ist keine Sexualfeindlichkeit. Jesus dämonisiert nicht die Körperlichkeit. Er kritisiert etwas anderes: den Blick, der nicht mehr liebt, sondern nimmt.
In heutiger Sprache: Nicht jede Anziehung ist Sünde. Nicht jedes Begehren ist schlecht. Aber dort, wo Menschen reduziert werden auf Körper, auf Nutzen, auf Konsum –, dort kippt etwas.
Und wir wissen: Diese Zum-Objekt-machen ist nicht harmlos. Sie prägt Kulturen, sie prägt Machtverhältnisse, sie prägt auch Selbstbilder. Sie kann Beziehungen vergiften und Menschen innerlich entwürdigen.
Jesus will eine Liebe, die nicht konsumiert, sondern achtet. Eine Sexualität, die nicht ausnutzt, sondern würdigt. Eine Beziehungskultur, in der niemand benutzt wird – weder körperlich noch emotional.
Und dann kommen diese drastischen Bilder mit Auge und Hand. Ganz klar: Das ist keine Aufforderung zu Selbstverletzung. Jesus spricht hier in einer starken Übertreibung, um deutlich zu machen: Wenn dich etwas regelmäßig in Unfreiheit zieht – dann nimm es ernst. Dann setze Grenzen. Dann entferne, was dich zerstört: bestimmte Medien, bestimmte Dynamiken, bestimmte Situationen, die immer wieder kippen.
Heiligkeit heißt hier sehr bodenständig: Nimm dich und andere ernst. Schütze die Würde.
Dann: Scheidung.
Dann kommt der Teil, der viele schmerzt oder wütend macht, weil er oft lieblos verwendet wurde. Man muss den Hintergrund sehen: In der damaligen Kultur konnten Männer Frauen relativ leicht „wegschicken“. Für viele Frauen war das existenziell bedrohlich: ökonomisch, sozial, rechtlich.
Wenn Jesus hier gegen leichtfertige Scheidung spricht, dann sagt er: Ihr dürft Menschen nicht wie Gegenstände entsorgen. Gottes Wille ist nicht Besitzrecht, sondern Schutzrecht. Das ist der progressive Kern: Jesus stellt sich gegen eine Praxis, die strukturell verletzlich macht.
Und gleichzeitig: Wir dürfen Jesu Worte nicht verwenden, um heute Menschen zu beschämen, die in einer gescheiterten Ehe gelitten haben, vielleicht sogar Gewalt erlebt haben, oder die um der Kinder willen, um des eigenen Überlebens willen gehen mussten.
Christliche Treue ist ein hoher Wert – ja. Aber sie ist kein Knüppel. Und Gottes Barmherzigkeit ist nicht die zweite Wahl. Sie ist das Herz.
Wenn Kirche „Licht der Welt“ sein will, dann gerade hier: nicht durch Stigmatisierung, sondern durch Begleitung; nicht durch Ideale, die über Menschen hinwegrollen, sondern durch Schutz, durch Wahrheit und Barmherzigkeit.
„Schwört überhaupt nicht“
Zum Schluss wird es fast schlicht: Jesus sagt: Macht keine großen religiösen Schwüre. Sagt nicht dauernd: „Ich schwöre bei Gott…“ Sondern: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein.“
Das ist erstaunlich aktuell in einer Zeit von Halb- und Unwahrheiten, von Inszenierung, von „Ich sag‘s mal so, dass ich nachher nicht festgenagelt werden kann“.
Jesus wünscht sich Menschen, denen man glauben kann. Nicht, weil sie perfekt sind, sondern weil sie integer sind: Wenn sie Ja sagen, meinen sie Ja. Wenn sie Nein sagen, meinen sie Nein. Wenn sie falsch lagen, können sie es korrigieren.
Das ist eine Form von Heiligkeit, die jede Gesellschaft braucht: Verlässlichkeit, Wahrhaftigkeit, Charakter.
Wenn man das Evangelium heute als Drohpredigt liest, bleibt Druck. Wenn man es als Einladung liest, bleibt Richtung. Jesus sagt nicht: „Seid endlich fehlerlos.“ Er sagt: Gebt euch nicht mit einem Leben zufrieden, in dem ihr nur das Nötigste tut. Wählt die Fülle: Fülle der Versöhnung, Fülle der Würde, Fülle der Treue, Fülle der Wahrheit.
Und dann ist „Gesetz erfüllen“ nicht Last, sondern Licht: Gottes Wille als Schutzraum, in dem Menschen atmen können.
Amen.










