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Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 1. Mai 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Evangelium: Johannes 14, 23-29

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Unser Evangelium heute ist den Abschiedsworten Jesu entnommen, die er kurz vor seinem Tod an seine Jünger richtete. Es ist sein Testament: die Liebe zu leben. Sein ganzes Lebensbeispiel lernt uns, in der Liebe zu bleiben. So bleiben wir in Gott und können bei ihm wohnen, wie es das Evangelium heute sagt.

Als meine Großmutter vor 2 Jahren 100jährig starb, kondolierte mir ein Semesterkollege mit einem Wort, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf ging. Er schrieb: „Das Mysterium der Liebe ist größer als alles, auch größer als das Mysterium des Todes“.

Liebe und Tod bleiben uns im letzten ein Mysterium, ein Geheimnis, wohl auch deshalb, weil beide an Gott grenzen.

Aber: „Das Mysterium der Liebe ist größer als das Mysterium des Todes“. Dessen will uns Jesus heute versichern.

Liebe ohne Schmerz, ohne Sorge für den anderen, Liebe ohne die vielen kleinen Tode des Alltags, gibt es nicht.

Sympathie heißt wörtlich übersetzt aus dem Griechischen „Mitleiden“. Gerade in schwierigen Situationen, in einer schwierigen Lebensstrecke miteinander, bewährt sich die Liebe, vertieft sich, blüht auf oder hält eben nicht stand.

Wir sagen: Jesu Liebe zu uns war am Kreuz am größten. Sein Leiden war so groß, weil seine Liebe zu uns so groß war. Er hat für uns gelitten, denn seine Sympathie mit uns ist ohne Grenzen.

Und die Liebe der Jünger zum Herrn?

Zur Liebe gehört auch die Freiheit. Liebe kann nicht erzwungen werden, und Liebe zwingt nicht, bindet nicht auf falsche Weise, sondern schafft für den Geliebten Heimat, baut für ihn Wohnungen und führt ihn in eine innere Freiheit.

Dass Liebe abgelehnt werden kann, ist jedermanns Erfahrung, auch Jesu Erfahrung, auch Gottes Erfahrung. Diese Freiheit lässt uns Gott; er wirbt um uns, aber er zwingt niemals. Wenn er uns zwingen würde, wären wir nicht mehr sein Abbild.

Vor 10 Jahren 2006 verstarb der vietnamesische Kardinal François Xavier Nguyen van Thuân. Als Bischof von Saigon saß er von 1975 an für 13 Jahre in den Kerkern des Vietcong, lange Jahre in Einzelhaft.

Mit einigen Tropfen Wein, ins Gefängnis geschmuggelt, und einem Tropfen Wasser in der Hand feiert er jeden Tag die Eucharistie.

Die Handfläche war sein Kelch, eine Zigarettenschachtel sein Tabernakel, die Gefängniszelle seine Kathedrale.

Bischof Thuân schreibt, dass er von seinen nicht-christlichen Mitinsassen immer wieder gefragt wurde: „Warum haben Sie alles verlassen, aus Liebe zu Jesus, wie Sie sagen?

Und er schreibt weiter: „Wie sollte ich mich verständlich machen? Was sollte ich tun, damit die Menschen ihn aufnehmen und verstehen, damit sie etwas von seiner Liebe ahnen?

Ich habe lange nachgedacht und eine etwas eigentümliche Art gefunden, mich verständlich zu machen, warum ich Jesus liebe. Ich sagte ihnen: Weil ich seine Schwächen liebe. Und ich zählte ihnen einige seiner Schwächen auf.

Etwa: Jesus hat kein gutes Gedächtnis.

Die Sünderin nannte ich, die Jesus mit wohlriechendem Öl die Füße gesalbt hatte. Jesus spricht sie mit keinem Wort auf ihre schlimme Vergangenheit an, sondern sagt ganz einfach: „Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie so viel geliebt hat“ (Lk 7,42). Das Mysterium der Liebe ist stärker als alles. Jesus verzeiht nicht nur, sondern er vergisst auch, dass er verziehen hat.

Eine zweite Schwäche: Jesus kennt sich nicht aus in Mathematik.

Hätte Jesus eine Prüfung in Mathematik ablegen müssen, wäre er wohl durchgefallen. Das beweist das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Ein Hirt, der hundert Schafe hat, lässt 99 zurück, um das eine zu suchen, das sich verloren hat. Als er es wiedergefunden hat, trägt er es auf seinen Schultern zurück (vgl. Lk 15,4-7). Für Jesus ist 1 gleich 99, und vielleicht sogar noch mehr.

Mir ist es so gegangen, dass in einer Situation großer Bedrängnis es sich gezeigt hat, wer zu mir stand und wer nicht. Es gibt keine Liebe, die nicht mitleidet, die nicht Ausschau hält nach dem, der sich verloren hat und ihm dann zur Seite steht.

Bei hl. Augustinus fand ich das schöne wahre Wort: „Ein Freund ist der, der dich durch und durch kennt, und der trotzdem zu dir steht.“

Eine dritte Schwäche: Jesus ist ein Abenteurer.

Wem die Werbung für eine Firma anvertraut ist oder wer für eine Wahl kandidieren möchte, entwickelt ein genaues Programm mit vielen Versprechungen. Nichts dergleichen bei Jesus. Seine Propaganda ist nach menschlichen Gesichtspunkten zum Scheitern verurteilt. Dem, der ihm nachfolgt, stellt er Prozesse und Verfolgungen in Aussicht. Seinen Aposteln, die für ihn alles verlassen haben, sichert er weder Unterkunft noch Verpflegung zu, sondern nur die Teilhabe an seinem eigenen Lebensstil, die Liebe zu leben, aber eine Wohnung bei Gott und den Beistand von Gottes Heiligem Geist.

Kardinal Van Thuân schreibt über seine Zeit im Gefängnis: „An einem Regentag musste ich Holz hacken. Ich fragte meinen Wächter: „Darf ich Sie um einen Gefallen bitten?“
„Sagen sie ihn nur, ich werde ihnen helfen“.
„Ich möchte aus einem Stück Holz ein Kreuz schnitzen“.
„Wissen Sie nicht, dass es strengstens verboten ist, irgendein religiöses Symbol zu besitzen?“
„Ich weiß, aber wir sind doch Freunde. Und ich verspreche Ihnen, es immer versteckt zu halten.“
„Das ist aber äußerst gefährlich für uns beide“.
„Schauen Sie doch einfach weg. Ich mache es sofort und bin ganz vorsichtig.“
Der Wächter entfernte sich ein wenig. Ich schnitzte das Kreuz und versteckte es bis zu meiner Freilassung in einem Stück Seife.

In einem anderen Gefängnis fragte ich nach einem Stück Elektrodraht. Der Wächter sagte erschrocken: „Ich habe gelernt, dass ein Gefangener, der um Elektrodraht bittet, sich umbringen will.“
Ich erwiderte: „Katholische Priester begehen keinen Selbstmord.“
„Was sonst wollen sie mit dem Elektrodraht?“
„Ich möchte eine Kette für mein Kreuz machen“. ...

Drei Tage später sagte der Wächter: „Es ist schwierig, Ihnen etwas zu verwehren. Morgen Abend bringe ich Ihnen ein Stück Elektrodraht mit.

Das Kreuz und die Kette trage ich jeden Tag, aber nicht als Erinnerung an das Gefängnis. Sie weisen auf meine tiefste Überzeugung hin und erinnern mich selbst beständig daran: Nur die christliche Liebe kann die Herzen verwandeln: nicht Waffen, nicht Drohungen, nicht die Medien. Nur wenn wir die Liebe leben... Omnia vincit amor. Alles besiegt die Liebe.“

Das Mysterium der Liebe ist größer als alles; auch größer als das Mysterium des Todes: Nicht der Tod, sondern die Liebe ist das eigentliche Tor zu Gott. Amen.