3. Sonntag

25.01.2026 |

Predigt | Lesejahr A - 3. Sonntag – Mt 4, 12-23

P. Ambrosius Leidinger, 25.01.2026
 
Liebe Schwestern und Brüder!
 
Es gibt Nachrichten, die einem den Wind aus den Segeln nehmen. Ein Anruf. Eine Meldung. Und plötzlich spürst du: Jetzt wird es richtig eng. So kann es nicht mehr weitergehen.
So beginnt auch das heutige Evangelium: „Als Jesus hörte, dass Johannes ausgeliefert worden war…“ Johannes, die klare Stimme. Johannes, der Mutige. Johannes, der Unbequeme. Jetzt ist er verstummt, weg, gefangen. Man könnte meinen: Jetzt ist es vorbei.
Wenn die Guten zum Schweigen gebracht werden, wenn Hoffnungsträger ausfallen, wenn Vorbilder verschwinden, dann fragt man sich, was man machen soll …“– Dann zieht man sich eher zurück und wartet vielleicht ab.
 
Aber Jesus handelt anders: Er zieht sich zwar nach Galiläa zurück, aber nicht aus Angst oder die Zukunft zu überlegen, sondern um neu zu beginnen. Und genau da, wo man nicht zuerst hinschauen würde, beginnt Gott sein großes Werk.
Gott fängt im „Randgebiet“ an. Matthäus ist da sehr genau: Galiläa, Kafarnaum, „Gebiet von Sebulon und Naftali“ – das klingt für uns wie eine Landkarte, aber es ist eine Botschaft: Das ist nicht das religiöse Zentrum, nicht Jerusalem, nicht der Tempel. Das ist die Gegend, die man schnell als „Provinz“ abstempelt, noch viel schlimmer: die Gegend dort ist halb heidnisch. Und das sind wir bei der Beschreibung unserer Gesellschaft heute, die ja auch halbheidnisch ist.
Eine Gesellschaft, in der sich vieles mischt: Sprachen, Kulturen, Erwartungen.
Man könnte sagen: ein Ort mit viel Alltag – und mit viel Schatten. Und genau da erfüllt sich das Wort: „Das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen.“
Ich glaube, das ist schon die erste gute Nachricht für uns: Gott beginnt mitten im Unfertigen, mitten im Durcheinander, mitten im Alltag, und gerade nicht, wenn alles strahlt.
 
Vielleicht ist dein „Galiläa“ gerade eine überfordernde Familiensituation, ein Arbeitsplatz, an dem du dich nicht mehr wohlfühlst, der dich auslaugt, eine Sorge, die wie eine Last auf dir liegt, Menschen in deiner Umgebung, die dir nur noch auf die Nerven gehen, eine alte Schuld, die wie ein Schatten hinter dir hergeht. Genau dort – nicht irgendwann woanders – will Christus sein Licht anzünden.
Jesu erste Predigt ist kurz und sie trifft: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“
„Kehrt um“ – das klingt wie ein Befehl. Aber im Evangelium ist es eine Einladung zur Richtungskorrektur. Umkehr heißt: Nicht nur „ich mache jetzt weniger Fehler“, sondern: Ich lasse Gott wieder mehr ans Steuer meines Lebens. Ich höre auf, mich von Angst, Stolz, Verletzung, Bequemlichkeit treiben zu lassen. Ich schaue wieder auf Christus. Und dann der Grund: Nicht: „Sonst wirst du bestraft“, sondern: „Denn das Himmelreich ist nahe.“ Das heißt: Gott ist nicht fern.
 
Umkehr ist ein Aufwachen, ein Sensibel-Werden für Gottes Gegenwart mitten im Alltag.
Und jetzt kommt die Szene, die ganz schlicht ist: Sie ist so holzschnittartig geschrieben, dass sie sich ganz auf das Wesentliche konzentriert. Jesus geht am See entlang. Er sieht Fischer. Ganz normale Leute mit Händen, die rau sind von der Arbeit, Rücken, die müde sind, Gedanken, die sich um den nächsten Tag drehen.
Und er sagt nicht: „Kommt, wenn ihr würdig seid, wenn ihr alles verstanden habt.“
Jesus ruft nicht zuerst die Perfekten, die alles wissen und können , vor allem alles besser wissen. Jesus ruft also keine Leute, die zum Tempelpersonal gehören. An einer anderen Stelle berichtet Matthäus wie Jesus sagte: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen“. Er ruft Menschen, die mitten im Leben stehen.
Und dann heißt es zweimal im Evangelium: „Sogleich“ ließen sie die Netze liegen. „Sogleich“ ließen sie das Boot und den Vater zurück.
 
Dieses „sogleich“ ist unbequem, weil es uns zeigt, wie gern wir sagen: „Ja, Herr… später.“ „Ja, Herr… irgendwann, wenn’s ruhiger ist.“ „Ja, Herr… wenn ich mehr Zeit habe, wenn ich mich besser fühle.“
Aber das Evangelium lehrt uns: Die Gnade kommt nur im Jetzt.
„Ich werde euch zu Menschenfischern machen“ – das ist kein Jobwechsel, das ist Sendung. Und diese Sendung gilt nicht nur für die Apostel oder die Priester, sondern für jeden Christenmenschen.
Jesus macht aus Fischern Menschenfischer. Ich fand dieses Wortspiel immer ziemlich äußerlich und oberflächlich. Aber die Botschaft ist tief: Ein Fischer holt heraus, was sonst untergeht. Er zieht aus der Tiefe ans Licht.
 
Christus sagt also: „Kommt, und euer Leben bekommt eine Richtung: Menschen sollen nicht untergehen, sondern durch dich leben. Menschen sollen durch euch nicht im Dunkeln bleiben, sondern Licht sehen.“
Und das passiert eher nicht auf „großer Bühne“. Es muss nichts großes, Dramatisches sein. Menschenfischer sein heißt oft ganz einfach: jemandem zuhören, der sonst niemanden hat, ein Wort der Hoffnung sagen statt ein Urteil, einen Streit beenden, indem man nicht zurückschlägt, für jemanden beten, der sich selbst schon aufgegeben hat, im Alltag zeigen: Gott ist nicht fern.
Und jetzt: Was sind unsere Netze? Die Jünger lassen die Netze liegen. Damit ist etwas Existenzielles gemeint. Netze sind das, was uns Sicherheit gibt. Netze sind das, womit wir „unsere Welt in den Griff“ bekommen wollen. Das ist das Positive. Und das Negative: Netze können immer auch Fangnetze sein. Wir selber können darin gefangen sein.
 
Unsere Netze heute können sein: gefangen durch den Drang, immer recht haben zu müssen, gefangen durch die Angst, etwas zu verlieren, eine Gewohnheit, die mich bindet in unguten Sinn, eine Bitterkeit, die ich pflege wie einen Schatz, Ablenkung, die mich betäubt, ein Lebensstil, der voll ist – aber innerlich leer.
Jesus sagt nicht: „Du darfst keine Netze haben.“ Aber er fragt: „Halten die Netze dich fest – oder sind sie eine Bindung, die dich frei und glücklich macht, die dir ein Zuhause schafft, auch ein Zuhause bei Gott.
Und er lädt ein: „Lass los, was dich gefangen hält – und folge mir.“
Jesus geht auch heute am Ufer entlang. Das Evangelium endet nicht bei der Berufung, sondern Jesus zieht weiter durch Galiläa, lehrt, verkündet, heilt. Wo Jesus ist, wird das Reich Gottes konkret..
Und das ist die entscheidende Frage dieses Sonntags:
Wo geht Jesus heute an meinem Ufer entlang? In welcher Situation schaut er mich an? Welche Einladung sagt er zu mir?
 
Vielleicht ist es nur ein erster Schritt: wieder zu beten – schlicht, ehrlich, sich nicht durch die Zerstreuung mutlos machen zu lassen, die Bibel aufschlagen und nicht gleich wieder zuschlagen, einen Menschen anrufen, mit dem es kalt geworden ist, eine Beichte wagen, damit das Dunkel endlich Licht bekommt.
Jesus sagt: „Komm.“
 
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater