Predigt zum 9. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 29. Mai 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Evangelium: Markus 7,1-10

Meine lieben Schwestern und Brüder,

Was auf den ersten Blick gar nicht so auschaut: das Gleichnis vom Hauptmann von Kafarnaum ist ein sehr merkwürdiges Gleichnis, und das gleich in mehrfacher Hinsicht.
Im Evangelium ist ja oft davon die Rede, dass die Leute über Jesus staunten. Aber an nur zwei Stellen wird berichtet, dass Jesus staunte: in seiner Heimatstadt Nazareth über den Unglauben seiner Landsleute und hier über den Glauben eines Heiden.

Jesus muss beim Centurion ein so großes Vertrauen zum ihm empfunden haben, - wie auch immer-, dass es ihn selbst verwundert.

Das heißt doch dann: Im Mittelpunkt des heutigen Evangeliums steht also nicht das Wunderwirken Jesu, sondern etwas, was viel kostbarer ist: der Glaube dieses Mannes. Es geht um den Glauben.

Und hier sind wir bei einer zweiten Merkwürdigkeit: es handelt sich um eine Begegnung Jesu mit dem Hauptmann, die eigentlich gar nicht zustande kommt und die doch gelingt.
Zunächst schickte der Römer angesehene Juden als seine Boten zu Jesus.

Ein Ungläubiger, ein Mitglied der verhassten römischen Besatzungsmacht, wagte es, an Jesus heranzutreten, ihn um Hilfe zu bieten. Aber er konnte sich nicht vorstellen, dass ein Jude einem Römer so einfach hilft. So schickte er jüdische Mittelsleute, die den Kontakt zu Jesus herstellen sollten, eine Brücke bauen sollten, was ja auch gelang. Diese nun strichen die Verdienste des Hauptmanns heraus, und betonten, dass er, obwohl verhasster Römer, es in diesem Einzelfall doch verdient, dass ihm geholfen werde.
Das allein sprengt schon den gesellschaftlichen festgefahrenen Rahmen.

Und Jesus geht ohne zu zögern auf ihr Ansinnen ein. Wir können uns kaum ausmalen, welches Aufsehen das erzeugt haben muss.

Die Bittsteller zählen die Verdienste des Hauptmanns auf – bezeichnenderweise spricht er selbst nicht davon. Das aber führt uns vom Kern dieser biblischen Erzählung weg. Nicht weil er es verdient hätte, hilft ihm Jesus, sondern auf Grund des so großen Vertrauens des Centurion zu Jesus, das ihn verblüfft.

Aber die Geschichte geht noch weiter. Die nächsten Boten sind persönliche Freunde des Hauptmanns, die noch besser für ihn stehen können als die angesehenen jüdischen Ältesten.

Die nächste Stufe wäre dann nur noch, dass Jesus und der Hauptmann sich nun endlich selbst begegneten. Doch dazu kommt es gar nicht mehr.

Der Hauptmann fühlt sich nicht wert, dass Jesus zu ihm kommt. Er muss da etwas im Hinblick auf Jesus gespürt haben, was wir nur schwer nachvollziehen können. Hat er etwas von Jesu Göttlichkeit gespürt? Von Jesu absoluter Lauterkeit? Jedenfalls sein Vertrauen in ihn war so groß, dass es selbst Jesus erstaunen lässt.

Und so kommen sie doch zusammen, im Vertrauen, und darauf kommt es an. In seinem Glauben erkennt der Hauptmann Jesus in einer Tiefe, die den anderen verschlossen bleibt.

Drei Punkte zum Weiterdenken möchte ich anschließen:

Gehen wir wieder einen Schritt zurück. Ohne Zögern geht Jesus mit zum Haus des Offiziers, lässt keine Feindschaft zwischen Römer und Juden gelten. Ohne Ansehen der Person hilft er.

Muss das für uns heute nicht bedeuten:

Wie vielen Menschen ist die Kirche fremd geworden, aber im Herzen sind sie gläubig, sind nur verbittert, verärgert oder enttäuscht. Nicht verurteilen, so meine ich, lehrt uns Jesus, sondern den Glauben und die Sehnsucht heraushören und anerkennen, dass manche, die angeblich „draußen“ sind, vielleicht echter, ehrlicher, nach Jesus Ausschau halten als manch anderer „drinnen“.

Wenn unsere deutsche Amtskirche als Kriterium der Zugehörigkeit zur Kirche und zu Jesus die Kirchensteuer ansieht, dann hat das mit Jesus überhaupt nichts zu tun.
Ich denke, auch unser Helfen als Kirche wird erst gewinnend und überzeugend, wenn wir auch denen helfen, die nicht zu uns gehören. Das Kriterium, das uns Jesus zeigt, ist das Zutrauen und die Not des anderen.

Zweitens: Gehen wir noch einmal zurück zum Hauptmann und sein Vertrauen zu Jesus. Woher er das hatte, wissen wir nicht. Jesus sieht voll Staunen die sachliche Klarheit und die nüchterne Festigkeit dieses Glaubens, ohne das der Hauptmann Jesus zu Gesicht bekommen hätte. Davon war Jesus überwältigt.

Auch wir haben immer wieder den Wunsch; Jesus zu sehen. Das ist verständlich und menschlich. Als Beispiel möchte ich das Leichentuch von Turin nehmen. Wie viel Energie, Geld und Zeit wird aufgewendet, um herauszufinden, ob das historisch echt ist oder nicht.
Jesus würde den Kopf schütteln. Bis heute gilt vielmehr Jesus Antwort auf das Glaubensbekenntnis des hl. Thomas nach der Auferstehung: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“. Dass der Glaube möglich ist, ohne zu sehen, führt uns das heutige Evangelium vor Augen.

Eine dritte Überlegung: Die Boten, sowohl die jüdischen Ältesten als auch die Freunde des Hauptmanns, bringen dessen Anliegen zu Jesus und setzen damit die Bewegung Jesu zu dem Hauptmann in Gang.

Wenn wir im Gebet für einen Menschen mit oder ohne dessen Wissen und Auftrag zu Jesus gehen, kann sich das gleiche vollziehen. Jesus Christus geht auf diesen Menschen zu, und im Glauben können sie sich begegnen.

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Der Glaube des Hauptmanns muss ganz rein gewesen sein, ganz Vertrauen.

Ein Glaube ohne Zweifel. Gibt es das überhaupt?

Ist der Zweifel nicht immer unserem Glauben beigemischt?

Nur Gott kann uns aus dem Zweifel herausziehen.

Ein Gehaltensein von innen her, aus einer Mitte, die wir nicht gemacht haben, sondern die als Geschenk in uns gelegt ist, die wir aber zulassen können und müssen, die wir auch pflegen sollten.

Was mich am Hauptmann beeindruckt: wie viel Zutrauen, wie viel Vertrauen, wie viel Hochachtung, wie viele noble Zurückhaltung spricht aus diesem Wort: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort, so geschieht Heil“.
Doch, er war würdig. Wir alle sind würdig, wenn wir ihm in der Eucharistie empfangen und ihm begegnen. Nicht das Brot stellt den Kontakt mit Jesus her, sondern unser Vertrauen zu ihm, unser Glaube an ihn.

Der Hauptmann ahnt wohl, wer Jesus letztlich ist. Das, was alle seine Macht als Militär und alle Macht dieser Welt übersteigt. In Jesus begegnet ihm sein Gott. Amen.