Predigt zum Hl. Abend 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 24.12.2017 in der Stiftskirche Neuburg

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Es ist Weihnachten. Wir sind zusammengekommen heute Abend - am hl. Abend - zu diesem festlichen Gottesdienst - eigentlich um Geburtstag zu feiern, das Geburtstagsfest Jesu.

Und ich bin sozusagen beauftragt, eine Rede auf unser Geburtstagskind zu halten. Was sagt man da? Was feiert man eigentlich an einem Geburtstag?
Feiert man seine Geburt? Feiert man sich selbst? Ja und nein. Man feiert sich selbst, aber man feiert noch mehr, man feiert eigentlich das Leben.

Und so ist es angebracht, dass der Geburtstagsredner etwas aus dem Leben des Geburtstagskindes berichtet, von seiner Erfahrung mit dem Geburtstagskind, um es zu ehren und ihm zu versichern, wieviel Gutes wir alle von ihm empfangen haben, wie sehr sein Leben uns bereichert hat.

Und so möchte ich gleich als erstes einen Charakterzug von ihm herausstellen, mit dem er mich immer wieder beim Studium der hl. Schrift überrascht.

Da ist bei ihm eine ganz große Aufmerksamkeit: Wo er Menschen begegnete, da wurde er wach, da war er ganz da für die Kinder, für die Frauen, für die Kranken, für die Armen. Davon muss ich erzählen.

Da gibt es bei ihm eine ganz große Aufmerksamkeit für das fremde Leid, für das versteckte, heimliche Leiden.

Ich müsste von Zachäus erzählen, der im Baum sitzt und sich aus Angst vor den Leuten versteckt: Den sieht er (Lk 19,1-10).

Ich müsste erzählen von dem verschämten Leid der blutflüssigen Frau, die sich nur zaghaft von hinten an den Saum seines Gewandes wagt: Zu der dreht er sich um (Lk 8,43-48).

Und von der wunderbaren Aufmerksamkeit für den Blinden Bartimäus, den die Leute abdrängen wollen (Lk 18,35-43) und von den Kindern, deren Mütter von den Jüngern barsch angefahren werden: „Holt sie weg, der Meister hat keine Zeit“ (Mt 19,14). Doch, der Meister hatte Zeit.

Ich denke, jeder von uns könnte noch viele andere wichtige Begebenheiten und Erfahrungen aus Jesu Leben hinzufügen, die ihm ganz wichtig und kostbar geworden sind, die unser Herz erreicht haben, da Jesus gut an den Menschen handelte.

Er ist einer, der die Last des Lebens kennt. Einer, dem das Leben Wunden schlägt wie uns.
Das will schon die Weihnachtsgeschichte herausstreichen, wenn sie von der Geburt in einem Viehstall vor der Stadt bei den armen Leuten, den Hirten, berichtet.

Und ich muss dann weitererzählen von seinem Leben. Wie übel es ihm erging. Wie sein Leben in einer Katastrophe endete. Wie er am Kreuz hingerichtet wurde.

Aber es war etwas Geheimnisvolles um ihn. Seine Aufmerksamkeit für die Menschen, für das Leid der Menschen, war so überwältigend, dass die, die ihn erlebt hatten, bekannten: Hier ist uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes selbst erschienen, dieser Mann ist nicht für sich geboren, sondern für uns, er hat nicht für sich gelebt und gedacht und geplant, sondern für uns, für uns alle. Und schon der Engel in Bethlehem sprach davon: Er ist für euch geboren.

Und diese vielen Erfahrungen verdichteten sich zur Gewissheit. Hinter diesem Menschen steht Gott, in ihm offenbart sich Gott, er selbst ist Gott.

Eine ungeheuerliche Erfahrung. Aber es ist die entscheidende Erfahrung, die viele machten, und die niemand mehr aus ihrem Herzen reißen konnte, die Erfahrung, dass Gott ihn nicht im Tod beließ, sondern ihn, den Toten, auferweckte, zum Leben bestimmte, zum ewigen Leben, für uns, für uns alle.
Wir sagten, an einem Geburtstag feiern wir das Leben.

Nun können wir sagen in einer tieferen Einsicht: ja wir feiern das Leben, wir feiern sein Leben, wir feiern unser Leben.

Aber es ist ein Leben, das Gott in seinen Händen hält und das er in Ewigkeit nicht fallen lassen wird.
Das macht die Feier der hl. Nacht so erhaben.

Und so ist es schon recht, wenn wir uns erinnern und freuen an das Glück und die Geborgenheit, an die Wärme und den Lichterglanz, die wir mit diesem Fest verbinden, und an die strahlenden Kinderaugen.
Das alles ist Verheißung. Wir feiern ja das Fest des Lebens.

Die Hirten bekommen als Erkennungszeichen dafür nichts weiter als ein neugeborenes Kind. Was könnten sie eigentliches Schöneres und Größeres bekommen. Dem sollen sie sich zuwenden. Darin wird ihnen Friede geschenkt.

Und so ist auch das, was uns in diesen Tagen von Gott zubedacht ist, einfach, für jedermann verständlich:
dass wir uns wieder mehr einander zuwenden, dass wir die Aufmerksamkeit, die Geduld, die Fürsorge Jesu füreinander aufzubringen. Sorgen wir für das Leben, auch der anderen, sonst leben wir nicht wirklich. Dann werden wir leben aus Gott, nach dem wir uns sehnen, ob wir es wahrhaben können oder nicht, nach Gott, der ganz Glück, ganz Geborgenheit, ganz Liebe ist.

Seht, so wird unser Weihnachtsfest gesegnet sein.