Predigt zum Pfingstsonntag 2017

P. Johannes Naton OSB, 4. Juni 2017, in der Stiftskirche Neuburg

Les.: Apg 2,1-11; Ev.: Joh 20,19-23

Liebe Schwestern und Brüder,

Zwei Zeugenaussagen werden protokolliert und überliefert: Zeugenaussagen, die das gleiche Ereignis beschreiben und dennoch sehr verschieden ausfallen. Wir haben sie eben gehört. Die Apostelgeschichte des Lukas und das Evangelium des Johannes beanspruchen, die Ausgießung des Heiligen Geistes in der jungen Kirche zu schildern. Und man nimmt kaum Anstoß, wenn man sie so nacheinander in der Liturgie hört, man kennt die Geschichte ja.

Aber die Unterschiede sind bemerkenswert:
Lukas berichtet in der Apostelgeschichte von einem großen Tumult, Sturm und Feuerzungen, Menschenmassen strömen zusammen, das Sprachenwunder löst Begeisterung aus.

Von der Angst der Jünger hinter verschlossenen Türen sagt Lukas nichts, im Gegenteil, er beschreibt eine frühe Gemeinde von 120 Mitgliedern, die vorbildlich im Gebet den Heiligen Geist erwartet.

Johannes dagegen schreibt nichts vom Sprachenwunder und von Feuerzungen, betont dafür um so mehr die verängstigte Jünger-Gruppe, die sich eingeschlossen hat und nicht recht weiß, wie es weitergeht. In einer sehr diskreten Geste der Anhauchung verleiht der Auferstandene den Jüngern dann den Heiligen Geist. Mit dem Missionsauftrag endet die Episode.

Beschreiben wirklich beide das Gleiche? Lügt oder irrt einer von beiden? Oder ist beides nur Legende, mythische Dichtung oder Symbolerzählung?

Der Theologe Heinrich Schlier hat für das biblische Pfingstereignis das Wort BEGEGNIS geprägt, er zieht also die Worte BEGEGNUNG und ERLEBNIS zusammen und will betonen, dass hier zugleich Objektives und Subjektives geschehen ist.

Die Spendung des Heiligen Geistes ist für ihn eben keine nachösterliche Erfindung, wie mancher Theologe heute behauptet, sie ist vielmehr Kern der ältesten christlichen Überlieferung. Es muss damals historisch nach dem Tode Jesu etwas geschehen sein, womit die Jünger nicht gerechnet hatten, was sie aber so getroffen hat, dass sie aufbrechen und mit missionarischem Optimismus das Evangelium verkünden, wobei die Rede vom Hl. Geist zu einem roten Faden ihrer Botschaft wird.

Ganz objektiv teilt sich Gott den Jüngern in der Natur des Heiligen Geistes mit. Aber es gehört zur Natur des Heiligen Geistes, dass sie das Fassungsvermögen des Menschen sprengt, und das muss auch so sein, denn mit einem Kleingeist ist der Kirche und der Menschheit niemals gedient.

Diese Unfassbarkeit des Geistes bringt es mit sich, dass die Evangelisten in der Rückschau so unterschiedlich davon reden, und zwar je nach ihrem theologischen Schwerpunkt. Bei Lukas dreht sich alles um die Heilsgeschichte, um die Entwicklung der Kirche, die sich nach der Auferstehung Jesu sofort kontinuierlich entwickelt und nun in kurzer Zeit zur internationalen, also vielsprachigen Weltkirche wird. Das Wirken des Heiligen Geistes als prägendes Prinzip der Kirche ist für ihn von zentraler Bedeutung und wird daher besonders prägnant geschildert. Die Schwäche und Angst der Jünger, der frühen Kirchenfunktionäre, hat er an anderer Stelle thematisiert, hier geht es jetzt um den Geist und sein Wirken.

Johannes denkt ganz österlich und sieht die pfingstliche Geistsendung ganz eng verknüpft mit dem Auferstehungsgeschehen. Daher setzt sein Pfingstbericht ganz auf das Handeln Jesu im scharfen Kontrast zur Hilflosigkeit der von Angst gelähmten Jünger. Das Wesen und Wirken des Heiligen Geistes hat Johannes an anderen Stellen ausführlich geschildert, ja ausführlicher und tiefer als alle anderen biblischen Zeugnisse.

Mag nun die Darstellung und die Ausmalung der Geistsendung subjektiv sein, es bleibt allen biblischen Zeugnissen, die vom heiligen Geist sprechen, der gleiche Kern gemeinsam: Hier ist eine Kraft, die göttlich ist, die von Jesus kommt. Und Vater und Jesus und Geist sind eine untrennbare Wirkungsgemeinschaft. Vor allem aber:
Ohne diesen Geist taugt Kirche nichts, ist sie strohern und leer und hat der Welt nichts zu geben.

An BEGEISTERUNG fehlt es der Welt im Moment ja durchaus nicht. Ich weiß nicht, ob es jemals eine Zeit gab, in der so oft Menschenmassen zusammenströmten, um aus unterschiedlichsten Anlässen in heftigste Euphorie zu verfallen. Da haben wir kirchlicherseits die Kirchentage, Weltjugendtage, die Papstbesuche, auch Taize und viele Wallfahrtsorte kennen diesen Trend. Aus anderen Religionen sind uns die unglaublichen Massen muslimischer Mekkawallfahrer vertraut, und der Dalai Lama schart, wo immer er ist, begeisterte Hörer um sich. Auch die säkulare Welt kennt jubelnde Massenv: die Karnevalszüge, Fussballweltmeisterschaften, die Loveparade oder die Auftritte von US-Präsidenten.

Längst spricht man von der EVENT-Gesellschaft, meint damit vor allem die westliche Kultur.

Dass Menschen-Massen sich freuen können, ist an sich nicht schlecht, aber auch nicht zwangsläufig gut. Jubelnde Massen gibt es in jeder Diktatur, es gab sie oft, wenn Krieg begann, weit häufiger als am Ende des Krieges. Begeisterung muss daran messen lassen, wes Geistes Kind sie ist. Auch Ungeist kann begeistern, fanatisieren, Geistesverwirrung stiften.

Das ist keine große Erkenntnis. Aber wir Christen sollten umso mehr die Unterscheidung der Geister üben und Begeisterungen auf ihre geistliche Substanz hin überprüfen.

Mir will die derzeitige Mode der kirchlichen Events nicht behagen. Es mag schön sein, wenn viele Christen zusammenkommen und durch die Begegnung euphorisch werden. Und dass auch auf dem jüngsten evangelischen Kirchentag schöne Gottesdienste und gute Predigten von einem guten Geist getragen waren, konnte ich selber in Erfurt erleben, allerdings mehr in den spirituellen Angeboten als in den Großveranstaltungen, Freilich sind 100 000 euphorisch singende Christen ein erfreuliches Bild. Aber diese Euphorie darf unseren Blick für die Wirklichkeit nicht trüben. Die Verlockung ist groß, dass wir Kirchen uns selber loben: Seht, wie lebendig wir sind. Seht, wie fröhlich unser Glaube ist. Seht, wie mutig und positiv wir in der Welt Stellung beziehen. Es gibt gar keinen Grund, uns zu kritisieren. Also weiter wie bisher, Umkehr oder Veränderung sind unnötig, denn wir haben den Geist. Medienkunde ersetzt die Theologie. Immer mehr scheinen Kirchen die Eventkultur der Welt zu übernehmen: Man jubelt nicht, weil alle froh sind, sondern man wird fröhlich, weil alle jubeln!

Doch wenn dann die Massen auseinandergehen und in den Alltag zurückkehren – was bleibt von der Begeisterung? Folgt eine Belebung des Glaubens, der Tugend, des Kirchenlebens? Erleben wir nach den Events eine Steigerung der Taufen, der Wiedereintritte, der Gottesdienstteilnehmer in den Gemeinden? Aber dann pflegen Kirchenfunktionäre zu rufen: Es darf uns nicht um Zahlen gehen! Sicher nicht…
Kommen wir auf eine kleine unscheinbare Bemerkung zurück, die Jesus macht, als der den Jüngern per Anhauchung den Geist verleiht: Wem Ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr sie nicht vergebt, dem sind sie nicht vergeben.
Nun, Katholiken sind geneigt, bei dieser Sündenvergebung sofort an Beichte zu denken. Aber um diese kirchenamtliche Schiene geht es hier noch gar nicht. SÜNDENVERGEBUNG ist hier nicht das kasuistische Bekennen von Missetaten, die dann gegen Buße verziehen werden. Die Sünde ist die eine große Trennung zwischen Mensch und Gott, die überhaupt erst das Heilswerk Jesu nötig gemacht hat, die Erkenntnis, dass der Mensch aus sich heraus nicht zum Glück und zum Heil kommen kann, sondern nur durch den Erlöser. Diese heillose Trennung zwischen Mensch und Gott hat Jesus in seinem Kreuz durchbrochen, und in diese Erlösung sollen nun die Menschen hineingeholt werden. Dazu beruft Gott Menschen und gibt sich selbst im Heiligen Geist als Rüstzeug mit. DIE Taufe gilt als DAS Sakrament der Sündenvergebung, der Getaufte hat wieder Anteil mit Gott.

Das heutige Evangelium sagt, dass mit dem Pfingstereignis diese Verantwortung auf die Christen kommt: Euer liebevoller Dienst wird Menschen mit Gott verbinden. Euer Versagen in diesem Dienst wird Menschen von Gott trennen. Ohne Heiligen Geist werden wir immer versagen. Doch der Heilige Geist ist dabei kein beliebig verfügbares Werkzeug in unserem Missionskoffer, er will immer neu erbeten sein, er ist reine Gnade.
Daher kann es nicht unsere Aufgabe sein, immer wieder durch medienwirksame Massenspektakel so zu tun, als hätten wir schon genug Geist und könnten weitermachen wie bisher. Es muss der Geist in den Alltag, in die Dörfer und Familien getragen werden, es muss von Erlösung und Liebe und Umkehr die Rede sein, und es muss eine ehrliche, gelassene Freude in unserem Leben spürbar sein. Führt dies alles dazu, dass einmal wieder viele Tausend Christen auf einem Platz versammelt sind, na dann wollen wir gern halleluja singen, doch nicht uns selbst loben sondern immer nur IHN. Doch wer den Geist ernsthaft erstrebt, dem sei nicht der Lärm, sondern die Stille und Besonnenheit empfohlen. Es geht hier nur um einen HAUCH. Und der macht den Unterschied. Das ist unfassbar, aber wundervoll. Amen.