Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 28. Mai 2017 in St. Elisabeth

L1: Apg 1,12-14, L2: 1 Petr 4,13-16, Ev: Joh 17,1-11a

Meine lieben Schwestern und Brüder!

In diesen Tagen zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten rufen wir Christen in besonderer Weise den hl. Geist an.

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Der erste Punkt ist die grundlegende Frage: Woher kommen wir eigentlich? Woher kommt das Leben?

Wir Christen sagen: unser Dasein verdanken wir in letzter Instanz Gott. Wir sind nicht Schöpfer unserer Selbst. Wir sind Geschenk Gottes. Waren sie schon mal in Sorge um ihr Leben: ein dummes Geschwür, das sie beunruhigte. Und der Arzt sagt: Nein, alles ist Ordnung, gutartig. Da wird einem das Leben neu geschenkt. Sicher, das Leben ist auch unsere Tat, es ist unser Werk, unser Lebenswerk. Aber den Kern des Lebens erreichen wir damit nicht. Das Leben selbst ist mehr Gabe als Werk, mehr Geschenk als Tat.
An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Verdanken wir uns wirklich Gott?

Es gibt auch eine ganz andere Einstellung zum Leben, die besagt: Wir sind die Herren des Lebens. Wir machen es, wir verbessern es. Das kann bei der Manipulation im Reagenzglas beginnen und bei der Manipulation des Todes enden. Schwierige Fragen in einer modernen Gesellschaft: Wir brauchen ein wachen kritischen Sinn, zwischen Geist und Ungeist zu unterscheiden.

Ein zweiter Punkt:

Die alten Griechen nannten die Fremden Barbaren, die Römer nannten sie gar Feinde (hostes). Die ersten Christen sagten: die Fremden: das sind unsere Freunde. Sie sagten: Wir haben an Pfingsten erlebt: Der Geist Gottes schert sich nicht um Grenzen, um Kulturen und Nationalitäten. Gottes Geist spricht vielmehr in allen Sprachen, spricht zu jedem in seiner Muttersprache, d.h. der Geist Gottes ist dem Fremden genau so nahe wie mir selbst. Pfingsten hat alle Völker und Sprachen im Blick. Das ist der Kirche in die Wiege gelegt. Sie ist nicht erst im Lauf der Zeit universal geworden. Sie ist es kraft des Hl. Geistes vom Ursprung her. Niemand ist in ihr Ausländer.

Meinem Urgroßvater, er war Lothringer, stellte ich als Kind ganz naiv eine Frage, die doch nicht so dumm war. Ich frage ihn, warum gesagt worden sei, Deutsche und Franzosen seien Erbfeinde, und warum sie Krieg gegeneinander geführt hätten; beide seien doch katholisch und beide hätte doch denselben hl. Vater, dann könne das doch gar nicht stimmen.

Einheit in der Vielfalt, das ist die große Herausforderung unserer Weltstunde und auch unserer Kirche. Unsere Erde ist durch die modernen Möglichkeiten der Kommunikation ein globales Dorf geworden. Darin werden wir auf Dauer immer dichter beieinander wohnen, nicht unbedingt alle in einem Haus, aber doch ohne den Wahn eines gewalttätigen Nationalismus.

Fremde werden Freunde, das ist die Botschaft vom Ursprung her, aus dem Geist Gottes her.
Dabei ist es beschämend, dass wir unseren vertriebenen und misshandelten Glaubensbrüder und -schwestern aus dem Nahen Osten nicht wirklich beistehen. Gar kein richtiges Bewusstsein dafür haben, dass sie noch bei uns in Deutschland von ihren moslemischen Landleuten drangsaliert werden. Wir werden daher zu Recht von etlichen Moslems verachtet.

Noch einen dritten Punkt:

Die Leute von Babylon wollten sich einen Namen machen. Sie sind eine Gesellschaft der Macher. Sie müssen alles daransetzen, um durch immer größere Leistung doch noch jemand zu werden. Der Wille zur Macht treibt sie immer höher hinaus. Schließlich platzt das Unternehmen. Die nach den Sternen greifen und sich wie die Herrgötter gebärden, stürzen mit ihrem Turm in den Abgrund.
Die Macher verkennen die eigene Realität, vergessen den Menschen und die menschlichen Dimensionen, sie begehen Raubbau am Leben und enden im Tod.

Der Pfingstgeist ist nüchtern. Er sieht die Realität. D.h. nicht, wir sollen uns mit dem abfinden was ist.
Wir haben als Studenten einen prägnanten Slogan gehabt. Er lautete: „Du hast ganz ungeahnte Möglichkeiten, nicht zuletzt die Möglichkeiten Gottes mit dir. Worauf Gott seine Hoffnung setzt, das wagen wir“. Gott hat seine Hoffnung auf den Menschen gesetzt, nicht auf ein System, nicht auf einen Staat, nicht auf Geld, nicht auf eine großartige Idee, sondern Gott hat seine Hoffnung auf mich gesetzt.

„Der Glaube ist Begegnung mit dem Menschen Jesus und darin erfährt er den Sinn der Welt als Person. Es ist die Anwesenheit des Ewigen selbst in dieser Welt. Er gewährt sich uns als Liebe, die auch mich liebt. Christlicher Glaube lebt davon, dass es nicht bloß objektiven Sinn gibt, sondern dass der Sinn der Welt mich kennt und liebt“, so etwa Papst Benedikt.

Dieser Gedankengang des Papstes hat uns mitten hineingeführt in den Text des Evangeliums. Jesus vertraut seinen Jüngern in der Nacht vor seinem Tod an, was ihn in Innersten bewegt. Er ist ganz durchscheinend geworden für die Welt des Vaters. Er ist das Du, das im Vater verankert ist und das seinen Anker nach den Herzen der Menschen auswirft und sich in ihnen festmacht. Dies meint hier „Erkennen“, „Ewiges Leben“: „dich, den ewigen wahren Gott erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.“

Wie kein anderer hat der große französische Philosoph des 17. Jahrhunderts René Descartes das Bild des Menschen der Neuzeit geprägt.
Descartes stellt die Vernunft in den Mittelpunkt.
Das berühmte: Ich denke, also bin ich: Cogito ergo sum.
Das Erkennen durch den Verstand definiert mich und bestimmt meine Wirklichkeit.
Nur was ich erkenne, ist für mich Wirklichkeit.

Jesus sagt: Natürlich ist euch die Schöpfung von Gott anvertraut, das Materielle ist wichtig. Aber den Kern des Lebens erreicht ihr damit nicht.

Jesus sagt: Amor ergo sum: Ich werde geliebt, also bin ich. Ich bin von Gott aus Liebe gewollt.
Der Mensch ist nicht zufällig, ist keine Laune der Natur, sondern jeder Mensch ist ein einmaliger Gedanke Gottes. Nicht die Mathematik hält alles zusammen, sondern die Liebe. Der Vater, der ganz Liebe ist, der Sohn, der ganz Liebe ist, der einmalige, unwiederholbare Mensch, du, der du geliebt bist von Anfang an und zur Liebe berufen: wir sind im hl. Geist, der ganz Liebe ist, zutiefst verbunden:
das ist die Achse, um die sich in Wahrheit die Welt dreht.