Predigt zum 5. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 5. Februar 2017 in der Stiftskirche Neuburg

L1: Jes 58,7-10, L2: 1 Kor 2,1-5, Ev: Mt 5,13-16

Meine lieben Schwestern und Brüder,

Die Jünger werden etwas verdutzt dreingeschaut haben, als sie diese Worte von Jesus hörten. Wie sollten sie, einfache Fischer und Handwerker nicht nur Licht für das arme Galiläa sein – das wäre schon Überforderung genug- , sondern gleich für die ganze Welt?

Jesus erhebt für sich und seine Jünger einen ungeheuren Anspruch. Hier stehen wir am Anfang seines Wirkens schon vor der grundsätzlichen Entscheidung: Entweder ist Jesus wirklich Gottes Sohn, Gott selbst, oder größenwahnsinnig.
Er bezieht nämlich die ganze jüdische Tradition auf sich und seine Jünger und erhebt auch noch den Anspruch, dass sie mit ihm und seinen Jüngern vollendet werde.

Als die jüdischen Heimkehrer aus dem Exil in Babylon - es dauerte von 598 – 536 - nach Jerusalem und Judäa zurückkehrten, waren sie neu gefestigt in dem Bewusstsein, ein aus schweren Prüfungen geläutertes, ein von Gott besonders auserwähltes Volk zu sein. Die sechzig- siebzig Jahre ihres Zwangsaufenthaltes in Babylon waren für sie zu einer Zeit geistlicher Erneuerung. Die Heimkehrer betrachteten sich selbst als die Gott wohlgefällige Würze nicht nur des Volkes Gottes, sondern der ganzen Menschheit. Wie ihre Stadt, Jerusalem, auf dem Berge liegt, zu der man hinauf pilgerte, so rühmten sie sich, Licht hoch oben auf dem Leuchter zu sein, Licht für die ganze Welt.

Die heutige Lesung ist dem 3. Teil des Buches Jesaja entnommen (Kapitel 56-66), dem so genannten Tritojesaja. Es handelt sich um eine nach- exilische Predigtsammlung. Hier spricht ein später Jünger in der Tradition des Propheten Jesaja, etwa drei Jahrhunderte nach diesem. Der Inhalt seiner Predigt geht gegen alle frömmlerische Selbstgefälligkeit im Volke Gottes.
Israel soll leuchten durch seine von Gott vorgegebene humane Gesellschaftsordnung, durch sein moralisches Vorbild – doch ohne jedes eingebildetes Überlegenheitsgefühl, ohne Verachtung anderer Völker.

Diese Leuchtkraft Israels, des auserwählten Gottesvolkes, stand Jesus vor Augen. Jesu Zugehen auf die Menschen, Juden wie Nicht-Juden, sein Sprechen von der Gottesherrschaft wurde von seinem Sorgen, seinem Heilen, seinem Gutes-Tun als glaubwürdig erwiesen. Wie für Israel war das soziale Handeln für ihn ganz wesentlich: „Teile an die Hungrigen dein Brot aus, nimm die obdachlosen Armen in dein Haus auf, wenn du einen Nackten siehst, bekleide ihn und entziehe dich nicht deinen Verwandten“.

Zwar musste er allzu oberflächliche Erwartungen in Galiläa und Jerusalem enttäuschen. Aber das größte Wunder war:
er überzeugte schließlich als der Auferstandene seine durch alle Not und Verleugnung hindurch ihm getreuen Jüngerinnen und Jünger, dass er der im äußersten Leid geprüfte Knecht Gottes ist, das wahre Opferlamm, das aller Sündhaftigkeit der Welt zum Trotz, aller Todverfallenheit zum Trotz, Gottes Mit-Sein mit uns, sein Mit-Leben und Mit-Gehen mit uns eben bis in den Tod offenbar werden lässt. Durch das Offenbarwerden seiner Auferstehung ist Jesus das Licht der Welt.

Er ist durch die Auferstehung nicht nur das Licht der Juden, sondern der ganzen Welt. Das wird auch daran deutlich, dass die Eingebildetheit und Hochmütigkeit der Jerusalemer Puristen gegenüber der galiläischen Mischkultur seiner Heimat ihn nicht weiter gestört zu haben scheint, da sich unter den Zwölfen, mit denen er später über Land zog, zwei mit griechischen Namen befanden, Andreas und Philippus. Die Heilungsbereitschaft auch gegenüber Nichtjuden spricht im gleichen Sinn für sich. Er wusste sich zur ganzen Welt gesandt.

Jesus selber trug das Licht vom Tempel unter die Verachteten, die Sünder, die sogenannten Ungläubigen, die Aussätzigen, die Ausbeuter. Er setzte darauf, dass seine Leidensbereitschaft wie gutes Salz alle Gesellschaftsformen und menschliches Empfinden heilen und gottgefällig machen könne. Er hielt sich nicht an Strafvisionen oder moralischen Appellen auf, sondern er warf sein ganzes Leben in die Waagschale. Jesus ist durch seine Lebenshingabe und durch das Licht von Ostern das Licht der Welt, das auf seine Jünger strahlt, auf uns strahlt. So leuchten auch wir.

Meine lieben Schwestern und Brüder, wenn wir uns heute als Kirche in einer Situation des Rückzugs und der Ohnmacht befinden, wo das Leuchten der Kirche so sehr ermattet, dann sei festgestellt: Schon die Frühe Kirche hatte damit zu kämpfen:
Die Kirchenväter sagen: das gehört zum Lebensgesetz Christi. Sie verwendeten in diesem Zusammenhang ein hilfreiches Symbol (vgl. H. Rahner, Symbole der Kirche):

Sie sagten: So wie der Mond in der Nacht das Licht von der Sonne aufnimmt und in die Nacht hineinstrahlt, so soll die Kirche das Licht Christi in der Nacht der Welt aufnehmen und reflektieren. Der Mond aber, so sagen sie, kann dies nur leuchtkräftig tun, wenn er im Rhythmus der Zeiten immer wieder abnimmt und stirbt, vom Vollmond in das schwache Licht des Neumondes eintaucht, um neu voll und strahlkräftig zu werden. So muss auch die Kirche im Laufe der Zeiten abnehmen und sterben in ihrer jeweiligen geschichtlichen Gestalt, um zeitgemäß neu das Licht Christi ausstrahlen zu können.

Was können wir machen? Eine Geschichte von den Philippinen kann uns das erklären:

Ein König hatte zwei Söhne. Als er alt wurde, überlegte er, wer von beiden am besten für den Thron geeignet sei. Er stellte ihnen eine Aufgabe. Jeder von ihnen bekam fünf Silberstücke, und der König sagte: „Füllt mit diesem Geld die königliche Audienzhalle bis zum Abend. Womit, das ist eure Sache.“

Der älteste Sohn machte sich sofort auf den Weg. Er kam an einem Feld vorbei, wo gerade Zuckerrohr geerntet und ausgepresst wurde. Das leere Zuckerrohr lag zuhauf am Feldrand. Er dachte sich: Damit werde ich die Halle ausfüllen. Schnell hatte er die Arbeiter angeheuert, und sie schafften für die fünf Silberstücke das ausgepresste Zuckerrohr dorthin.
So wurde die Halle bald bis oben hin voll, und er ging freudestrahlend zu seinem Vater: „Ich habe die Aufgabe erfüllt. Mach mich zu deinem Nachfolger.“ Der Vater aber zögerte: „Noch ist es nicht Abend. Wir müssen noch warten.“

Als die Dämmerung übers Land einbrach, kam auch der jüngere Sohn zurück. Er sah, was in der Schlosshalle geschehen war. Er sagte: „Schafft das leere Stroh weg.“ So geschah es. Dann stellte er eine Kerze mitten in die Halle und zündete sie an.
Ihr Licht erfüllte den ganzen Raum bis in den letzten Winkel. Und der Vater sagte: „Du sollst mein Nachfolger sein.“

Sich nicht mit so Vielem vollstopfen, Nutzlosem, das unsere Zeit uns so verlockend anbietet. Alles wegräumen, immer wieder, was uns das Licht Christi in unserem Inneren verstellt und verdunkelt.

Zum Bild des Lichtes gehört auch: Der Weg zu Gott führt auch über Irrwege und Umwege, auch über das Scheitern und über die Enttäuschung über sich selbst. Keiner ist weise, der nicht auch das Dunkel kennt. Nicht nur meine Tugend ist es, die mich für Gott öffnet, sondern auch meine Schwäche, meine Ohnmacht, sogar meine Sünde. Wenn ich mich so, wie ich bin, ich armer Sünder, in das Licht Gottes stelle, dann werde auch ich leuchten, und zwar von innen heraus.

Du bist das Licht der Welt - weil Gott mit dir die Welt heller machen will. Jeder von uns hat einen Auftrag von Gott, dem er entsprechen soll, nicht nur Priester und Ordensleute. Ob jung oder alt, gesund oder krank, leistungsstark oder auf Hilfe angewiesen. Deinen Wert bestimmt nicht die Gesellschaft oder was die Leute sagen, sondern was Gott zu deinem Leben sagt, und er sagt: Du stehst im Licht Christi, des auferstandenen Herrn. Du stehst im Licht von Ostern. Du bist so das Licht der Welt und das Salz der Erde. Amen.