Jerusalem

25.05.2025 |

Predigt | Lesejahr C 6. Sonntag in der Osterzeit | Joh 14,23-29; Offb 21,10-14. 22-23

P. Ambrosius Leidinger, 25.05.2025
gehalten in der Abteikirche
 
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Wer auf dem Ölberg steht, erblickt die Heilige Stadt Jerusalem. Jerusalem heißt „Gründung des Friedens“. Die Stadt kennt den Frieden bis heute nicht. Der Blick fällt direkt auf den weiten Tempelplatz. Der Tempel ist nicht mehr. An seiner Stelle steht die wunderbare al-Aqsa-Moschee. Die Juden klagen an der Klagemauer. In der Nähe ist die Grabeskirche sichtbar. Dort wurde Christus gekreuzigt. Dort ist er von den Toten auferstanden, um alle zu versöhnen. Die ganze Stadt ist voller Arbeitslärm. Der israelische Soldat mit seinem Maschinengewehr ist nicht zu übersehen. Und auch nicht der Großvater mit seinem Sturmfeuergewehr, der eine Gruppe von Kindergartenkinder begleitet. Und der finstere Blick von manchem Palästinenser auch nicht. Und um Jerusalem tobt ein erbarmungsloser Krieg. Jede Kriegspartei spricht der anderen ihre Existenzberechtigung ab. Juden und Moslems und Christen beten in Jerusalem. Sie beten laut zu Gott und verstehen sich dabei selbst nicht. Die Pilger aus Amerika und Europa, oft gekleidet als gingen sie zum Strand, – unwürdiger geht es nicht – schreien den Rosenkranz auf der via dolorosa. Und der Muezzin ruft durch einen Lautsprecher sein Allah Akbar: Groß ist Gott. Wer dieses Jerusalem erblickt, erblickt vom Ölberg aus die Welt. Jerusalem ist überall. Krieg und Gewalt, Armut und Elend an so vielen unzähligen Orten der Welt.
 
Wir können dagegen angehen, wie der Staat Israel. Er versucht, dem Herr zu werden. Israel lässt ein neues Jerusalem der Hochhäuser erstehen, mit einer hohen Mauer aus Beton und Stacheldraht. Bis in die Politik hinein sind ihm die Verheißungen der Propheten gegenwärtig. Israel wartet auf den Messias. Neue Siedlungen werden rechtswidrig errichtet. Sie sollen Fakten schaffen und die Verheißungen erfüllen. Das heißt doch: Man traut den Verheißungen der Propheten und der Verheißung auf den Messias nicht mehr viel zu. Man muss es selbst in die Hand nehmen. Und: Der größte Teil derer, die sich auf Gottes Zusagen berufen, glaubt nicht mehr an Gott. Ernst Bloch, der große Philosoph unserer Heimat, aus Ludwigshafen, Marxist, Jude, zielte noch viel weiter. Er plante kein zionistisches Jerusalem. Er plante ein utopisches Jerusalem, nicht mehr auf den Hügeln Judäas, sondern auf der ganzen Erde. Er trägt sein Bekenntnis vor: „Dort ersteht Jerusalem, die Weltstadt ohne Gott, wo der Mensch sich selbst erbaut“. Heute wissen wir es besser denn je: Es ist bitterer menschenverachtender Unsinn, der so unendlich vielen Menschen Unterjochung, Verschleppung und Tod gebracht hat und immer noch bringt.
 
Der Seher der Apokalypse sieht die Zusammenhänge der Geschichte anders. Er sieht die „Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her vom Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.“ Was sieht der Seher? Das erste und wichtigste: dass die Welt nicht in sich selbst Sinn hat. Der Sinn der Welt kommt ihr von Gott zu: Und Gott hat sie nicht erschaffen, damit sie wieder untergeht.
„Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist der Tempel in ihrer Mitte.“
Gott ist bei uns, er und das Lamm. Das meint die Vision von der neuen Stadt Jerusalem. Gott ist bei uns, gerade in all unserer Not und dem Elend unseres Menschendaseins. Wir modernen Menschen hängen alle ein bisschen der Utopie Blochs an: der Mensch kann von sich aus alles richten. Und wir haben vergessen, was die Kirche immer gelehrt hat: Es gibt die Erbsünde, es gibt den Teufel, es gibt das Böse. Bei jedem. Unter uns allen. Wir können uns aus eigener Machtvollkommenheit nicht erlösen. Aber wir können unseren Blick auf Christus richten. Das geschlachtete Lamm, der gekreuzigte Herr, der auf dem Thron sitzt, der zugleich der auferstandene Herr ist. In diese Struktur von Tod und Auferstehung ist auch unser Leben eingespannt.
 
Eine französische Äbtissin, in deren Kloster in Lothringen ich schon als Schüler zu Gast war, sagte oft:
„Vieles, was wir heute tun, auch Frommes, auch Gutes, ist Nebensache geworden, und es hat nüchtern betrachtet auch mit unserem Herrn Jesus Christus herzlich wenig zu tun. Auf was es aber eigentlich ankommt: Wenn wir keine lebendige Beziehung zu unserem Herrn Jesus Christus mehr haben, wenn das nicht mehr unsere Mitte ist als Christen, dann fällt heute alles auseinander.“
Wir müssen wissen, wie es Clemens von Alexandrien, ein Kirchenvater der frühen Kirche sagt:
„Der Mensch ist von Gott geschaffen worden, weil er um seiner selbst willen von Gott erwünscht ist. Ist nun der Mensch um seiner selbst willen von Gott erwünscht, dann hat Gott, da er gut ist, etwas Gutes liebgewonnen. Liebenswert ist der Mensch, geliebt wird der Mensch von Gott.“
Und gleichzeitig sind überall auch Strukturen des Bösen, die Erbsünde in uns, in jeder Gesellschaft, das können wir nicht ausrotten. Aber wir können uns Jesus zuwenden, wir können von ihm Erlösung erfahren. Denn – noch einen Schritt weitergedacht: Wir sind von Gott. Wir sind auf der Welt nicht zu Hause. Zu Hause sind wir nur in einer ewigen Liebe, in Gott. Geliebt ist der Mensch von Gott, gerade in seiner Gebrochenheit. Die Welt wird das nie verstehen.
 
Wer auf dem Ölberg steht und auf Jerusalem, wer auf die Kirche, blickt, vermag auch das zu sehen. Der Zion ist Symbol der Hoffnung. Wir stehen alle auf dem Ölberg, wo Christus Todesangst gelitten hat, aber wir gehen mit ihm hinüber nach Jerusalem, mit einer begründeten großen Verheißung Gottes.
„Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“
„Wir werden zu Gott kommen und bei ihm Wohnung nehmen“.
Nochmals der Hl. Clemens:
„Der Mensch ist von Gott geschaffen worden, weil er um seiner selbst willen von Gott erwünscht ist. Ist nun der Mensch um seiner selbst willen von Gott erwünscht, dann hat Gott, da er gut ist, etwas Gutes liebgewonnen. Liebenswert ist der Mensch, geliebt wird der Mensch von Gott.“
Amen.
Autor

P. Ambrosius Leidinger OSB

Subprior, Gastpater