Pharisäer und Zöllner im Tempel

26.10.2025 |

Predigt | Lesejahr C 30. Sonntag | Lk 18,9–14

P. Ambrosius Leidinger, 26.10.2025
gehalten in St. Elisabeth
 
Liebe Schwestern und Brüder!
Zwei Menschen betreten den Tempel. Der eine stellt sich nach vorn, ins Licht; der andere bleibt hinten stehen, im Halbschatten. Beide reden – aber nur einer spricht mit Gott. Der Pharisäer zählt Verdienste auf, der Zöllner zählt nichts auf. Er schlägt sich an die Brust und sagt: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Jesus’ Pointe ist knapp und scharf: Der, der nichts vorzuweisen hat, aber ehrlich vor Gott steht, geht gerechtfertigt nach Hause. Drei Punkte möchte ich ansprechen.
 
Den ersten möchte ich überschreiben: Die Bühne der Frommen und das Schweigen Gottes. Der Pharisäer betet eigentlich nicht – er performt, wie man heute sagen würde. Er spricht „zu sich selbst“. Sein „Gott, ich danke dir“ ist Einleitung zu einem langen Vergleich: „dass ich nicht bin wie die anderen Menschen.“ Er braucht die Anderen als Folie für die eigene Helligkeit. Das ist nicht nur ein Pharisäer-Problem. Es ist genau die Versuchung unserer heutigen Zeit. Alles wird unter dem Gesichtspunkt der Selbstoptimierung, der Selbstdarstellung, gesehen: Das Ich wird zum Projekt, das perfekt dastehen soll. Selbst Spiritualität wird messbar. Der Pharisäer fastet, heute fastet man in erster Linie wegen der schlanken Linie – wieder ist es auf sich selbst bezogen und nicht -das ist der eigentliche Sinn des Fastens - um etwas für die Armen zu sparen. Der Pharisäer gibt sogar 10 % seiner Einkünfte den Armen. Da muss er doch in seinen Augen ein ganz toller Mensch sein. Die Bühne des vermeintlich Frommen frisst das Beten. Der Zöllner hingegen entzieht sich der Bühne, bei ihm gibt es keinen Vergleich, er liefert keinen moralischen Kontoauszug. Nur einen Satz, der das Schweigen Gottes aufbricht: „Sei mir Sünder gnädig.“ In diesem einen Satz steckt die ganze Theologie des Herzens: Ich habe mich verrannt – und kehre um. Ich lenke nicht ab, ich rede nicht groß; aber ich bin wahrhaftig, und so ist mir Gott ganz nahe.
 
Der 2. Punkt: Man kann sagen: Vergleich tötet Beziehung – Barmherzigkeit stiftet Nähe. Johannes Bours, der ehemalige berühmte Spiritual des Priesterseminars in Münster, hat oft daran erinnert, dass „Rechtfertigung“ im Evangelium nicht, wie er sagte „das Ergebnis eines moralischen Wettkampfs ist, sondern ein Beziehungswort: Gott rechtfertigt den, der sich ihm überlässt.“ Wer vergleicht, verliert die Beziehung zu Gott und zu den Menschen. Der Pharisäer schaut nicht auf Gott, sondern auf die Anderen. Beim Zöllner ist es umgekehrt: Der Zöllner schaut nicht auf die Anderen, sondern auf Gott. Darin liegt sein Heimweg begründet, auch im übertragenen spirituellen Sinn. Es kehrt heim zu sich und zu Gott. Er geht „gerechtfertigt“ nach Hause – nicht, weil er besser ist, sondern weil er wahrhaftig und ehrlich ist. Unsere heutige Öffentlichkeit liebt den Vergleich; es gibt Bestenlisten, Rankings, Bewertungen, Likes im Internet. Aber im Gebet ist es ganz anders. Vor Gott gibt es keine Siegertribüne. Es gibt nur Nähe oder Distanz, Hingabe oder Selbstinszenierung.
 
Der 3 Punkt: Demut ist nicht Kleinmachen, sondern Mut zur Wahrheit und zum Dienen. Meister Eckhart würde sagen: „Lass ab von dir“ – nicht aus Selbstverachtung, sondern um Raum zu schaffen für Gottes Geburt in deiner Seele. Demut heißt hier: ich trete aus dem Spiegelkabinett der Vergleiche heraus. Du musst dich nicht kleiner machen als du bist, aber auch nicht größer. Du musst dich wahr machen. Der Schlag an die Brust ist kein Theater; er ist ein körperliches Eingeständnis: Hier sitzt die Wunde, hier ist die Wahrheit. Und Wahrheit zieht Gnade nach sich. Die Regel des heiligen Benedikt nennt das Kloster eine „Schule des Dienstes“. Die erste Lektion ist nicht: leiste mehr, faste länger, lebe genau nach den Regeln. Die erste Lektion lautet: Höre auf Gott. Anerkenne Gott als Gott. Wer so betet, wird frei. Stehe als ganzer wahrhaftiger Mensch vor Gott. Wahrheit zieht Gnade nach sich.
 
Neben dem Spirituellen können wir auch etwas ganz Praktisches von diesem Gleichnis lernen. Wenn du dich über jemanden ärgerst, formuliere nicht zuerst, was dich über den Anderen erhebt, sondern was dich für Gott öffnet. D.h. Statt: „Ich habe recht“ – „Herr, zeig mir, was heilt.“ Wir stärken Beziehungen, wenn wir die Pharisäer-Sätze in Zöllner-Sätze umwandeln. Simone Weil, die französische Philosophin, spricht von Aufmerksamkeit als einer „reinen, nackten“ Bewegung der Seele: nicht erobern, nicht besitzen, sondern warten – wach, verletzlich, gegenwärtig. Der Zöllner verkörpert diese Aufmerksamkeit. Er lässt sich von Gott anschauen. Wir können heute eine Müdigkeit, eine Übermüdigkeit unserer Leistungsgesellschaft feststellen: Aus Übererregung wird Erschöpfung, aus Transparenz wird Kontrolle. Das Evangelium antwortet nicht mit mehr Disziplin, sondern mit Gnade. Sie schenkt den Mut, Schuld zu benennen, ohne daran zu zerbrechen; und sie schenkt die Kraft, Gutes zu tun, ohne das herausposaunen zu müssen und sich mit anderen vergleichen zu müssen. Am Ende bleibt Jesu Satz wie ein Navigationslicht: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt; wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht.“ Das ist keine Drohung, es ist eine Verheißung. Die Erhöhung beginnt dort, wo ich die Waffen des Vergleichs niederlege und meine Hände leere, damit Gott sie füllen kann. Liebe Schwestern und Brüder, gehen wir heute nicht „besser“, sondern wahrer nach Hause: weniger Bühne, mehr Beten; weniger Vergleich, mehr Beziehung; weniger Leistung, mehr Loslassen. Und wir werden nicht nur fromm sein, sondern frei werden.
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater