Predigt zum 6. Sonntag im Jahreskreis 2018

P. Ambrosius Leidinger OSB, 11. Februar 2018 in St. Elisabeth, Heidelberg

Meine lieben Schwestern und Brüder,

„Jesus hatte Mitleid mit ihm.“

Das berühmteste Kapitell in der wundervollen romanischen Basilika von Vézelay in Burgund ist „die mystische Mühle“. Diese Szene ist eine wunderbare Darstellung des mittelalterlichen symbolischen Denkens, das uns heute so schwer verständlich ist.

Ein Mann im kurzen Gewand, Schuhe an den Füßen. schüttet Korn in eine Mühle, während ein barfüßiger anderer, bekleidet mit einer weißen Toga, das Mehl auffängt.

In der ersten Gestalt muss man Moses sehen; in dem Korn, das er in die Mühle schüttet, das Gesetz des Alten Testamentes sehen, das er von Gott am Berg Sinai erhalten hat. Die Mühle, die das Korn mahlt, stellt symbolisch Christus dar. Derjenige, der das Korn auffängt, ist der Apostel Paulus, und das Mehl selbst das Gesetz des Neuen Bundes.
Die Deutung: Das Gesetz des Moses enthielt zwar die Wahrheit, aber es war eine verborgene Wahrheit, so verborgen wie das Mehl im Korn. Erst durch das Opfer Christi am Kreuz ist es in dieses Mehl verwandelt worden, das man in sich aufnehmen kann, indem man es zu Brot weiterverarbeitet: und das ist das neue Gesetz des Evangeliums Jesu Christi, das der hl. Paulus durch Gottes Auftrag annahm, um es weiter zu verbreiten.

Man kann auch einfacher sagen: Die Körner sind wir, der alte Mensch, die Mühle ist das Evangelium, und herauskommt der neue Mensch, der durch Christus in Gottes Gnade steht.

Eigentlich müsste die Kirche das Evangelium schon längst weggedrückt, verboten, abgeschafft haben – so mittelmäßig, wie sie es umsetzt und so mittelmäßig ich Priester bin. Aber siehe da, das Evangelium zeigt Wirkung. Und es ist nicht unterzukriegen, und verwandelt auch immer wieder Menschen.

Jeder hat seine Verwundung. Und jeder von Ihnen ist mit seiner wunden Stelle heute früh hierhergekommen. Wir können ja nicht aus unserer Haut. Verwundet werden wir immer von Menschen, die Zugang zu unserem Herzen haben. Sich von Jesus berühren lassen, heißt auch, von Herzen zu verzeihen, dem anderen und was das schwierigste ist: auch mir selbst, heißt, ein versöhntes Herz zu gewinnen. Imme wieder eine große Aufgabe, das ganze Leben lang.

Es gibt ein interessantes Phänomen: Wir hatten einen Pater, der dir noch genau sagen konnte, was ihm vor 35 Jahren Böses angetan wurde und wie er vor 42 Jahren tief verletzt wurde und wie schlimm das alles für ihn ist.

Er schleppte einen furchtbaren Ballast von Lebenswunden mit sich herum. Vielleicht gehört es zum schwersten, Negativerfahrungen loszulassen. Ein versöhntes Herz zu haben.

Noch einen Gedanken weiter: „Vergiss nicht“, sagte Frère Roger von Taizé einmal, „dass aus derselben Wunde, in die die Unruhe eindringt, auch schöpferische Lebenskräfte erwachsen“.

Nur wo ich verwundbar bin, kann ich auch wachsen. Was mich nicht berührt, da geschieht auch nichts.

Oder umgekehrt: Nur wo ich mich berühren lasse, von Jesus berühren lasse, kann ich wachsen.

So kann die Stelle meiner Verwundbarkeit der Ort werden, wo sich was bewegt zum Positiven hin. Mein Tick kann mein Charisma werden, so wie eine große manchmal krankhafte Einseitigkeit, ein ganz großer Leidensdruck, die Voraussetzung dafür ist, die einen Menschen zu einem großen Künstler werden lässt.

Meine lieben Schwestern und Brüder,

In der Kirche kommt es nicht darauf an, ob jemand konservativ oder progressiv und vermeintlich modern ist, oder wie auch immer wir den Glauben leben, sondern dass er sich von Jesus berühren lässt, dass er sich in ihm festmacht.

Das ist katholisch, allumfassend, alle mit ihren Verwundungen und Einseitigkeiten und Verschrobenheiten, alle umfassend.

Inmitten unser Klosterwiese stand eine mächtige alte Buche, man sah, welch riesige Wurzeln aus dem Erdboden in den Stamm mündeten.
Pater Suitbert hat es im Klosterfilm anhand dieses alten mächtigen Baumes so schön erklärt:

Er sagte: Die Hyper- Modernen in der Kirche kommen mir manchmal so vor, als ob sie keine rechten Wurzeln haben und bei der ersten Dürre werden die Blätter welk.

Und die Konservativen als ob sie die braunen Blätter von letzten Herbst, die noch auf der Wiese liegen, grün anmalen und dann die Blätter mühsam mit Leim an den dürren Baum ankleben und dann meinen, wie wunderbar der Baum doch grünt.

Und dann passiert doch jedes Jahr im Frühjahr das Wunder, dass dieser alte Baum auf einmal viele Tausend neue grüne Blätter treibt, manchmal über Nacht, so prächtig, wie das kein Mensch trotz aller Technik und allem Können machen könnte.

Was für ein schönes Bild für uns. Wenn wir uns in Jesus verwurzelten, wenn wir zuließen, dass er uns im Innersten berührte, was könnte dann mit uns geschehen, wie könnten wir dann wieder aufblühen?

Noch ein letzter Gedanke: Wenn unser eigener Lebensbaum am Ende unserer Erdentage endgültig gefällt ist, dann zählt nur noch, wie sehr wir in Jesus verwurzelt sind, besser: wir werden erkennen, wie sehr sich Jesus in uns verwurzelt hat, und die alte Mönchweisheit wird wahr, die ein Bild aus dem Buch Jesaja aufgreift: dass aus dem abgesägten Stamm frisches Grün sprießt, ganz wunderbar, und Jesus wird uns berühren und heilen, und wir werden ganz in uns selbst verwurzelt sein, und wir hören Jesus, unser Heiland auf dem Grund unserer Seele, der sagt: Kommt alle zu mir, die ihr euch geplagt und schwer getragen habt; ich will euch berühren und erquicken; ich will euch heiles Leben schenken für die Ewigkeit, ein Leben bei Gott, der euch ganz Heimat sein will, ganz Geborgenheit, ganz Glück.

Amen.