Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 21.05.2017, in der Stiftskirche Neuburg

L: Apg 8, 5-8.14-17, 1 Petr 3, 15-18, Ev: Joh 14, 15-21

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn!

Wer wissen will, was die Menschen der Antike über den Tod gedacht haben, kann es an ihren Grabinschriften lesen. Sie sind oft die reine Hoffnungslosigkeit. So steht auf einem Grabstein aus dem antiken Rom: „Wir kamen aus dem Nichts, dann lebten wir als solche, die sterben müssen. Bedenke: Vom Nichts ins Nichts fallen wir in kürzester Zeit“. Auf einem anderen Grabstein heißt es: „Mach dir ein angenehmes Leben, Kamerad! Nach dem Tod wird es kein Vergnügen mehr geben“. Auch sarkastische Inschriften gibt es: „Was hast du nun davon, dass du so viele Jahre einwandfrei gelebt hast?“

Andere sind frömmer. Sie erzählen, dass die Seele des Verstorbenen nach dem Tod hinaufflog zum Firmament und dort zu einem Stern wurde, den nun am Abendhimmel leuchtet. Man muss diese antiken Grabinschriften gelesen haben, um den radikalen Unterschied zum Glauben Israels und zum Glauben der Christen zu begreifen. Die Israeliten und die Christen wissen, dass sie von Gott kommen. Sie wissen, dass sie als Glieder des Gottesvolkes berufen sind, von ihrem Schöpfer Zeugnis zu geben: Nichts ist mehr vergeblich. Das gesamte Leben ist eingebunden in den Plan Gottes mit der Welt. Die zentrale Sorge bei Juden und Christen kreist nicht um das Jenseits, sondern um den Zustand des Gottesvolkes hier in dieser Welt. Sie wissen: Der Tod, vor dem man sich wahrhaft fürchten muss, ist der Unglaube, die Gottesvergessenheit. Nicht um die Zukunft der Verstorbenen muss man sich sorgen, sondern um die Gottesferne der lebenden Generation. Wie modern sich das anhört.

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Die Weisheit eines weisen Menschen – so die christliche Sicht - besteht gerade darin, dass er in seinem Leben mit Gott rechnet. Und die eigentliche Dummheit des dummen Menschen dann besteht darin, dass er in seinem Leben nicht mit Gott rechnet.

Die Gottvergessenheit ist die eigentliche Dummheit. Dummheit, Torheit hat immer etwas Tragisches, da geht immer etwas kaputt, das ist ein Jammer. Der Mensch, der nicht mehr mit Gott rechnet, erkennt einen Teil seiner Wirklichkeit nicht. Er macht sein Leben selbst klein. Davon will uns der Heilige Geist befreien. Er will unser Leben groß machen. Der Heilige Geist ist das Gegengift gegen die Gottvergessenheit. Wie wirkt nun der Heilige Geist? Wir können ihn nicht sehen, er ist nicht greifbar, aber an seinen Wirkungen ist er erkennbar.

Zwei dieser Wirkungen spricht Jesus heute im Evangelium an: Zuerst nennt er ihn „einen anderen Beistand“. Damit ist das biblische Wort „Paraklet“ übersetzt. Paraklet kann auch Helfer, Fürsprecher, Tröster bedeuten. Genau das: Beistand, Helfer, Fürsprecher, Tröster war Jesus für für die Menschen. Jetzt, da er nicht mehr sichtbar da ist, hat er versprochen, dass er sie nicht alleine lässt, sondern dass er bei ihnen bleibt eben durch den hl. Geist. Der hl. Geist tröstet uns, indem er als Gottes Kraft bei uns ist. Aber, so wird mancher sagen: Ein schöner Gedanke, aber erfahren wir unsere Welt nicht eher als trostlos, als gottlos.

Ja, in dieser Spannung stehen wir, und wir müssen aufpassen, nicht sofort mit einem billigen Trost bei der Hand zu sein. In kritischen Situationen kann billiger Trost noch trostloser machen.
Und dann gibt es auch den Vorwurf der Vertröstung auf das Jenseits, das uns Christen so oft vorgeworfen wurde. Aber es gibt auch den echten, den kostbaren Trost. Es gibt Situationen, da scheint alles zusammenzukommen und zusammenzubrechen. Ein lieber Mensch stirbt. Das Herz ist mir elend, der Lebensmut erlischt. Worte erreichen nicht mehr mein inneres Ohr. Trösten kann man dann einzig dadurch, dass man für den Trostbedürftigen da ist, bei ihm ist, ihm nahe ist, ohne viele Worte, ohne viele Taten, selbst hilflos. ie Trostlosigkeit wird dadurch genährt, dass wir im Moment nur noch unsere Probleme sehen und darauf fixiert sind. Der Trost reißt uns nicht einfach aus unseren Kalamitäten und Miseren heraus. Der wahre Trost bleibt aber bei dem Trostbedürftigen, und das lässt den Mutlosen allmählich wieder Mut schöpfen, weitet seinen Horizont. Jesus nennt diesen Geist dann als Zweites den „Geist der Wahrheit“.

Wahrheit bedeutet normalerweise, dass das, was wir sagen, mit dem übereinstimmt, was wir denken, im Unterschied zur Täuschung. Zweifellos haben bei Jesus Reden und Handeln übereingestimmt. Er war ein durch und durch wahrhaftiger Mensch. Aber all dies trifft noch nicht den Kern, was Jesus mit Wahrheit meint. Nach biblischem Sprachgebrauch meint Wahrheit Beständigkeit, Zuverlässigkeit. So sprechen wir etwa von einem wahren Freund. Er erweist sich als ein solcher, wenn er durch Dick und Dünn zu mir steht.
Seine unverbrüchliche Treue zu uns, sein Beistand in allen Situationen unseres Lebens, den er nie zurückzieht: das ist die Wahrheit Gottes. Sie wird an Jesus für uns greifbar.

Der Vater gibt Jesus seine Identität, seine Persönlichkeit. Die Sendung Jesu in die menschliche Todverfallenheit, sein rettender Weg durch den Tod hindurch in das ewige Leben öffnet uns Menschen die Lebensgemeinschaft von Vater und Sohn. Diese Kraft der Liebe, die aus der Lebensgemeinschaft von Vater und Sohn kommt, gibt Jesus weiter, er „übergibt“ sie im Moment seines Sterbens, damit seine Jünger ausgerüstet sind mit der gleichen Kraft, die ihn bestimmt hat, die ihm seine Identität gab.

Diese Kraft Gottes stiftet auch unsere Identität, dass auch wir Kinder Gottes sind. Diese Kraft Gottes schenkt uns einen Selbststand, den niemand sonst geben kann. Darum geht es im heutigen Evangelium.
Meine lieben Schwestern und Brüder!

Am Ende seiner Ordensregel schreibt der hl. Augustinus über seine Mönche, und was er über die Mönche sagt, gilt für jeden Christen, dass der hl. Geist uns trösten und im Geist der Wahrheit erhalten möge. Denn, so Augustinus, wir sind „freie Menschen aufgerichtet in Gnade“.

In Trier fand man vor vielen Jahren schon einen prächtigen Sarkophag aus den römischen Anfängen des Christenlebens dort, auf dem die drei Jünglinge im Feuerofen zu sehen sind, wie sie inmitten der Flammen aufrecht stehen, die Hände zu Gott erhoben und vom Engel Gottes geschützt, in der äußersten Not in der Liebe Gottes gehalten - und das macht unsere christliche Identität aus, - das ist unsere Wahrheit -„freie Menschen aufgerichtet in Gnade“. Amen