Gott unsere Mutter
06.07.2025 |
Predigt | Lesejahr C 14. Sonntag | Lk 10, 1–12.17–20; Jes 66, 10–14c
P. Ambrosius Leidinger, 06.07.2025
gehalten in der Abteikirche
Liebe Schwestern und Brüder,
ich bin gestern von einer Reise durch mehrere französische Benediktinerklöster zurückgekehrt. In der großen Hitze der vergangenen Tage waren wir Gott sei Dank in einer Abtei mit kleinem Fluss und großen schönen alten Bäumen. So sind wir durch stille kühle Gärten gegangen, haben den Lavendel gerochen – und ich durfte erleben, wie die Seele sich weitete, wie in ihr Frieden einströmte. Manchmal genügt ein Augenblick der Stille, ein Atemzug, um zu spüren: Das Leben ist gut. Da klingt mir die Lesung des Propheten Jesaja ins Herz:
„Freut euch mit Jerusalem und jauchzt in ihr alle, die ihr sie liebt!“
Ein wunderbares Bild. Gott ruft zur Freude auf, einer Freude, die aus tiefem Trost kommt. Aus einem Trost, den man förmlich trinken kann – an der Brust der Mutter Jerusalem.
Gott tröstet wie eine Mutter. Nicht wie ein gestrenger Vater, der uns wieder auf die Füße stellt und weiterschickt, sondern wie eine Mutter, die ihr Kind in den Arm nimmt, es auf den Schoß setzt und es wiegt und schaukelt. Das ist die zärtliche, barmherzige Seite Gottes, die wir viel zu oft vergessen. Papst Benedikt zitiert im ersten Teil seines Buches „Jesus von Nazareth“ den Vergleich der Liebe Gottes mit der Mutterliebe bei Jesaja (66,13):
„Wie eine Mutter ihre Söhne tröstet, so tröste ich euch.“
Besonders beeindruckt zeigt sich der Papst davon, dass das hebräische Wort für Gottes Barmherzigkeit „rachamin“ gleichbedeutend ist mit Mutterschoß. Um noch einen Papst zu zitieren: Papst Johannes Paul I. hat in einer Angelus-Ansprache seines keine 5 Wochen dauernden Pontifikats erklärt, dass Gott nicht nur Vater, sondern auch noch mehr Mutter sei. Das hat damals große Aufsehen erregt.
Im Alten wie im Neuen Testament wird Gott nie direkt „Mutter“ genannt. Er wird aber, vor allem in seinem Handeln, wie eine Mutter beschrieben. Schon Mose gebraucht das Bild des mütterlichen Handelns Gottes, der das Volk Israel geboren hat (Dt 32,6) und auf seinem Schoss getragen (Num 11,12). Das Neue Testament bringt eine grundlegende und entscheidende Neuheit. Wenn vom Vatergott gesprochen wird, geht es nicht um eine wohlwollende Vorsehung, sondern in erster Linie um die persönliche Beziehung Jesu Gott gegenüber. Jesus verwendet dieses Wort „Vater“ in all seinen Gebeten. Und er benutzt das aramäische Wort Abba, ein Wort, das man weder in der jüdischen Literatur findet noch sonst zur Zeit Jesus gebraucht wurde. Wenn wir zu Gott „Vater“ sagen, geht es nicht nur um unsere Beziehung zu Gott, sondern zuerst um eine in Ewigkeit bestehende Beziehung Gottes zu Jesus. Jesus ist für uns das Bild Gottes.
Diese Beziehung des Vaters zu seinem einzigen Sohn, dieser Ursprung weist keine körperlichen oder sexuellen Aspekte auf, wie dies im menschlichen Leben der Fall ist. So dürfen Gott weder vermännlichen noch verfraulichen, denn er überschreitet die sexuelle Differenz. Die heutige Gott-Mann Gott-Frau Diskussion ist letztlich dummes Zeug und verstößt wie jedes Bild, wie auch das Bild Gott- Vaters mit langem Bart gegen das zweite Gebot: „Du sollst dir von Gott kein Bild machen“. Die zärtliche, barmherzige Seite Gottes: vielleicht lehrt uns der Sommer genau diese Seite Gottes zu bedenken. Gott gibt Raum. Die Felder reifen nicht, weil wir daran ziehen – sondern weil sie in der Sonne stehen. Auch unser Glaube reift, wenn er in der Sonne Gottes steht – genährt, getröstet, von Gott.
Wir kennen das alle: Die Momente, in denen wir uns wie Kinder fühlen, die Halt suchen. Die Zeiten, in denen wir Trost brauchen – einen echten Trost, der nicht nur sagt „Es wird schon wieder“, sondern einen Trost, der spürbar ist, der uns trägt. Wir dürfen uns freuen – auch mitten in den Sorgen der Welt in der Gewissheit: Der Friede Gottes ist stärker als die Unruhe unserer Zeit. Er kommt nicht mit Gewalt, sondern wie eine Mutter, die ihr Kind auf den Schoß nimmt. Wie eine Umarmung, die sagt: Du bist nicht allein. Lassen wie uns von diesem Frieden und dieser Gotteszuversicht tragen. Lassen wir uns trösten. Und wenn Sie nach der Messe heute nach Hause gehen, dann hören sie in ihrem inneren Ohr: Freut euch mit Jerusalem! Denn Jerusalem – das sind auch wir. Das sind unsere Herzen, die Gott mit Freude erfüllen will.
Amen.










