Predigt zum Fest der heiligen Familie 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 31.12.2017 in der Stiftskirche

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Das Bedürfnis nach ständiger Kommunikation ist nicht nur in der jungen Generation groß. Wir suchen immer nach Kontakt, nach Überblick, nach irgendetwas. Es gibt ja auch fantastische technische Möglichkeiten.

Untersuchungen zeigen, - und dieses Phänomen ist ganz neu - dass es für das Erleben junger Menschen grundlegend ist, dass es kein gesamtgesellschaftlich gültiges Modell von Leben mehr gibt. Zu meiner Jugend, als es das noch gab, konnte man es entweder übernehmen oder ablehnen, dagegen protestieren.
Heute leben wir aber in einer Multi-Options-Gesellschaft, d.h. es gibt eine schier unendliche Vielzahl von Lebens- und Zukunftsentwürfen, eine Pluralität von Werten und Sinnvorstellungen. Um meine eigene Identität zu finden, muss ich nicht nur als junger Mensch ständig auf der Suche sein. Was heute noch passt, gilt vielleicht morgen schon nicht mehr.

Die große Freiheit, für sich das Richtige herauszufinden, wird zur Herausforderung, oft zur Überforderung. Ich muss mich ständig durch Kommunikation vergewissern, nachfragen, was wichtig ist, was mir wichtig sein könnte.

Auch die Beziehungen haben sich verändert: es gibt Netzwerke, Foren, die Austausch ermöglichen, ohne dass es Autoritäten gibt, die etwas zu sagen haben. Es gibt eben nicht mehr die Autoritäten, die sagen, wo es langgeht.

Andrerseits - und dies erscheint auf den ersten Blick paradox zu sein - leiden gerade Kinder und Jugendliche an Beziehungsarmut. Viele leben in schwierigen familiären Beziehungen, erleben Abbruch, Zerrissenheit, erfahren tiefe Enttäuschungen und Verletzungen. Die Beziehungen in einer Patchwork- Familie gut zu gestalten, ist eine hohe Anforderung an alle, an Kinder und Erwachsene.

Viel Kommunikation einerseits - wenig echte Beziehung andererseits – so kann man unsere Situation heute beschreiben.

Jugendliche können sich stundenlang SMS gegenseitig zuschicken und einen Treff ausmachen; wenn sie sich dann treffen, wissen sie nichts miteinander anzufangen.

Die Notwendigkeit, sich den Anforderungen einer pluralistischen und globalen Welt zu stellen, lässt das Bedürfnis nach Vergewisserung, Beheimatung und Innerlichkeit wachsen. Wer überall auf der Welt agieren will oder muss, braucht einen festen Anker in sich und in stabilen Bindungen.

Weihnachten, die Menschwerdung Gottes, schenkt uns den festen Anker: Gott schenkt uns sein Du - seine Beziehung zu uns.

Der Jesuitenpater Friedrich Spee hat in seinem Weihnachtslied „Zu Bethlehem geboren“ dies auf innige Weise zum Ausdruck gebracht.

„In seine Lieb’ versenken / will ich mich ganz hinab; / mein Herz will ich ihm schenken / und alles, was ich hab’.

O Kindelein, von Herzen / will ich dich lieben sehr, / in Freuden und in Schmerzen / je länger und je mehr,
d. h. in guten und in bösen Tagen wie beim Eheversprechen.

„Die Gnade mir doch gebe, / bitt’ ich aus Herzensgrund, / dass ich allein dir lebe / jetzt und zu aller Stund’, knüpf’ zu, knüpf’ zu das Band / der Liebe zwischen beiden; / nimm hin mein Herz zum Pfand.
Durch Gottes Gnade ist die Liebe zwischen beiden, dem Menschen und Gott, wie ein Band geknüpft, das ewig hält.

Dessen wollen wir uns vergewissern, dessen dürfen wir uns sicher sein. Das ist der große Schatz, der uns Christen geschenkt ist, dessen großer Wert uns in unserer Zeit neu bewusst werden kann.

In der pluralistischen Gesellschaft ist es unser Schatz, auch wenn viele seinen Wert nicht anerkennen.
Viele Geschenke wurden in den vergangenen Tagen ausgetauscht, Ausdruck, Beziehung zu schenken oder geschenkt zu bekommen, für uns Christen auch die Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes weiter zu schenken, die wir alle so dringend brauchen.

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Bibel stellt uns die Familie Jesu nicht, wie wir es vielleicht erwartet würden, als eine glückliche Großfamilie dar, bei dem die Großeltern mit ihm Hause wohnen; und das traditionelle Ideal, viele Kinder zu haben, konnte sich bei Maria und Joseph nicht erfüllen.

Jesus wurde in keiner idealen Familie groß, zumal in einer patriarchalischen Gesellschaft. Was ist alles in die hl. Familie an Ideal hineinproduziert wurde, ist nicht biblisch.

Desto wichtiger sind da für Jesus immer wieder die Mitglieder einer Art Ersatzfamilie. Seinen Höhepunkt findet das bekanntermaßen in der Frage Jesu: „Wer sind meine Mutter und meine Brüder?“ (Mt 12, 48-50). Die Antwort, die er auf diese Frage mit Blick auf seine Jünger gibt, lautet: „Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“

Die menschlichen Familienbindungen werden nicht aufgehoben, aber sie werden ergänzt durch die Gemeinschaft im Glauben.

Vielleicht können wir das von Maria und Josef lernen: Nach langem Ringen und letztlich einem Nicht- Verstehen ihres Sohnes, Ja zu sagen, gerade in der Gebrochenheit der Existenz und Zeit, gerade unter dem Kreuz, und auf das Neue zu vertrauen, das Gott uns schickt; die Beziehung, die Gott uns anbietet, die Hand, die Jesus uns reicht, nicht mehr loszulassen;
uns ohne Angst an ihn zu binden und seiner Liebe zu vertrauen.

Die Kartäuser haben über all die Jahrhunderte ihrer Existenz den Leitsatz: Dum mundus revolvitur, während sich die Welt dreht wie die Trommel eines Revolvers, - revolvitur - stat crux. Das Kreuz steht, das Kreuz, das wir so schwer verstehen, Gottes festes Zeichen tiefster Liebe inmitten all uns Orientierungslosigkeit. Amen.