Familie, Besitz und Kreuzesnachfolge
07.09.2025 |
Predigt | Lesejahr C 23. Sonntag | Lk 14,25-33
P. Ambrosius Leidinger, 07.09.2025
gehalten in der Abteikirche
Liebe Schwestern und Brüder!
Das heutige Evangelium klingt beim ersten Hören hart und sperrig. Und nicht nur beim ersten Hören. Jesus sagt: „Wer nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben geringachtet, der kann nicht mein Jünger sein.“ Und das berühmte: „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ Es wirkt wie ein Schlag ins Gesicht – ein Wort, das abstößt. Es ist wie ein Fremdkörper im Lukasevangelium. So apodiktisch und grob und verkürzt. Das ist gar nicht die Art des Lukas. Jesus will nicht, dass wir unsere Familie hassen, unser Leben verachten, uns selbst zerstören. Vielleicht ist gemeint: Jesus will, dass wir lernen, im guten Sinn freizuwerden. Dass keine Bindung, kein Besitz, keine Rolle uns so festhält, dass wir nicht mehr aufbrechen können, aufbrechen zu Gott. Es ist der Ruf in eine größere Freiheit. Eine Freiheit ohne Bindung gibt es nicht. Nur die Personen, die ich liebe, an die ich mich binde, schenken mir meine Freiheit. Freiheit im luftleeren Raum gibt es nicht. Meine lieben Schwestern und Brüder, gehen wir die einzelnen Punkte nochmals durch:
Der erste: Vater und Mutter gering achten: Im 4. Gebot steht das Gegenteil: Du sollst Vater und Mutter ehren. Trotzdem muss das Kind sich in einer gewissen Weise von den Eltern absetzen. Meine Mutter ist bis heute alles andere als begeistert, dass ich ins Kloster gegangen bin. „Ich hätte doch etwas Vernünftiges studieren können“, sagt sie heute noch. Da bleibt zwischen ihr und mir in diesem Punkt im letzten eine Fremdheit, die durch diese Lebensentscheidung entstanden ist und die sich auch nicht auflöst. Ich denke mir: Dieses im letzten Unverstanden-Sein gehört vielleicht zu unserem Leben als Mönch. Warum ich dafür meine Mutter geringschätzen soll, so die Forderung des Evangeliums, verstehe ich nicht. Was ich noch anmerken möchte: Wer nicht Frau und Kind verlässt, heißt es im heutigen Evangelium. Das ist ja ganz schön patriarchalisch: Warum soll denn dann umgekehrt die Frau nicht Mann und Kinder verlassen? Was hier steht, ist schon verstörend. Wo bleibt denn die soziale Verantwortung? Der hl. Klaus von der Flüe hat seine Frau und 10 Kinder verlassen, um als Einsiedler zu leben. Das jüngste Kind war noch kein Jahr alt. Ich habe alle frommen Erklärungen gelesen, auch, die Frau sei damit einverstanden gewesen, aber im Verstehen hat mich das nicht weitergebracht, zumal die Kirche so sehr die lebenslängliche Unauflöslichkeit der Ehe betont. Rechtlich war die Ehe natürlich nicht aufgelöst, aber faktisch. Ich bleibe da gedanklich stecken. Vor etlichen Jahren habe ich einen jungen Mann getauft. Seine Eltern, 68ziger, hatten ihn als Kind nicht zur Taufe gebracht; er solle sich selbst entscheiden können, wenn er erwachsen sei. Und als er erwachsen war, hat er sich für die Taufe entschieden. Da war von der großen Toleranz seiner Eltern nicht mehr viel zu spüren. Er musste die Meinung der Eltern gering achten um Jesu willen. Wir alle, denke ich, können heute nicht mehr in den vorgegebenen Bahnen unseren Glauben leben. Rechts und links neben uns interessiert sich niemand mehr für den Glauben. Wir müssen unseren Glauben gegen den Trend leben / und die Gesellschaft, der wir angehören -richtig verstanden - gering achten.
Der nächste Punkt: wer nicht seinen ganzen Besitz hingibt, kann nicht mein Jünger sein. Vor Jahren gab es im Fernsehen eine Reklame der Sparkasse. Ein Mann prahlte mit seinem Reichtum, und ein anderer konnte noch mehr auftrumpfen, weil er sich Geld bei der Sparkasse geliehen hatte und so über noch mehr Mittel verfügte. Und der Sparkassenkreditnehmer zeigte jeweils sein noch größeres Auto, seine noch größere Jacht, sein noch größeres Haus: Alles durch einen so wunderbaren Kredit bei der Sparkasse ermöglicht. Also: wenn man sich dort verschuldet, dann ist das das reinste Glück. Der reinste Unsinn, aber witzig gemacht. Hier wurde eine Hierarchie von Werten transportiert, dickes Auto, dicke Jacht, dickes Haus. Wo aber bleibt in diesem Wertsystem die Familie, die soziale Verantwortung, und vor allem, wo bleibt Gott? Der Evangelist Lukas war Grieche, und er schrieb für die griechischen Händler und Kaufleute. Er verfolgte kein romantisches Armutsideal, ihm ging es vielmehr um die soziale Verpflichtung des Besitzes. Er zeigte diesen Geschäftsleuten, wie sie – ohne ihren Beruf aufgeben zu müssen – Jesus nachfolgen können. Lukas stellt immer wieder heraus: Wer nur für sich selbst Reichtümer ansammelt, der hat weder Jesus verstanden noch weiß er um das Geheimnis des menschlichen Lebens. Es geht Lukas vor allem darum, dass wir durch soziales Verhalten, durch Hilfsbereitschaft, auf Gott hin reich zu werden.
Der letzte Punkt: die Kreuzesnachfolge. Christi Ruf ist Gnade. Und Gnade ist nicht verdienbar. Sie ist nicht zu erwerben. Gnade ist gratis – umsonst! Aber sie ist nicht billig. Es heißt: „Wer nicht sein Kreuz trägt“. Nicht Christi Kreuz und nicht irgendeines sollen wir tragen. Um mein eigenes Kreuz geht es. Das Jesuswort vom Kreuz ist schlicht und konkret. Mein Kreuz begegnet mir im schlichten Alltag und täglich neu. Es geschieht in den tausend kleinen Widrigkeiten des Alltags, im Durchtragen unangenehmer und unleidiger Verhältnisse. Es geschieht in der Geduld mit denen, die uns – gewollt oder ungewollt – das Leben schwer machen. Und es gibt auch das Kreuz, das ich mit mir selber habe. Aber das Kreuz soll nicht einen Druck der Selbstoptimierung aufbauen. Es ist die Hingabe an das, was trägt. Es ist die Verbindung zu Gott, die auch durch Leid hindurch hält. Es ist das Ja zu Gott gerade im Leid. Und gerade darin liegt eine ungeahnte Freiheit: die Freiheit zu wissen, getragen zu sein.
Meine lieben Schwestern und Brüder, vor etlichen Jahren war ich in St. Blasien im Schwarzwald bei den Jesuiten, die dort bekanntermaßen eine große Schule haben. Der Pater Direktor hielt einen Vortrag über das Bildungsideal der Jesuiten. Er gebrauchte ein Bild, das ich noch nie gehört hatte und das bei mir hängen geblieben ist: Er sprach von einer Suppe, auf die man ein Sahnehäubchen setzen kann. So will er aber das Christentum nicht verstanden wissen als Sahnehäubchen auf dem normalen Leben. Nein, sie bemühten sich, so sagte er, bei den Schülern die Sahne des Glaubens in die Suppe des Alltags einzurühren, damit die Suppe insgesamt einen besseren Geschmack bekomme, damit das normale Leben immer mehr vom Wohlgeschmack Christi durchdrungen und verfeinert werde. Jesus ruft uns: „Folge mir. Lege ab, was es an falschen Bindungen bei dir gibt. Trag dein Kreuz. So ruft uns das Evangelium heute nicht in die Resignation. Es ruft uns in die Freude. Die Freude, dass Nachfolge nicht Last bedeutet, sondern Befreiung. Dass du frei bist, dich von Gott geliebt, getragen zu wissen – und dass du aus dieser Liebe leben kannst.
Amen.










