Predigt zum 5. Sonntag im Jahreskreis 2018

P. Ambrosius Leidinger OSB, 4. Februar 2018 in St. Elisabeth, Heidelberg

Meine lieben Schwestern und Brüder,

Es sind schon viele Jahre her: Im Kloster Maria Laach, in dem ich damals lebte, bekamen wir 1992/93 zum 900jährigen Bestehen neue Wandbehänge für die Apsis der Basilika.

Ich bin damals oft in die Eifel gefahren, in eine kleine Weberei, in der die Stoffe noch von Hand gewebt wurden. Die Technik der Herstellung ist durch die Jahrhunderte gleich geblieben. Immer wieder war ich erstaunt, mit welcher Geschwindigkeit das Weberschiffchen hin- und her sauste, und so den Querfaden, den Wollfaden, durch die Längsfäden, die Kettfäden, zog. Es schoss hin und her - zack zack zack -, es war kaum mit den Augen zu verfolgen. Schon war eine Handbreit Gewebe fertiggestellt.

„Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage.“ Die Worte Hiobs könnten auch von uns sein. Wie oft stöhnen wir, dass uns die Zeit davonläuft, dass uns Tage und Jahre zwischen den Händen zerrinnen. Und je älter wir werden, so unser Lebensgefühl, desto schneller rast die Zeit dahin. Gerade hat das neue Jahr begonnen, und schon ist es fast Mitte Februar.

Die Devise heute lautet: Schneller, lustvoller, intensiver leben, keine Zeit verlieren, alles ausschöpfen.

Und dann gleichzeitig: körperliche und geistige Erschöpfung, Resignation, Depression, Verlustängste, Steckenbleiben in verkrusteten Strukturen, Reformunfähigkeit, Leerlauf.

Französische Soziologen haben inzwischen für diesen paradoxen Gesellschaftszustand einen eigenen Ausdruck erfunden. Sie sprechen von einer „rasenden Trägheit“, „une paresse folle“.

Wenn Sie in eine Buchhandlung schauen, finden Sie viele Bücher mit ganz unterschiedlichen Anleitungen für ein gutes Leben. Ich habe ein Buch geschenkt bekommen mit 99 Punkten, wie man glücklich werden kann. Es gibt viele Bücher, die einen lehren wollen, wie man Durchblick, Harmonie und Ordnung ins Leben bringt.

Das ist doch etwas, was uns heute sehr bewegt, das viele Allerlei des Alltags wieder zusammen zu bringen.

Und so erhebt sich die Frage: Was steht eigentlich bei mir hinter dem Gewirr an Fäden, hinter dem, was die Woche über so auf mich zukommt? Was bringt Muster, was bringt Farbe in mein Leben ?
Bei uns Klosterleuten ist das relativ einfach auszumachen. Die Herzmitte von allem ist das Gebet. Aber gerade das klösterliche Leben mit seiner Zeiteinsteilung, mit dem immer gleichen Tagesrhythmus, mit den immer gleichen Gebeten birgt eine Gefahr in sich, die im Mönchtum schon immer bekannt war: die Gefahr des überdrüssigen Widerwillens, der Erschöpfung, dass das Gebet nicht mehr erhebt, sondern nur noch zermürbt.

Ich denke, das entscheidende Kriterium, das zwischen Verdruss und Erfüllung scheidet, ist: die Fäden des Lebens in der eigenen Herzmitte zu bündeln, beim Gebet die Kräfte des Herzens auf Gott hin zu bündeln,
zu ihm in einer tiefen lebendigen Beziehung zu leben.
Immer wieder den Kontakt zu Gott zu suchen, ihm das eigene Herz hinhalten, dass er es berühre. Das ist es, was Muster in mein Leben bringt.

Und es sind die Menschen, die mir nahe sind, mit denen ich zusammenlebe: die Kräfte des Herzens auf sie hin zu bündeln, zu ihnen in einer lebendigen Beziehung zu leben: das bringt Muster ins Leben, das ist das Entscheidende.

Hildegard Knef hat einmal gesagt: „Wenn es nur einen einzigen Menschen gibt, der sich freut, dass ich lebe, ist mein Leben nicht vergeblich“.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich möchte noch einmal auf unseren Wandbehang in der Kirche zurückkommen: Wir mussten damals mehrere Probestücke anfertigen lassen, um den richtigen Farbton zu treffen. Sie hatten irgendwie alle einen Grauschleier. Die Ursache war gar nicht so einfach auszumachen: der Grund: alle Kettfäden, also alle tragenden Fäden, waren weiß- grau. Erst als wir jeden 4-5 Faden durch einen roten Faden ersetzten, bekam der Teppich seine richtige Farbe.

Ein schönes Bild dafür, dass wir im grauen Einerlei unseres Alltags ab und zu einen roten Faden der Liebe einfügen müssen, wie auch immer, dann bekommt unser Leben den richtigen leuchtenden Farbton.

Und umgekehrt: Ich denke, wir sollten uns auch daran erinnern, dass es im Gewebe unseres Lebens diese roten tragenden Kettfäden gibt, an die wir unser Leben aufhängen können, - auch wenn sie nicht direkt zu sehen sind - durch die wir mit dem Weberschiffchen Zeit die Wollfäden unseres Lebens durchschießen können.

Wir sollten uns daran erinnern: es gibt die Lebensfäden der Liebe, die uns geschenkt wurden und die uns tragen. Jeder Mensch hat solche.
Es sind immer konkrete Personen, die uns liebten und lieben und die unser Leben tragen.

Und dann gibt es da für uns Christen noch einen goldenen Kettfaden, der in manchem Lebensgewebe fast gar nicht mehr auszumachen sein mag: er ist aber der stärkste und schönste Lebensfaden, an dem wir unser Leben aufhängen können, der tiefen Glanz und ein strahlendes Leuchten in das Gewebe unseres Lebens bringt: Gott.

„Wenn es nur einen einzigen Menschen gibt, der sich freut, dass ich lebe, ist mein Leben nicht vergeblich“, sagte die Knef.

Und wir Christen dürfen hinzufügen: da ist Gott: er freut sich jeden Tag über uns, er freut sich, dass wir leben, und so ist unser Leben nie vergeblich.

Es lohnt sich, einmal darüber nachzusinnen. Amen.