2. Sonntag

18.01.2026 |

Predigt | Lesejahr A - 2. Sonntag – Joh 1,29–34

P. Ambrosius Leidinger, 18.01.2026
 
Liebe Schwestern und Brüder!
 
Manchmal genügt eine einzige Geste, um alles zu verändern: Ein Kind zeigt mit dem Finger auf einen Hund, und plötzlich siehst du ihn auch. Ein Freund zeigt dir: „Dort ist der Weg! So kommst Du weiter!“ – und es tut sich eine neue Perspektive auf. Ein Arzt zeigt auf: „Da ist die Ursache“ – und endlich beginnt Heilung.
Heute im Evangelium macht Johannes der Täufer genau das: Er zeigt.
Nicht auf sich und sein Werk, nicht auf seine Erfolge. Er zeigt auf Jesus und sagt: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“
Johannes sagt nicht: „Denkt nach!“ oder „Diskutiert!“ oder „Bewertet!“ Er sagt: „Seht!“ Glaube beginnt oft mit einem Blick, mit dem Mut, hinzuschauen auf Christus, wie er wirklich ist.
Wir leben in einer Zeit, in der wir ununterbrochen auf Bildschirme schauen. Nachrichten, Vergleiche, Sorgen überschwemmen uns. Und doch sehen wir oft das Wichtigste nicht.
Johannes ruft: „Schau einmal dorthin!“ Nicht auf dich und deine Befindlichkeit, nicht auf dein Image. Schau auf Jesus.
Und das ist manchmal schon der größte Schritt.
Das Bild des Lammes bedeutet: Gott kommt nicht mit Gewalt.
Er kommt nicht als Löwe, als Krieger, als Superstar. Ein Lamm ist verletzlich, ist still, ist sanft. Und genau so kommt Gott: nicht mit Druck, sondern mit Hingabe.
Das Lamm erinnert an das Pascha-Lamm, erinnert an die Befreiung aus der Sklaverei, die Befreiung durch Gottes Handeln. Für uns: innerlich frei werden durch Vertrauen auf Gott. Und es erinnert an den leidenden Gottesknecht, ein Bildwort beim Propheten Jesaja: Einer, der trägt, was andere nicht tragen können.
Das heißt: Gott begegnet dir nicht zuerst als der, der dich anklagt, sondern als der, der sagt: „Gib her. Leg es mir hin. Ich trage es.“
Was ist das konkret?
Vielleicht ist es eine Sünde, die du längst kennst. Vielleicht ist es eine alte Unversöhnlichkeit. Vielleicht eine Abhängigkeit, eine Unordnung, die du schönredest.
Vielleicht ist es auch diese „Sünde der Welt“: dieses Klima aus Härte, Zynismus, Ungerechtigkeit, in dem man selber plötzlich mitmacht – obwohl man es eigentlich nicht will.
Johannes sagt nicht: „Das Lamm Gottes, das dir moralisch erklärt wie du dich bessern sollst.“ Sondern: „…das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Wie einer, der nicht diskutiert, ob der Rucksack schwer ist, sondern ihn nimmt und sagt: „Komm, ich trage.“
Zweimal sagt Johannes Erstaunliches: „Ich kannte ihn nicht.“ Johannes ist der Prophet, der Vorläufer, und er sagt: „Ich hätte ihn nicht erkannt, wenn Gott es mir nicht gezeigt hätte.“
Das ist doch sehr tröstlich. Denn manchmal denken wir: „Wenn ich besser glauben könnte, dann würde ich Gott immer spüren.“ Oder: „Wenn Gott wirklich da wäre, wäre alles klar.“
Nein. Auch Johannes lebt aus Zeichen, aus Führung, aus Gnade.
Und vielleicht ist das heute eine zarte Einladung: Du musst nicht alles „im Griff“ haben. Du darfst suchen. Du darfst fragen. Aber bleib dort, wo du ihn erkennen kannst: im Gebet, im Wort, in den Sakramenten, in der konkreten Liebe.
„Ich sah den Geist herabkommen“ – und er blieb
Der zweite große Satz: Der Geist kommt herab – und bleibt.
Es ist kein kurzes religiöses Hochgefühl, nicht nur ein Moment, der wieder verpufft. Er bleibt. Und da wird es ganz persönlich: Gott will nicht nur gelegentlich Gast sein in deinem Leben. Er will Wohnung nehmen bei dir.
Der Heilige Geist will nicht nur „vorbeischauen“, sondern bleiben: in deinen Entscheidungen, in deinem Denken, in deinen Beziehungen.
Und wie merkt man das?
Oft nicht spektakulär. Eher so: - Du wirst innerlich freier. -Du kannst um Verzeihung bitten. - Du hörst auf, dich ständig zu verteidigen. - Du betest nicht perfekt, aber ehrlich. - Du beginnst, anders zu sprechen weniger negativ, mehr aufbauend.
Der Geist bleibt – wenn wir ihm Platz machen.
Johannes zeigt auf Jesus – und verschwindet: Das ist echte Größe.
Johannes macht sich selbst nicht zum Mittelpunkt. Er sagt praktisch: „Ich bin nicht wichtig. Er ist wichtig.“ Das ist echte geistliche Reife: Nicht: „Schaut, was ich kann.“ Sondern: „Schaut, wer er ist.“
Und da sind wir bei uns: Christsein heißt, Hinweis-Schild zu sein. Ein Mensch, der durch sein Leben sagt: „Da ist einer, der trägt. Da ist einer, der rettet. Da ist einer, der liebt.“
Manchmal ist das nur etwas Kleines: ein Satz, der Hoffnung gibt, ein Anruf, obwohl man keine Lust hat, ein stilles Gebet für jemanden, den man nicht ändern kann.
„Seht das Lamm Gottes“
Der Priester zeigt in der Eucharistiefeier die konsekrierte Hostie und sagt: Seht das Lamm Gottes.“
Es ist Evangelium mitten im Heute. Als wollte die Kirche sagen: „Das ist nicht nur damals am Jordan passiert. Es passiert jetzt.“
Hier ist er. Nicht als Idee. Nicht als Theorie, sondern als Gegenwart: der, der hinwegnimmt, der heilt, der rettet.
Und dann antworten wir: „Herr, ich bin nicht würdig…“ Das ist Vertrauen: „Ich kann mich nicht selbst erlösen. Aber du kannst.“
Heute zeigt Johannes auf Jesus. Und Jesus schaut auf uns.
Vielleicht ist die Bitte für diese Woche: „Herr, lehre mich schauen.“
Und dann leise, aber entschieden: „Nimm hinweg, was mich und unsere Welt krank macht. Und mach auch mich zu einem Zeugen, der durch dein Leben auf dich zeigt.“
 
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater