Bach - Motette
08.06.2025 |
Predigt | Lesejahr C Pfingstsonntag | Joh 20, 19–23
P. Ambrosius Leidinger, 08.06.2025
gehalten in der Abteikirche
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Es war an einem Tag im Oktober 1729, als zum ersten Mal die eigentlich pfingstliche Motette Johann Sebastian Bachs „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“ erklang – und zwar in der von der berühmten Nikolaikirche in Leipzig nur wenige Schritte entfernten, nicht weniger bedeutenden Paulinerkirche. Sie war die alte Universitätskirche, in der von Rechts wegen auch 263 Jahre später nach dem Mauerfall – wieder im Oktober – eigentlich der Semestereröffnungsgottesdienst hätte stattfinden müssen, wäre eben diese über 700 Jahre alte Kirche nicht 24 Jahre zuvor Ende Mai 1968 von den damaligen Machthabern in einem Akt von beispielloser Dummheit, Geistlosigkeit und Größenwahn gesprengt und in Schutt und Asche gelegt worden. Im Oktober 1729 stand die Universitätskirche St. Pauli noch an ihrem Platz. Diese ehemalige Dominikaner-Kirche war schon seit Jahrhunderten der Ort der Gottesdienste der akademischen Gemeinde der Universität.
Und genau diese Funktion erfüllte sie auch am 24. Oktober 1729. Johann Heinrich Ernesti, der langjährige Rektor der städtischen Thomasschule und Vorgänger des Thomaskantors Johann Sebastian Bach, war verstorben im damals hohen Alter von 77 Jahren. Aber weil Ernesti auch Professor für Poesie an der Universität gewesen war, fand seine Trauerfeier – nach einigem Gerangel hinter den Kulissen – schließlich in der Universitätskirche statt.Das war weniger für den Verstorbenen als für die Nachwelt gut. Anders als in den evangelischen Stadtkirchen waren in der Universitätskirche bei Beerdigungen prächtige, auch mit Instrumenten ausgeführte Musikstücke erlaubt. Schließlich war dem großen Bach die Aufgabe zugefallen, bei der Beerdigung Ernestis die musikalische Ausgestaltung zu übernehmen, und zwar mit einer eigens zu diesem Anlass komponierten Motette über die pfingstlichen Worte aus dem Römerbrief: „Der Geist nimmt sich unsrer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.“ Darüber sollte dann auch die Traueransprache gehalten werden. Ernesti war bereits Rektor der Thomasschule, als Bach noch nicht geboren war. Dass in den letzten Jahren unter der Leitung dieses wortgewaltigen und zugleich – so heißt es – auch milden und etwas lebensfremden alten Mannes dort so manches drunter und drüber ging, dürfte in seiner Leichenrede wohl eher nicht erwähnt worden sein. Eher wird man seine Verdienste um die Erforschung und Entwicklung der Redekunst gewürdigt haben. Ernesti war als Herausgeber der Reden Ciceros und auch als Verfasser kunstvollster Festreden in lateinischer Sprache hoch geschätzt.
Doch dann ist auf einmal im Römerbiref von den Grenzen der Sprache die Rede: dass es einem Menschen – oder genauer gesagt: Einem Christen – in entscheidenden Situationen nicht gelingt, die richtigen, passenden Worte zu finden:
„Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen.“
Und das ausgerechnet am Sarg eines Professors der Poesie und Beredsamkeit! Ob sich die damaligen Zuhörer dieser Ironie bewusst gewesen sind, wissen wir nicht. Womöglich war die Wahl der Worte sogar beabsichtigt. Ein Studienkollege, Pfarrer in der Eifel, hat mir von einem Erstkommunionkind erzählt: Als er das Kind fragte, ob seine Eltern nicht auch einmal mit zur Messe kommen könnten, verblüffte ihn das Kind durch eine Antwort, mit der er nie im Leben gerechnet hätte: „Das geht nicht. Meine Eltern können nicht in die Kirche mitkommen. Die haben keine Ahnung, wie man betet.“ Es ist die Erfahrung so vieler Menschen unserer Zeit, bis hinein in unsere Gemeinden, dass sie jegliche Kenntnis einer religiösen Sprache verloren haben, oder sogar nie besessen haben. Diese „religiös Unmusikalischen“, wie man sie schon einmal genannt hatte, können oft nicht einmal mehr das Vaterunser beten. Ich kann da sogar ein trauriges Beispiel aus meiner eigenen Familie anführen. Vor Jahren schon musste ich bei der Taufe eines Großneffen feststellen, dass sein 5 Jahre älteres Geschwisterchen, das ich ebenfalls getauft hatte, eben kein Vaterunser konnte und auch sonst kein Gebet. Als ich meine Cousine darauf ansprach und sagte, das Vaterunser gehöre doch zur Allgemeinbildung, meinte sie nur, nein, das sei nicht nötig.
Zurück zu Paulus: Der Apostel, der seinen Zuhörern an anderer Stelle einschärft „betet ohne Unterlass“ (1 Thess 5,17), stellt im Römerbrief fest, das Beten tatsächlich ein Problem sein kann. Er sagt dort, dass uns die Worte zum Beten fehlen. Und eigentlich sei das normal, denn wir seien einfach zu schwach, um richtig beten zu können. „Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen.“ Dabei wird in seinen weiteren Ausführungen im Römerbrief überdeutlich, dass wir doch wirklich genug Leid erleben, also genug Gründe hätten, unser Leben vor Gott zu tragen – sei es aus solidarischem Mitleiden mit anderen, sei es, weil wir selber leiden. Es gibt so viel in dieser Welt, das zum Himmel schreit. Gott will nicht Gott sein ohne uns. Er wendet sich nicht ab von der Welt und regiert vor sich hin, ohne auf unsere Bitten, auf unsere Sehnsüchte und Träume, auf unser Seufzen zu hören. Er wartet auf unser Gebet, auch wenn wir nicht recht wissen, was und wie wir beten sollen. Gott selber ist es, der uns beten lehrt, indem er selbst in uns betet. Das hört sich seltsam an. Denn wir sind es doch, die sprechen, wenn wir beten. Bringen wir uns dann nicht selbst zum Ausdruck – manchmal mit schönen, vorformulierten Worten, die wir vor langer Zeit gelernt haben, oder auch nur mit Seufzern und stammelnd? Was geschieht, wenn wir beten? Der Geist Gottes hilft unserer Schwachheit auf und betet in uns, an unserer Stelle und bringt „unser Eigenstes“ vor Gott. Dass Gott zu uns kommt, dass er in uns wirkt, genau das ist das Geheimnis des Geistes. Diesen Geist hat Johann Sebastian Bach damals am Sarg seines alten Kollegen so besungen, wie kein anderer es vermocht hätte. In Bachs Musik, die eben keine Trauermusik sein will, wird der Geist zum Tröster, zu einem lebendigen Lebensquell, der von Leben sprüht und uns in Bewegung setzt – in die Bewegung zu Gott hin.
Vor 36 Jahren sahen wir, wie Menschen auf die Straße gingen, nachdem sie, so gut sie eben konnten, in der Nikolaikirche gebetet hatten. Sie zogen auf den Leipziger Ring vorbei, auch an dem klobigen, mittlerweile abgerissenen Universitätsgebäude. Die Menschen hatten nicht vergessen, das es auf dem Grundstück der einstigen Paulinerkirche errichtet wurde. Erst waren es einige Hundert, dann Tausende. Am 9. Oktober 1989 waren es 70.000. Sie riefen nicht mehr „Wir wollen raus“, sondern „Wir bleiben hier“, und auch immer wieder „Keine Gewalt!“. Und es waren Worte, die sich die Leute nicht groß überlegt hatten. Es waren Worte, die sozusagen spontan zur Sprache brachten, wonach sich alle in ihrem tiefsten Inneren sehnten: Veränderung – Menschlichkeit – Freiheit. Dort, wo Bach 260 Jahre zuvor vom Hl. Geist, der unserer Schwachheit aufhilft, hatte singen lassen, riefen Menschen nun „Keine Gewalt!“ – viele von ihnen voller Angst, wohl wissend, dass vor den Toren der Stadt die Panzer und die Kampfgruppen standen, die allem Rufen und Singen ein jähes Ende hätten bereiten können. Doch das Wunder geschah: Das Blutvergießen blieb aus, der Bann der Angst wurde gebrochen. Der Geist der Veränderung war nicht mehr aufzuhalten, und unser Land wurde ein anderes. „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“. Pfingsten ist also nicht nur im Mai oder Juni, sondern auch im Oktober. Pfingsten ereignet sich an jedem Tag des Jahres.
Amen.










