Predigt zum 4. Sonntag im Jahreskreis 2018

P. Ambrosius Leidinger OSB, 28. Januar 2018 in St. Elisabeth, Heidelberg

Meine lieben Schwestern und Brüder,

Die Heilungen Jesu zeigen uns einen ganz entscheidenden Charakterzug seiner Person: Jesus hatte eine ganz große Aufmerksamkeit für das Leid der anderen. Das macht ihn so sympathisch. Sympathisch heißt ja in der Tat wortwörtlich aus dem Griechischen übersetzt: mitleidend.

Das Schwache und Ohnmächtige war von jeher das Milieu, auf das sich Jesus einließ: In seiner Nähe gibt es lauter Leute mit Krankheiten und Mängel, als hätte er sie magisch angezogen.

Die drei Menschen, die ihm am nächsten standen, waren Petrus, der ihn verleugnete, da ist die Prostituierte Maria Magdalena, seine beste Freundin, die erste Zeugin seiner Auferstehung, und da ist Judas, der ihn vielleicht wie kein zweiter verstand, und der ihn schließlich den Henkern auslieferte.

Auch die Kirche ist kein elitärer Club.

Es ist verräterisch, dass gerade die ersten Abspaltungen von der Kirche von elitären Zirkeln ausgingen: Da gab es die Sekte der Gnostiker: sie berief sich auf eine besondere Erkenntnis, die nur wenigen Insidern bekannt war.

Da gab es die Montanisten, eine weitere Sekte der Frühen Kirche. Sie sahen sich in einem besonderen Geistbesitz und hielten sich einfach für die besseren Christen.

Da waren dann die Leute um Novatian im 3. Jahrhundert. Sie behaupteten, die eigentliche Kirche bestehe nur in dem Fähnlein der Aufrechten, die bei den Christenverfolgungen nicht eingeknickt waren.
Fast immer war es die Idee der Elite, der zur Spaltung führte. Noch im Mittelalter gab es eine Bewegung, die sich „die Reinen“ nannte: die Katharer.

Jesus nimmt sich der Unreinen an.

Jesus sagt uns: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu berufen, nicht die Gerechten.“ (Mk 2,17).

Georges Bernanos, der französische Schriftsteller, hat einmal gesagt, die Kirche gehe „hinkend aus dieser Welt in die andere Welt“. Das ist eine sympathische Vorstellung. Wir alle sind ein bisschen gehandicapt. Der Eine hat es mit dem Geld, der andre mit der Wahrheit, der Dritte mit dem Sex, der Vierte ist ein unsicherer Kantonist, der Fünfte ein Sturkopf und der Sechste bin ich. Jeder hat sein Handicap. Wir schreiten nicht nur im Triumpf- Marsch daher. Wir hinken, humpeln, schleichen auch manchmal voran.

In der Bibel wimmelt es von Reisemetaphern, von Wegen, die durch Wüsten und finstere Täler führen. Das sind Bilder für den Wachstums- und Reifungsprozess eines Menschen.

Jeder hat seine Verwundung. Und verwundet werden wir immer von Menschen, die Zugang zu unserem Herzen haben. Ihnen zu verzeihen heißt, auf dem Weg Jesu zu gehen, auf dem Weg des Christentums voran zu gehen.

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Ich las ich von einem amerikanischen Arzt, der aus einer jüdischen Familie stammt. Als Junge von 12 Jahren konnte er aus Nazi- Deutschland, aus den Fängen des alles verschlingenden Dämons, entkommen. Er konnte seine Haut retten, nicht aber seine Seele. Der Arzt sagte von sich, er sei ein Mensch gewesen, der dann nur noch hassen konnte.

So lernte er seine Frau kennen, die ihn verwandelte. Er sagt: „Sie hat mich eine wichtige Lebenslehre gelehrt, und seitdem habe ich angefangen, Wunder zu erleben, Wunder menschlicher Verwandlung. Diese Lebenslehre heißt: glaube daran, dass in jedem Menschen Gutes ist.

Der Arzt weiter: „Natürlich verbirgt sich das Gute im Menschen oft genug unter den seltsamsten Entstellungen und Verschüttungen“. Aber, so sagte er, als Psychotherapeut habe ich gefunden, dass gerade in den seelischen Störungen ein verfremdetes Zeichen des Suchens nach Gut-Sein, Heil-Sein, Richtig-Sein erkennbar ist.

Und mir wurde klar, dass ich bei meiner ursprünglichen menschenverachtenden Haltung Gott verriet, den Gott meiner Väter, der meine Identität als Jude ausmachte, dass der Dämon, dem ich äußerlich entronnen war, den ich bekämpfen wollte, in mir mächtig war, und ich so einem Götzen diente, und ich gegen das 1. Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott, der euch aus der Knechtschaft befreit hat“, verstieß. Ich ließ die Befreiung nicht zu, im Gegenteil, mit der furchtbaren Konsequenz, dass ich meine eigene Existenz vergiftet hatte. Und so habe ich die Erfahrung gemacht, wenn ich - den Menschen mit der Erwartungshaltung begegne: in ihm ist das Gute, - bei aller kritischen Wachheit, die nötig ist, - sich die Begegnungen mehr und mehr verwandelten, und ich mich auch selbst mehr und mehr verwandelte“.

In einer Notiz von Johannes XXIII. las ich: „Es drängt mich, immer mehr die Güte des Herrn nachzueifern, der uns lehrt, alles von der guten Seite zu nehmen, niemals aufzuhören, zu verzeihen und Gutes zu tun, eher die gute Seite des Menschen herauszufinden, statt Kritik zu üben und voreilige Urteile zu fällen. Jede Form von Misstrauen, gegen wen auch immer, jedes abwertende Urteil, bereitet mir Schmerzen und tut mir im Innersten weh“.

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Für die Menschen der Antike und auch für die Christen der Frühen Kirche spielten die Epen des Homer eine ganz große Rolle, vor allem auch die Odyssee. Sie erzählt vom Krieg der Griechen gegen die Stadt Troja.

Zehn Jahre lang wurde die Stadt belagert, dann durch eine List des Odysseus zu Fall gebracht, durch das Trojanische Pferd. Dieses große Holzpferd, von den scheinbar abgezogenen griechischen Truppen vor der Stadt zurückgelassen, wurde von den Einwohner von Troja in ihre Stadt gezogen, und die feindlichen Soldaten, die sich darin verbargen, waren nun in der Stadt, konnten nachts entsteigen, und Troja war verloren.

Die Heimfahrt des Odysseus dauert dann 10 Jahre und ist voller Abenteuer, und eines davon ist dieses: Das Schiff der Heimkehrer muss an den Inseln der Sirenen vorbei. Sirenen – das griechische Wort bedeutet „die Bestrickenden, die Fesselnden“ sind eine Mischung aus Mensch und Vogel. Mit ihrem im buchstäblichen Sinn bezaubernden Gesang ziehen sie die vorbeifahrenden Seefahrer an, um sie dann umzubringen. Die Insel der Sirenen ist übersät von Skeletten ihrer Opfer. Odysseus ist vor ihnen gewarnt worden. Er befiehlt seinen Leuten, sich die Ohren mit Wachs zu verstopfen. Er allein will sie offen halten.

Aber seine Gefährten müssen ihn fest an den Mastbaum des Schiffes binden. So will er es wagen, die dämonische Gefahr zu bestehen. Als das Schiff sich der Insel nähert, ertönt dann der Zaubergesang der Sirenen. Aber Odysseus, der sich in Freiheit gebunden hat, fest an den Mast gebunden, besteht die tödliche Gefahr.

In der Heimkehr des Odysseus sahen die Frühen Christen ein Bild des von vielen Irrungen und Wirrungen bedrohten Menschenlebens, der von Gefahren bedrohten Lebensfahrt.

Sie sagten: Der Christ kann nur bestehen, wenn er sich in Freiheit selbst eine feste Bindung auferlegt. So wie Odysseus sich an den Mastbaum des Schiffes binden lässt, so binden sich die Christen an das Kreuz Christi. Wer sich in Freiheit an das Kreuz Christi gebunden hat, braucht seine Ohren nicht mit Wachs zu verstopfen vor den Abgründen der Welt. Er kommt da durch. Er erlebt die Geburtsstunde einer neuen Freiheit in Christus.

Amen.