Predigt zum 8. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 26. Februar 2017 in St. Elisabeth Heidelberg

Ev: Mt 5,1-12a

Meine lieben Schwestern und Brüder,

es klingt schon sehr weltfremd: „Sorgt euch nicht um euer Leben“. Eltern sorgen sich um ihre Kinder. Kranke sorgen sich um ihre Gesundheit. Zur Vorsorgeuntersuchung werden wir angehalten. Viele sorgen sich zu Recht um ihren Arbeitsplatz. Wir machen uns Sorgen um unsere Zukunft. Wir sollen uns Sorgen um unsere Rente machen, vorsorgen auf privater Basis.
Wäre es nicht geradezu unverantwortlich, sich keine Sorgen zu machen? Unsere Kultur beruht ja darauf. Ohne das Besorgen von Überfluss könnten wir nicht überleben.

Wir brauchen Brot, Kleidung, wir brauchen Geld. Jesus hatte fromme Frauen, die ihn sponserten. In unserer Klosterregel steht: Der Cellerar, der Ökonom, trage Sorge für alles. Im Abtskapitel wird dann das heutige Evangelium zitiert: „Wegen des vielleicht allzu geringen Klostervermögens soll der Abt sich nicht beunruhigen: vielmehr bedenke er das Wort der Schrift: Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch dazugegeben“ (RB 2,35; Mit 6,33).
Es geht also hier um eine Priorität. Um eine Hierarchie der Werte. Jesus konfrontiert uns mit einer Wahl zwischen zwei Werten, einer Wahl zwischen zwei Herren, sagt er, also zwei Begebenheiten, die Macht über uns ausüben.

Unsere Klosterregel gibt für uns Mönche eindeutig eine Priorität an: „Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden“ (RB 43,3) und „Christus sollen die Mönche überhaupt nichts vorziehen“ (RB 72,11).

Wir berühren das erste Gebot. „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“. Die ewige Gefährdung des Menschen, sich im Materiellen zu verlieren, wird angesprochen: Wenn das Geld zum Götzen wird.

Es geht ihm um die Frage nach der Gerechtigkeit des Reiches Gottes. Sie ist vielleicht die aktuellste theologische Frage. Zugespitzt formuliert: Es ist die Frage: Dient das Geld dem Menschen oder beherrscht das Geld den Menschen?
Auf gesellschaftlicher Ebene stehen wir alle in wechselseitigen Beziehungen: durch vertragliche Abmachung, beruflich und geschäftlich, handelsmäßig. Die Frage der Fairness, der Korrektheit ist angesprochen. Die Bankenkrise ist Ausdruck des Götzendienstes am Geld. Götzendienst zieht immer Verwüstung und Elend nach sich.

Gerechtigkeit betrifft sodann das politische Leben. Gefragt sind alle jene, die im öffentlichen Leben, in der Verwaltung, Justiz, Politik, in der Wirtschaft Verantwortung tragen. Wir müssen immer wieder erleben, wie dort Gerechtigkeit manchmal auf geradezu dramatische Weise missachtet wird. Dadurch werden das ganze gesellschaftliche Gefüge und das Vertrauen gefährdet, ohne dass kein menschliches Zusammenleben möglich ist.

In Untersuchungen über den Arbeitsmarkt kann man lesen: „Es gibt oftmals kaum noch zwischenmenschliche Solidarität; man muss andere zurückdrängen, um selber im guten Licht zu stehen. Mobbing ist nicht selten. Ursache dieser Feindseligkeit ist die Angst vor Entlassung oder das Streben nach Beförderung. Im Grunde kann man den Ursprung dieses aggressiven Verhaltens auf zwei Worte zurückführen: Angst und Geld. Alles basiert auf einer erbarmungslosen Konkurrenz, die wiederum auf der Furcht gründet.“

Mein Urgroßvater hatte ein Bauunternehmen. Jeder wusste: Ihm ging es nicht nur um Gewinnoptimierung, sondern eine gewisse Sorge für seine Angestellten stand bei ihm im Vordergrund. Deswegen setzte sich auch jeder im Betrieb nach Kräften ein, und jeder dachte mit, und das war unbezahlbar. Seine Nachfolger waren nur noch auf das Geld fixiert; die positive kreative so fruchtbare Atmosphäre im Betrieb verschwand, und schlussendlich ging vieles bankrott. Der Götze Mammon hinterließ seine Spur der Verwüstung.

Ein zweites Beispiel:
Wenn unsere Kinder unbedingt Markenkleidung haben wollen oder wenn wir selbst meinen, dass wir absolut die neuesten Modeartikel haben müssen, können wir schnell einsehen, dass es sich um eine Sklavenhaltung dem Geld gegenüber handelt.

Die Jugendlichen, die auf ihre Eltern Druck ausüben, um mit Handy, Mode und Sonstigem nach dem letzten Schrei ausgestattet zu sein, können von uns beeinflusst werden, nicht indem wir als Oma oder Opa direkt das Portemonnaie aufmachen, sondern wenn wir uns wachsam und bewusst verhalten.

Auch Jugendliche können verstehen, dass ein Großteil der Kleidung oder Sportschuhe von Kindern in der Dritten Welt hergestellt wird, die unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten. Das Fernsehen zeigt zu diesen Themen genügt Reportagen, die unseren Jugendlichen auf der Suche nach ihrer Identität die Augen dafür öffnen können.

Dass die Gerechtigkeit des Reiches Gottes manchmal gar nicht so einfach auf der Hand liegt, sei durch das Verhalten einer Person im 3. Reich gezeigt: Oskar Schindler. Steven Spielberg hat uns mit seinem großartigen Film „Schindlers Liste“ einen Menschen gezeigt, der so vielen Juden das Leben gerettet hat.

Schindler, in Zittau geboren, Sohn eines Fabrikanten für landwirtschaftliche Maschinen, wurde Mitglied der NSDAP. Bereits in jungen Jahren bekam er den Spitznamen „Schindler- Gauner“.

Er macht sich 1939 auf ins überfallene Polen, nach Krakau, um dort geschäftlich vom Krieg zu profitieren. Er begriff schnell, wie man innerhalb des korrupten Regimes taktieren musste, um Karriere zu machen. Geschickt knüpfte er Verbindungen zu verschiedenen Nazigrößen. In einer von den Nazis beschlagnahmten Emaille-Fabrik begann Schindler Geschirr und Kochutensilien für die Wehrmacht herzustellen. Da er dank seiner Beziehungen immer mehr Verträge mit deutschen Truppen abschließen konnte, entwickelte er sich zum Kriegsgewinnler.

Für seine Fabrik stellte er jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen ein, anfänglich weil sie billiger waren und mehr Gewinn erbrachten.

Mit der Zeit und besonders nach der schrecklichen Liquidation des Ghettos von Warschau im Frühjahr 1943 nahm er auch solche Juden in seinen Betrieb auf, die den Arbeitsforderungen nicht gewachsen waren. So vermochte er sie vor der Deportation nach Auschwitz zu bewahren.

Als sich die so genannte Endlösungspolitik der Nazis immer deutlicher abzeichnete, kaufte Oskar Schindler mit seinem Vermögen so viele Juden wie nur möglich los. Es gelang ihm, 700 bis 800 Männer in das vergleichsweise sichere Dorf Brünnlitz in Tschechien zu bringen. Dort wartete er mit ihnen in einer neu eröffneten Fabrik das Ende des Krieges ab.

In einer eindrücklichen Szene bestürmt eine junge Frau Schindler, ihre bedrohten Eltern doch auch in den Betrieb aufzunehmen. Schindler wehrt energisch ab. Als die Frau nicht nachlässt und ihm entgegenhält, er sei doch ein guter Mensch, wie alle im Lager sagten, tobt er und schreit später seinen Buchhalter an, das könne ihm Kopf und Kragen kosten.
Gegen Ende des Filmes überreichen die Arbeiter ihrem Chef einen Ring, den sie über Nacht angefertigt haben. Schindler ist tief bewegt und sagt ein ums andere Mal: „Ich habe nicht genug getan, ich habe nicht genug getan.“ Er bedauert, dass er so viel Geld zum Fenster hinausgeworfen hat. Mit einem etwas bescheideneren Lebensstil hätte er viel mehr Menschen loskaufen können.

„Wer einen einzigen Menschen rettet, rettet die ganze Menschheit“: diese Worte aus dem Talmud haben ihm die Arbeiter in den Ring eingraviert.

Auf die Frage, woher er den Mut genommen habe, sich derart für die Juden einzusetzen, antwortete Schindler in einem Interview: „Ich kannte die Leute, die für mich arbeiteten. Wenn man die Leute kennt, muss man sie wie Menschen behandeln.“

Vom Staat Israel erhielt Oskar Schindler den Ehrentitel: „Gerechter unter den Völkern“. Amen.