Predigt zur Heiligen Nacht 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 24.12.2017 in der Stiftskirche Neuburg

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich hatte einen alten Professor, der für uns Studenten gerne provokative Fragen stellte, um uns zum Denken zu bringen: so fragte er: Was feiern wir eigentlich an Weihnachten? Seine Antwort: Ostern. Wir waren verblüfft. Das Urfest der Kirche ist Ostern. Von der Auferstehung Jesu her hat sich der christliche Glaube und auch die Kirche gegründet. Jeden Sonntag feiern wir Ostern. Und das seit Beginn der Kirche.
Das Weihnachtsfest wurde erst 300 Jahre später gefeiert. Ein römisch-heidnische Fest des unbesiegbaren Sonnengottes, gefeiert am 25. Dezember, wurde überformt von der Erscheinung Jesu in der Welt, der das wahre Licht der Menschen und der Schöpfung ist.

Und erst im Mittelalter, im Jahr 1223, als der Hl. Franziskus Weihnachten in dem Örtchen Greccio im Rieti-Tal in Umbrien feierte, stellte er in der Hl. Nacht zum ersten Mal die Krippe auf, so wie wir sie kennen.
Franziskus sagte: „Ich möchte in voller Wirklichkeit die Erinnerung an das Kind wachrufen, wie es in Bethlehem geboren wurde.... Ich möchte es mit meinen leiblichen Augen sehen, wie es war, in einer Krippe zu liegen und auf Heu zu schlafen, zwischen einem Ochsen und einem Esel.“ Von Anfang an gehören also Ochs und Esel zur Krippe dazu. Man bezog sich auf ein Zitat aus dem Buch Jesaja: „Seinen Eigentümer erkennt ein Ochse, ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keinen Verstand.“

Die Kirchenväter haben diesen Vers häufig so gedeutet: Juden und Heiden, alle Menschen waren wie Ochs und Esel. Das Kind in der Krippe hat ihnen aber die Sinne geöffnet: sie konnten ihren Eigentümer nun mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hören: Gott ist nicht mehr weit weg irgendwo in himmlischen Sphären. Gott ist Mensch und schaut mich mit Kinderaugen an.

Nicht die weisen Schriftgelehrten Israels, auch nicht der mächtige König von Jerusalem hatten Erkenntnis, obwohl sie es doch eigentlich hätten wissen müssen.

Deshalb fragen ja auch die Weisen aus dem Morgenland im Palast nach, was es mit dem Stern und der Geburt des Kindes auf sich habe. Nein, ausgerechnet Ochs und Esel, haben Erkenntnis, so provozierend der Prophet.

Das Bild haben wir ja in unsere Sprache aufgenommen: Wie Ochs und Esel stehen wir manchmal vorm Berg, wissen nicht wie es weitergehen soll: nach dem Tod eines lieben Menschen, beim Streit in der Familie, unter dem Druck der Arbeit, nach einer niederschmetternden Diagnose...

Eben diejenigen, die vor Problemen stehen, leiden müssen, die manchmal orientierungslos sind, befinden sich ganz in der Nähe des göttlichen Kindes, sind dem Kind am nächsten. So die Botschaft des Evangeliums.

Deshalb dürfen wir mit Hoffnung die Nähe Gottes suchen. Er sucht ja auch die unsrige, sonst wäre er nicht Mensch geworden. Er ist der Gott-mit-uns. Und wir brauchen uns nicht zu schämen, dass wir ihm nicht viel bieten können. Ihm reicht es, dass wir da sind. Wir müssen ihm nichts beweisen. Auch im Stall waren Ochs und Esel nur da. Einfach da.

Wenn wir uns einfach nur einmal so in die Kirche setzen und beten, eine Kerze anzünden, einfach da sind, wo er ist, - ihm, wenn man so will, Gesellschaft leisten, dann erfreuen wir Gott. Und wir uns an seiner Gegenwart.

Seinen Eigentümer erkennt ein Ochse, ein Esel die Krippe seines Herrn. Die beiden schauen auf das Kind, das in der Futterkrippe liegt. In ihrer Futterkrippe. Bethlehem - das heißt „Haus des Brotes“.

Dieser Jesus hat sich kleingemacht als Kind in der Krippe. Er macht sich klein im Brot auf dem Altar.
Gottes Sohn in der Krippe bietet sich gleichsam der Welt als Nahrung. Auf dem Altar schenkt sich uns Gott als Nahrung, die zum wahren Leben führt.

Mit Leib und Blut sehen wir ihn in der Krippe und auf dem Altar. Er ist der Gott-mit-uns.
Mit Leib und Blut hat er sich in diese Welt hineingegeben, mit Fleisch und Blut sich hingegeben am Kreuz. Und er ist auferstanden.

Das Holz der Futterkrippe und das Holz des Kreuzes sind das Material, aus dem unsere Erlösung geschnitzt ist, so können wir im Bild sagen. Weihnachten und Ostern kommen so in jeder Heiligen Messe zusammen.

Lassen Sie uns als österliche und weihnachtliche Menschen leben, als Menschen, die wissen: Gott ist mit uns und für uns. Gerade da, wo wir wie Ochs und Esel vorm Berg stehen. Amen.