5. Sonntag

08.02.2026 |

Predigt | Lesejahr A - 5. Sonntag - Mt. 5, 13-16

P. Ambrosius Leidinger, 08.02.2026
 
Liebe Schwester und Brüder!
 
Es gibt Sätze Jesu, die klingen auf’s erste Hinhören wie ein Kompliment. Und wenn man dann genauer hinhört, kann man erschrecken: Sie sind nicht nur ein Kompliment – sie beinhalten auch einen großen Anspruch. Heute sagt Jesus nicht: „Ihr sollt Salz sein. Ihr sollt Licht sein.“ Er sagt: „Ihr seid es.“ „Ihr seid Salz der Erde… Ihr seid Licht der Welt.“ Wir sind es nicht, wenn wir es verdient haben, wenn wir als Christen gut genug sind. Wir sind es, weil wir Kinder Gottes sind: Und damit spricht Jesus unsere christliche Identität an.
 
Das erste Bild: „Ihr seid Salz“:
Salz braucht man nicht viel, aber es ist für den Geschmack entscheidend. Salz ist etwas Merkwürdiges: So unscheinbar es ist: Ein klein wenig davon und schon verändert es alles. Ein Essen kann noch so schön aussehen – ohne Salz ist es fad. Salz gibt Geschmack. Und eine zweite Eigenschaft: Salz schützt gleichzeitig vor Verderben. Übertragen heißt das: Christsein ist dazu da, Leben zu bewahren, vor Verderben zu schützen, Leben zu würzen, Lebensmöglichkeiten zu öffnen.
 
Und da sind wir dann plötzlich mitten im Heute:
Wir leben in einer Zeit, in der vieles „falsch“ schmeckt: Unsere Worte werden aggressiver, unsere Debatten härter, Menschen werden schneller abgeurteilt und abgewertet. Manchmal ist die Luft richtig salzarm – nicht im wörtlichen Sinn, sondern im Sinn von: Es fehlt das, was das Menschliche bewahrt. Salz sein heißt: eine andere Qualität ins Klima bringen, in Gespräche weniger Gift, mehr Wahrheit,
in Entscheidungen weniger Eigennutz, mehr Gemeinwohl, in Beziehungen weniger Abwertung, mehr Respekt, in Konflikten weniger Eskalation, mehr Klärung.
Und wie Salz ist das oft nicht spektakulär – aber es wirkt entscheidend.
Weiter lesen wir: „Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen?“ Auf uns übertragen meint das Bild: Es gibt eine Form von Christsein, die zwar nach außen vorhanden ist, aber innerlich irgendwie wirkungslos ist.
 
Wodurch verliert Salz „Geschmack“ – geistlich gesprochen? Vielleicht durch eine Religion, die nur noch Gewohnheit ist, eine Kirche, die mehr um sich selbst kreist als um die Menschen, die ihr anvertraut sind, ein Glaube, der eher Angst produziert als Freiheit, oder eine Frömmigkeit, die sich in Worten erschöpft und nicht in der Liebe ankommt. „Salzlos“ wird Glaube dort, wo er nicht mehr kritisch-liebevoll gelebt wird. Wo er nicht mehr fragt. Wo er sich im Bestehenden unkritisch einrichtet oder undifferenziert nur Negatives sieht, oder sich im vermeintlich besseren Vergangenen einrichtet, statt Gottes Reich als Unruhe im Herzen zu tragen.
Jesus warnt vor einem Christentum ohne Salz. Er will keine fromme Tapete. Er will ein Leben, durch das spürbar wird: Gottes Weisung ist mir nicht egal, Gott ist mir wichtig.
 
Das zweite Bild, das Jesus gebraucht, ist das Licht: „Ihr seid das Licht der Welt.“
Licht ist nicht dazu da, dass man es bewundert wie ein Schlossfeuerwerk. Licht hat eine ganz und gar dienende Funktion. Licht ist dazu da, dass man sieht. Dass man den Weg findet. Dass man nicht stolpert.
Und dann dieses Bild: Man zündet kein Licht an und stellt es unter den Scheffel – also unter ein Gefäß, das alles abdeckt. Es ist im Deutschen zum Sprichwort geworden: Sein Licht unter den Scheffel stellen. Jesus zeichnet ein Bild, das jeder versteht: Eine Lampe, die man anzündet und dann zudeckt, verfehlt ihren Sinn.
Wie stellt man heute sein Licht „unter den Scheffel“? Wenn wir aus Angst, schief angesehen zu werden, nie sagen, wofür wir stehen, wenn wir uns nie zum Glauben an Christus bekennen, wenn uns das unangenehm ist. Wenn wir Unrecht sehen, aber schweigen, weil es bequemer ist. Wenn wir uns in eine private manchmal sehr schräge Spiritualität zurückziehen, die niemanden berührt. Licht sein heißt: klar sein. Klar in der Hoffnung. Klar in der Solidarität. Ich hatte ein Gespräch mit einem 30 jährigen Mann, der vor einem Jahr aus der Kirche ausgetreten ist. Er erzählte mir, dass er sich nun geistlich heimatlos fühle und dass es ihm durch den Kirchenaustritt erst klar wurde, was ihm der Glaube bedeutet. Dieser Umweg wurde sein Weg. „Damit sie eure guten Werke sehen…“ heißt es weiter. Jesus sagt nicht: „Damit sie euch bewundern.“ Sondern: „Damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“
 
Gute Werke sind keine Selbstdarstellung. Sie sind Transparenz, sie sind wie ein Fenster. Ein Fenster sagt nicht: „Schau mich an!“ Ein Fenster lässt das Licht durch.
Wenn Christen Gutes tun, soll am Ende nicht der Eindruck stehen: „Was für tolle Leute haben hier gehandelt?“ Sondern: „Da ist etwas, was größer ist als unser Egoismus. Da ist Liebe, die trägt. Da ist etwas von Gott.“ Und ja, das schützt uns auch vor einer Falle: Wir leben in einer Zeit, in der man vieles tut, um gesehen zu werden.
 
Jesus dreht es um: Tut Gutes – nicht damit ihr glänzt und im Licht steht, sondern damit andere nicht im Dunkeln bleiben. Und nun die Frage an uns: Wo fehlt Salz? Wo fehlt Licht?
 
Vielleicht ist die Predigt heute am Ende ganz einfach eine Gewissenserforschung:
Wo braucht meine Umgebung Salz? Am Arbeitsplatz? In der Familie? In meinem sozialen Umfeld? Wo kippt etwas ins Bittere, ins Zynische, ins Respektlose?
Und: Wo braucht es Licht? Wo ist jemand orientierungslos? Wer sitzt im Schatten, weil er übersehen wird? Wo wird über Menschen geredet, statt mit ihnen?
Manchmal ist es nur eine Kleinigkeit, die alles verändern kann. Salz wirkt in kleinen Mengen. Eine kleine Kerze reicht, um ein ganzes Zimmer zu erleuchten.
Vielleicht ist es ein Gespräch, vielleicht ein unangenehmes, bei dem du aber nicht ausweichst, sondern dass du fair führst, ein „Nein“ zu einem Witz auf Kosten anderer, ein Besuch bei jemandem, der vereinsamt ist, eine konkrete Hilfe, die niemand sieht außer Gott, ein Gebet, das nicht fromm klingen muss, aber ehrlich ist.
Und noch einmal gesagt: Jesus sagt nicht: „Strengt euch an, dann werdet ihr Salz und Licht.“ Er sagt: „Ihr seid es.“ Das schenkt Würde. Das ist unsere christliche Würde. Das ist unsere christliche Identität. Und daraus erwächst Verantwortung.
Und dann, ganz schlicht: Die Welt wird nicht sofort perfekt. Aber durch dich kann sie ein wenig weniger dunkel sein. Und ein wenig weniger fad.
Du musst nicht selber die Sonne sein. Du darfst weitergeben, was du empfangen hast: Leben, das vom Evangelium Geschmack bekommen hat. Leben, das von Christus erleuchtet ist.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater