Predigt zum 7. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 19. Februar 2017 in St. Elisabeth, Heidelberg

Evangelium: Mt 5,38-48

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Auge um Auge und Zahn um Zahn – im antiken Orient war das das rechte Maß bei der Ahndung eines Vergehens. Der Schuldige soll nicht zu wenig und nicht zu viel an Strafe für sein Vergehen bekommen. Schriftlich belegt ist diese Rechtsprechung seit 1700 v. Chr. im babylonischen Codex Hammurabi, dessen Einfluss auch auf die 10 Gebote auszumachen sind.

Gegenüber einem maßlosen Strafen war dieses Aug um Aug damals ein großer Fortschritt. Jesus aber geht noch viele Schritte weiter.

Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, halt ihm auch die andere hin. Liebt eure Feinde!
Wie soll das gehen?

Meine 14jährige Großnichte Hanna würde sagen, wenn ich ihr mit diesen Anweisungen käme: „Ich bin doch nicht Jesus“. Sie hat gerade großen Ärger in der Schule, Ärger mit einem Jungen. Der hänselt sie, weil ihre Figur nicht den Maßen eines Topmodels entspricht. „Specklinse“ nennt er sie. Sie hasst den Jungen, wie sie mir erzählt. Es trifft sie hart.
Wie könnte Hanna umgehen mit diesem Jungen, der sie immer wieder verbal angreift? Wie passt das mit der rechten und linken Wange in eine Welt, in der der Rap-Sänger Bushido singt: „Hau rein, denn die Welt ist kaputt.“?

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Wie schnell sind wir dabei, Menschen etwas Schlechtes zu wünschen. Ich kann mich da leider nicht herausnehmen. Wie schnell denken wir: „Ja super, dir geschieht recht!“

Lieg es in der menschlichen Natur, dass wir unseren Mitmenschen eher das Schlechte als das Gute wünschen? Oder lernen wir dieses Verhalten seit Generationen von der Gesellschaft, in der wir nun einmal leben?
Im Internet habe ich eine interessante Studie gefunden: Da wurden Schüler einer Grundschule gefragt, wie sich die größeren Schüler ihnen gegenüber benehmen. Die Grundschüler erzählten, dass die Älteren sie oft schubsen, gemein seien und ihnen Sachen wegnähmen. Die Grundschüler fanden das ziemlich mies.

Danach hat man die großen Schüler befragt. Die haben bestätigt, dass sie das tun und: dass sie das gut finden und Spaß dabei haben.

Interessant ist die Begründung der Großen. Die lautet schlicht: Das hat man doch früher auch mit uns gemacht.
Und so scheint Gewalt von Generation zu Generation weiterzugehen. Wer selbst nicht viel Mitgefühl erlebt, sieht offensichtlich keinen Grund, anderen Mitgefühl zu schenken.

Dagegen wieder das Wort Jesu: Betet für die, die euch verfolgen.

Schnell gesagt, aber schwer getan: Diesen Mechanismus umzukehren, für Menschen zu beten, die uns Böses wollen: das erfordert erst einmal viel Mut.

Mut, gegen seinen eigenen Impuls zu handeln. Mut, anders zu handeln als die Masse.

Aber: das kann erstaunliche Effekte haben: Man nimmt dem Gegenüber allen Wind aus den Segeln.
Denn jemanden zu verfolgen, zu demütigen, zu piesacken, zu schikanieren, der mir ständig Gutes wünscht, der mich ständig freundlich zu mir verhält, das ist gar nicht so leicht.

Da kann es passieren, dass der Peiniger aufhört, weil sein Angriffe ins Leere laufen.
Im optimalen Fall wird er vielleicht sogar von meinem Verhalten beeindruckt sein.
Und dann werden Jesus und dem Heiligen Geist sprichwörtlich „Tür und Tor geöffnet“.
Wir können nämlich die Tür öffnen. Auch in Momenten des Schmerzes und des Hasses.
Zwei Beispiele, in denen Menschen ihr Herz geöffnet haben und die Gnade der Liebe Christi erleben durften, möchte ich erzählen.

Zunächst eine Geschichte aus dem normalen Alltag und dann ein Lebenszeugnis, das mit der tiefsten Verletzung dieser Person zu tun hat.

Eine Frau erzählte eine kleine alltägliche Geschichte.
Sie hatte ein schönes Erlebnis mit ihrer Nichte. Die Nichte - von Beruf Krankenschwester - wohnte seit einiger Zeit bei ihr in Heidelberg. Sie kam eines Morgens von der Nachtschicht nach Hause, begrüßte die Tante freundlich.
Die Tante, am frühen Morgen verschlafen, mürrisch gelaunt, vor sich hin schimpfend, rauschte an der Nichte vorbei.
Die Nichte blieb dennoch freundlich und zog sich in ihr Zimmer zurück. Als die Tante am Nachmittag von der Arbeit zurückkam, sagte ihr die Nichte, sie habe eine Überraschung für sie. Bei strahlend schönem Wetter gingen beide gemeinsam auf die Terrasse: - dort hatte die Nichte etwas zu essen. Beide verbrachten ein paar schöne Stunden miteinander.
Die Tante sagte mir: Meine Nichte hatte mich sehr beeindruckt.
Die andere Geschichte, eine Lebensgeschichte:
Corrie Ten Boom war eine niederländische Christin, die während der nationalsozialistischen deutschen Besetzung der Niederlande eine Untergrundorganisation gründete. Sie rettete zahlreiche Juden vor dem Holocaust. Sie hatte ihr Leben immer wieder aufs Spiel gesetzt und landete selbst in einem Konzentrationslager.

Sie berichtet folgendes:
„In einem Gottesdienst in München sah ich ihn, den früheren SS-Mann, der vor der Tür zum Duschraum in Ravensbrück Wache gestanden hatte. Er war der erste unserer Kerkermeister, den ich seit damals wiedersah. Und plötzlich war alles von damals wieder lebendig, die demütigende Situation, wie wir nackte Frauen vor seinen Augen in den Duschraum gejagt wurden usw.
Als sich die Kirche leerte, kam er strahlend auf mich zu und begrüßte mich.
Er streckte seine Hand aus, um meine zu schütteln, aber ich, die ich in Bloemendaal den Menschen so oft gepredigt hatte, dass sie vergeben mussten, ließ meine Hand herunterhängen.
Als die bitteren Rachegedanken in mir kochten, erkannte ich, dass es Sünde war. Jesus Christus war auch für diesen Mann gestorben; wollte ich mehr verlangen? ,Herr Jesus‘, betete ich, ,vergib mir und hilf, ihm zu vergeben.‘
Ich versuchte zu lächeln, bemühte mich krampfhaft, meine Hand zu heben. Ich konnte es nicht. Ich fühlte nichts, nicht den kleinsten Funken Wärme oder Erbarmen. Und so hauchte ich wieder ein stummes Gebet. ,Jesus, ich kann ihm nicht vergeben. Schenke mir deine Vergebung‘.
Und als ich seine Hand nahm, geschah etwas ganz Unglaubliches. Von meiner Schulter herunter, an meinem Arm entlang und durch meine Hand schien ein Strom von mir auf ihn überzugehen, während in meinem Herzen eine Liebe zu diesem Fremden aufloderte, die mich fast überwältigte.
Und so entdeckte ich, dass die Heilung der Welt weder von unserer Vergebung noch von unserer Güte abhängt, sondern allein von seiner, Jesu Güte. Wenn er uns sagt, dass wir unsere Feinde lieben sollen, dann schenkt er uns auch mit dem Gebot die Liebe selbst.“

Meine lieben Schwestern und Brüder!
Was rate ich meiner 14jährigen Großnichte, wenn sie mir berichtet, wie sehr sie den Jungen hasst, der sie ständig „Specklinse“ nennt?

Soll ich ihr sagen: „Nur Mut, lächele ihn an, wenn er dich das nächste Mal hänselt? Gott wird dir beistehen und dein Herz mit Liebe für diesen Jungen erfüllen.“ Meine Nichte wird mich für verrückt erklären.
Ich werde es anders anfangen müssen. Vielleicht so: „Hanna, ich kann deinen Hass verstehen. Aber mit Hass wirst du vermutlich nichts erreichen. Er frisst sich nur in dich hinein.“

Ich kann sie nur ermutigen, den Schritt in Richtung „Feindesliebe“ zu wagen, und ich kann ihr erzählen.
Als ich ins Kloster eintrat, da gab es einen Bruder, mit dem ich immer wieder aneinandergeriet. Die Abneigung war gegenseitig. Eines Tages fasste ich mir ein Herz und verabredete mit ihm, dass wir uns gegenseitig in Ruhe lassen, einfach nicht mehr miteinander sprechen sollten. Kalter Krieg; Waffenstillstand. Daraus erwuchs dann allmählich eine Freundschaft, die bis heute hält. Amen.