Predigt zum 8. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Johannes Naton OSB, 26. Februar 2017 in der Stiftskirche Neuburg

Lesung: 1 Kor 4ff; Evangelium: Matthäus 6,24ff

Liebe Schwestern und Brüder!

Fakenews-Alarm! Falschmeldungen sind all überall unterwegs! Neulich erst vernahm ich die Behauptung: Christen seien humorlos und lustfeindlich, besonders die katholische Kirche hätte etwas gegen Witze und Gelächter! Das Gerücht ist ein alter Hut, wie ja auch das Phänomen der fakenews so alt ist wie die Menschheit selbst, aber seit Umberto Ecos Roman DER NAME DER ROSE, in dem reaktionäre Mönche ein mörderisches Lachverbot propagieren, ist die angebliche katholische Humorfeindlichkeit ein Dauerbrenner der Kirchenkritik. Unfug! Die Kirche hat so wenig das Lachen verboten, wie sie gelehrt hat, die Erde sei eine Scheibe. Der Streit zwischen Rom und Galilei drehte sich um Details des Kopernikanischen Weltbildes, aber nicht um den Globus, denn die Kugelform der Erde war schon von Aristoteles gelehrt worden, und der galt in der mittelalterlichen Kirche als wissenschaftliche Autorität. Das ist in allen guten Geschichtsbüchern nachlesbar, aber der Glaube an das Globusverbot des bösen Vatikans ist nicht totzukriegen, eigentlich ein Treppenwitz der Kirchengeschichte. Ebenso wie das angebliche Witzverbot der Inquisition. Es gab allerdings einige katholische Gelehrte und Prediger, die das Lachen wirklich ablehnten, da hatte Eco schon gut recherchiert. Die Regel des heiligen Benedikt hat für „albernes Gelächter“ nichts übrig, allerdings war dies kein Gebot für die ganze Christenheit, sondern eine Benimmregel für die Klausur, und diese hing mit der Stoa zusammen, jener Philosophie von der Kraft der Stille, die Benedikt schätzte. Der Kirchenvater Johannes Chrysostomos allerdings hatte die steile These vertreten, Jesus habe nie gelacht, und daher sollten Christen möglichst auch nicht lachen. Darauf hat Eco damals seinen tatsächlich sehr spannenden Klosterkrimi aufgebaut, und der Welterfolg des Buches und der Verfilmung mit Sean Connery sowie die anhaltende Kritik an den eher lustfeindlichen Verlautbarungen Roms zur Sexualmoral taten ein Übriges, uns Katholiken zu humorlosen Miesepetern abzustempeln.

Das weisen wir natürlich mit Empörung und Bestimmtheit zurück. Gerade in dieser Jahreszeit! Katholiken lachen nicht? Da lachen ja die Hühner! Wer hat ihn denn erfunden, den Karneval, jenes überschäumend fröhliche Feiern vor der Fastenzeit? Wer hat denn das Umherziehen mit bizarren Kostümen und Gesängen aus dem antiken heidnischen Brauchtum in die neuzeitliche christliche Kultur so konvertiert, dass sie zu volksverbindenden Feiern für jedermann wurden, zu denen Pfarrer und Schankwirte gleichermaßen ihren Segen dazu geben konnten? Wir doch wohl! Tanzverbot ist auch keine katholische Erfindung, es war der Reformator Calvin, der in seinem Herrschaftsbereich jegliches Tanzen verbot und in Zürich ganze Hochzeits-gesellschaften ins Gefängnis warf, weil sie dagegen verstießen. Wir Katholischen hatten freilich auch oft schrecklich moralische Prediger, die während der Karnevalstage Sühneandachten hielten und den Kommunionkindern ein totales Faschingsverbot erteilten. Peinlich und unkatholisch möchte ich solch prüde Pastoral nennen.

Andererseits war es wieder der katholische Klerus, der zu einer einmaligen Humor-kulturstiftung fähig war: Dem Osterlachen! Es gehörte seit der Spätantike in vielen europäischen Kirchen zur Tradition, dass in der Auferstehungsmesse der Priester die Gemeinde zum Lachen bringen musste, um die Osterfreude sinnenhaft fühlbar werden zu lassen. Dies gelang freilich nicht immer, und je geistloser Prediger oder Gemeinde gestrickt waren, desto miserabler fielen dann auch die Witze aus. Nicht selten hörte man im 15. Jahrhundert peinlichen Zoten im Stil eines Mario Barth, aus dem Munde ungebildeter Prediger. Doch gab es eben auch die Hochform genial komischer und obrigkeitskritischer Predigten wie etwa bei Abraham a Santa Clara. Dennoch traf das Osterlachen auf den scharfen Protest der Reformatoren, die damit zumindest im deutschen Sprachraum langfristig Erfolg hatten und das Kirchengelächter allmählich verstummen ließen.
Und wie war das mit Jesus? Johannes Chrysostomos hatte doch behauptet, der habe nie gelacht? Wie kam er darauf? Nun, er kannte die Schrift: Tatsächlich erwähnt die Bibel niemals, dass Jesus lachte, obwohl sie andererseits betont, dass er weinte, dass er schimpfte, dass er lobte, dass er Tempelhändler vermöbelte, dass er Wein trank , betete und zu Hochzeiten ging. Nun wenden nette Theologen ein, dass Jesus, wenn er auf Hochzeiten Wein trank, doch sicher auch gelacht habe. Aber das ist nicht überzeugend, denn auf der Hochzeit zu Kana war Jesus nachweislich schlecht gelaunt. Als der Wein ausgeht, tut er nichts, als Maria ihn zur Hilfe ruft, raunzt er sie ungezogen an: Weib, was habe ich mit dir zu tun? Es könnte sein, dass er erwachsene Jesus nie gelacht hat. Immerhin war er in einer Mission unterwegs, die ihn zum Kreuz führte. Möglich, dass man da nicht zu Späßen aufgelegt ist. Aber folgt daraus, dass Christen nicht lachen sollen?

Unfug! Hier eine kleine Liste von Dingen, die die Bibel bei Jesus nie erwähnt: Er hat nie Schweinefleisch gegessen, nie den Rosenkranz gebetet, nie gebeichtet, er ist nie zum Friseur gegangen, hat keine Soutane getragen, auch keine Hosen, und er hat nie gesungen! Jedenfalls erwähnt die Bibel nichts davon. Der lachfeindliche Prediger müsste also auch all dieses verbieten, wenn seine Logik stimmen soll. Johannes Chrysostomos gehörte übrigens zu den wenigen gebildeten Christen, die die Welt für eine Scheibe hielten. Auch mit dieser Logik hatte er sich nicht durchsetzen können.

Pfeifen wir drauf und lachen uns eins: Das Lachen der Christen ist das biblische Lachen der Sarah: Ihr erstes Lachen war noch das ungläubige Grinsen über die göttliche Verheißung eines späten Mutterglücks. Doch das zweite Lachen war das gottgefällige, erlöste Lachen über die eigene Dummheit und die größere Liebe Gottes. Sie sagt im Buch Genesis (21,6): Gott ließ mich lachen, und wer davon hört, wird mir zulachen! Das Lachen der Erlösten entspricht dem heutigen Evangelium: Macht Euch keine Sorgen! Nicht, weil es keinen Grund zur Sorge gäbe, sondern weil der, der Ostern begriffen hat, jede Sorge in ihrer Begrenztheit erkennt und weiß: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Christen glauben, dass am Ende das Osterlachen steht, wie Jesus es allen Traurigen in der Bergpredigt verheißt. Nur denen, die vor der Zeit urteilen und als arrogante Besserwisser auftreten, denen wird nach Jesu Wort das Lachen vergehen. Doch da geht es um das Lachen über die Schwachen, nicht um gute Witze. Der Begriff WITZ war im Mittelhochdeutschen nicht das Wort für SCHERZ, sondern für GEIST! Gewitzte Christen wissen, warum sie gut Lachen haben. Also genug doziert, der Rosenmontag rückt näher. Wir müssen jetzt beim Credo nicht schunkeln, aber das Herz darf schon ins Schwingen kommen dabei, denn die Freude an Gott ist unsere Stärke. Amen.