Predigt zum 5. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Johannes Naton OSB, 5. Februar 2017 in St.Teresa Ziegelhausen

Lesungen: 1 Kor. 2,1-5; Mt 5,13-16

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn der Koch in eine Tomatensuppe nur Tomaten hineingibt und sonst nichts, wird die Suppe fad. Wenn sein einziges Gewürz ein Granulat mit Tomatengeschmack ist, kann er noch so viel davon hineintun, es rettet die Suppe nicht. Richtiges Salz muss rein, und wäre es auch nur eine Prise.

Salz der Erde sind diejenigen, die an Christus glauben. Die Jünger und eigentlich alle Getauften sind Salz. Jesus sagt ja nicht: IHR SOLLT SALZ SEIN, sondern IHR SEID SALZ! Ein schönes Lob. Aber müßte dann nicht mehr Frieden, mehr Liebe und Hoffnung in der in der Kirche und der Welt sein? Das Problem ist Jesus bekannt, daher sagt er: Es gibt gutes und schlechtes Salz. Das schlechte Salz war ursprünglich auch gutes, glaubensgesättigtes Salz gewesen, wurde dann aber irgendwie fad. Und da kennt Jesus kein Pardon. Einmal geschmacklos geworden, wird das Salz verworfen und mit Füßen getreten. Ein ernstes Wort für unernste Christen. Und ich? Ich selbst? Ich bin natürlich gutes Salz! Also, ich gebe mir jedenfalls Mühe, gutes Salz zu sein. Ich will Gott dienen, will Menschen helfen, will mein Christsein so leben, dass es für andere anziehend ist. Das müßte doch reichen.

Aber neulich war ich mit der Eisenbahn unterwegs und trug dabei meinen Habit, war also als Mönch und Kirchenmensch klar erkennbar. Das veranlasste einen jungen Mann, mich anzusprechen. Er fragte mich, welchem Orden ich angehöre und begann dann sogleich einen Vortrag: Er sei vor 4 Jahren aus der Kirche ausgetreten, als Kind habe er sehr gern Erstkommunion und Ministranten-dienst mitgemacht, aber später habe er immer mehr die Heuchelei vieler Katholiken erkannt, und als dann ein Kirchenvorsteher seiner Gemeinde einer geschiedenen Mutter von 3 Kindern die Wohnung gekündigt habe, wäre er zu dem Schluss gekommen, dass er mit dieser Kirche nichts zu tun haben wolle. Ich sagte ihm, dass das nachvollziehbar sei und schwieg dann wieder. Er fuhr ungefragt fort, dass er sich nun sehr wohl fühle und jeden Morgen mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen könne. Daraufhin fragte ich ihn, ob er denn auch mal in eine andere Konfession hineingeschaut habe, ob nicht dort das kirchliche Christentum besser und für ihn angemessener gelebt werde, so dass er dorthin konvertieren könnte. Nein, sagte der Mann, das habe er nicht nötig, denn wie gesagt könne er jeden Morgen in den Spiegel schauen und die von der Bibel verlangte Ehrlichkeit und Barmherzigkeit auch ohne Kirche leben. Das weitere Gespräch verlief dann locker und belanglos und kurz darauf musste ich sowieso aussteigen. Ich ließ einen Mann im Zug zurück, der durch mich keinerlei neue Sehnsucht nach dem Glauben erfahren hat. Sollte ich schon zu jenen Salzen gehören, die ihren Geschmack verloren haben und nach Jesu Worten zu nichts mehr nützen?

Wir Christen neigen oft zu solcher Selbstkritik. Ich bin halt nicht gut genug, die Gemeinde ist es nicht, der Bischof nicht, der Papst sowieso nicht: Kirche muss sich mehr Mühe geben, um andere Menschen für den Glauben zu gewinnen.
Aber beim Mann in der Bahn war das ganz vergeblich: Der wollte einfach kein Salz. Der war sich sicher, kein Evangelium, keine Kirche und keinen erlösenden Gott zu benötigen. Er war sich selbst genug. Und darauf war er so stolz, dass er es mir das ungefragt erzählen musste. Da hätte ich sagen können, was ich will, er wäre dabei geblieben.

Ganz unter uns: Eigentlich hätte ich gerne ganz anders mit dem Mann geredet. In meinen kühnsten und ungezogensten Träumen hätte ihm lächelnd gesagt: „Ich glaube, Sie sind ein selbstgefälliger arroganter Fatzke. Eine fragwürdige Entscheidung eines Kirchenvorstandes genügt Ihnen, die ganze Christenheit zu verurteilen? Was wissen Sie denn von den Gemeinden? Von der alten Frau, die trotz Gehbehinderung und Kreislaufschwäche sich immer wieder auf den Weg zur Kirche macht, weil ihr Jesus so viel bedeutet? Was wissen Sie von Betreuerinnen in kirchlichen Kindertagesstätten, die mit viel Herzblut den Kindern Liebe geben wollen, die sie oft woanders nicht bekommen? Was wissen Sie von dem Streß, den manche Messdiener und Gruppenleiterinnen durch ihr Engagement haben und dabei noch von Mitschülern für blöd gehalten werden? Was wissen Sie von denen, die ehrenamtlich in der Kirche für Arme, für Flüchtlinge Geld spenden oder Zeit opfern, obwohl sie selbst von beiden nicht viel haben? Nichts wissen Sie, und Sie wollen es auch nicht wissen, da sie ja nie auf die Suche nach dem besseren Salz der Erde gegangen sind. Ihnen genügt ein makelloses Spiegelbild. Das ist Ihr gutes Recht, hat aber mit Jesus gar nichts zu tun, also behelligen Sie mich bitte nicht damit!“

Aber so habe ich nicht geredet, Erziehung und berufliche Erfahrung sowie ein permanentes Quantum an Selbstzweifel hielten mich davon ab. Vielleicht wäre aber eine solche Gegenrede für den Mann oder zumindest für den einen oder anderen Mitreisenden genau das Salz gewesen, das den Appetit auf lebendige Kirche angeregt hätte? Wir können es nicht jedem recht machen. Und wir sind als Kirche niemals perfekt, aber wir müssen unser Licht auch nicht immer unter den Scheffel stellen.

Wir sind auch keinesfalls von der Pflicht zum Salzsein dispensiert, nur weil die Chefetage der Kirche in der Kritik stünde. Kirche fängt bekanntlich da an, wo zwei oder drei in Jesu Namen zusammen sind. 3 Getaufte, die ihre gemeinsame Begeisterung für Jesus erkennen, die die Gabe des Heiligen Geistes nicht für eine Legende, sondern für ihre eigene Sache halten, sind Beginn einer Kirchenreform. Machen Sie Gebetskreise, gemeinsame Glaubensgespräche, Besuche, bewußte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, Hilfe für Leidende und Suchende in der unmittelbaren Umgebung, ganz ohne Priesterweihe und überregionales Pastoralkonzept. Wer hindert mich daran? Es ist kinderleicht.
Die Sternsingerkinder haben es dieses Jahr wieder gezeigt, auch bei uns im Kloster war eine solche fröhliche Gruppe, und wir fühlten uns beschenkt, viele andere Menschen in der Gemeinde ebenso. Umgekehrt habe ich als Jugendlicher manche alte Kirchenbesucher bewundert, weil diese nach einem oft schwierigen Leben mit Krieg und Kulturbrüchen immer noch Jesus die Treue halten.

Salz der Erde, das müssen wir nicht erst werden, dazu müssen wir keine Heldentaten vollbringen und kein Hochschulstudium absolvieren, Salz sind wir kraft Taufe und Firmung. Geschmacksverlust können wir auf vielfältige Weise erleiden: Durch Passivität, durch Oberflächlichkeit, durch arrogantes oder fanatisches Auftreten, durch die immer wieder deprimierende Doppelmoral, wenn wir anderen Wasser predigen und selbst Wein trinken, aber eben auch durch konturlose Anpassung an jede neue Ideologie, die im Dorf gerade Mode ist. Christensalz muss Kontrastwirkung haben wie das Salz in der Tomatensuppe.

Der Maßstab für unsere Schmackhaftigkeit ist dabei einzig und allein die Nähe zu Jesus. Paulus hat es im Korinther-Brief betont: Nicht die Geschliffenheit der eigenen Sprache, sondern allein die Liebe Jesu ist das Pfund mit dem wir wuchern sollen. Und nicht massenhafter Applaus ist das Kriterium, wenn ich einmal höheren Ortes Rechenschaft abzulegen habe. Wenn unsere Begeisterung für Gott den einen oder anderen dazu brachte, nach diesem Gott zu suchen und neue Hoffnung in der Not zu schöpfen, dann waren wir gute Salzstreuer Gottes. Nicht auf mich selbst, sondern auf meinen Erlöser stolz zu sein, ist niemals geschmacklos, sondern eine aromatische Bereicherung für Kirche und Welt. Amen.