Predigt zum 4. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Johannes Naton OSB, 29. Januar 2017 in der Stiftskirche Neuburg

Lesung: 1 Kor.1,26 Evangelium: Mt 5,1

Liebe Schwestern und Brüder,
Wir hörten die Seligpreisungen aus dem 4.Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Das ist der Beginn der berühmten Bergpredigt, die immer wieder für politische Debatten sorgt.

„Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen!“ sprach Kanzler Helmut Schmidt 1979.
„Nur mir der Bergpredigt kann man Politik machen!“ entgegnete ihm der Journalist Franz Alt.

Etwas filigraner hatte sich schon 50 Jahre früher der Soziologe Max Weber geäußert:
"Mit der Bergpredigt ... ist es eine ernstere Sache, als die glauben, die diese Gebote heute gern zitieren. ... Wenn es in Konsequenz der Gesinnungsethik heißt: dem Übel nicht widerstehen mit Gewalt' - so gilt doch für den Politiker der Satz: du sollst dem Übel gewaltsam widerstehen, sonst - bist du für seine Überhandnahme verantwortlich."

Völlig anders beurteilte der Theologe Albert Schweitzer diese Jesus-Rede. Denn Jesus habe irrtümlich den nahen Weltuntergang erwartet und deshalb nur eine "Interimsethik" gelehrt, einige wenige radikale Grundsätze für die kurze Frist, bis alles aus sei. Schweitzer war wie Franz Alt Gegner der Atomrüstung, aber dies wollte er nicht mit der Bergpredigt, sondern mit der Logik des Sittengesetzes begründen.

Wer hat nun recht, und wie sollen wir selbst mit der Bergpredigt umgehen? Ich könnte jetzt im Sinne der Friedensstiftung sagen: Alle haben Recht und doch auch wieder Unrecht. Aber das würden Sie wohl doch sofort als billige Ausrede erkennen, die niemandem nützt.

Also werden wir konkreter: Politik machen mit der Bergpredigt - Das kann man versuchen. Allerdings stehen in der Bergpredigt eben nicht nur die Seligpreisungen, sondern auch ganz andere Botschaften wie etwa die Verschärfung des Scheidungsverbotes oder dieser Satz: „Wenn Dich Deine Hand zum Bösen verführt, hau sie ab, denn besser einhändig in den Himmel als mit beiden Händen in die Hölle!“ Ich bezweifle ernsthaft, dass Franz Alt dies als politische Maxime verstanden wissen will. In der populären Diskussion ist das kein Problem, weil man allgemein die Bergpredigt auf die Forderung der Feindesliebe reduziert hat. Diese ist definitiv Thema der Bergpredigt, allerdings nur in ungefähr 10 Versen, doch die Bergpredigt hat über 130 Verse zu verschiedensten moralischen Fragen. Für die Theologin Uta Ranke-Heinemann ist auch das kein Problem, da ihrer Ansicht nach nur die Feindesliebe das Thema Jesu war, während die meisten anderen Worte Jesu, etwa von der Hölle oder dem Gericht, später von der Kirche dazugedichtet worden seien.

Wir sehen, für eine gründliche Diskussion der politischen Bergpredigtpraxis brauchen wir erst einmal einen Konsens, welche Teile des Textes gemeint sein sollen.

Ich will mich weder auf eine buchstäbliche Auslegung der Schrift noch auf die textkritischen Spekulationen der Ranke-Heinemann einlassen. Aber ich gehe als christlicher Theologe davon aus, dass uns im Evangelium grundsätzlich das Wort des lebendigen Gottes begegnet, dem ich Vertrauen schenken darf. Sonst wäre es keine frohe Botschaft und sollte nicht unverzichtbarer Bestandteil der hl. Messe sein.
Daher bin ich gewillt, Max Weber zu folgen und die Texte ernst zu nehmen, also genauer zu lesen und im Herzen zu erwägen. Was steht in den Seligpreisungen? Sind das tatsächlich Forderungen, die eine Regierung sich zu eigen machen muss? Bevor ich das bejahen kann, muss gelten: Es ist zunächst einmal Jesu Wort AN MICH! Erst wenn ich es mir zu eigen gemacht habe, kann ich es auch anderen vorhalten. Aber was für Worte sind das denn?

Man geht oft davon aus, dass es sich bei den 9 Seligpreisungen um Tugenden handelt, zu denen der Christ von Jesus moralisch verpflichtet wird. Stimmt das? Selig sind wir,
1) Wenn wir arm sind vor Gott
2) Wenn wir trauern
3) Wenn wir auf Gewalt verzichten
4) Wenn wir nach Gerechtigkeit uns sehnen
5) Wenn wir barmherzig sind,
6) Wenn wir ein reines Herz haben
7) Wenn wir Frieden stiften
8) Wenn wir verfolgt und bedrängt werden, weil wir für Gerechtigkeit eintreten
9) Wenn wir beschimpft und bekämpft werden, weil wir zu Christus gehören.

Wenn das Gebote wären, müsste es heißen: „SEID TRAURIG! oder SEID VERFOLGT! Oder SEHT ZU, DASS IHR BESCHIMPFT WERDET! Denn Jesus, will es so!“

Das mag für die Barmherzigkeit gelten, aber Trauer, Armut und Verfolgung sind Widerfahrnisse, keine Taten, weder schlechte noch gute.

Wie ist das etwa mit dem reinen Herzen? HABT EIN REINES HERZ! Das kann man niemandem sagen. Denn ein reines Herz macht man sich nicht selbst. Das ist eine Gabe. Manche haben das. Die meisten nicht, auch ich leider nicht! Ein reines Herz ist nicht einfach das Gegenstück zum bösen Herzen! Das reine Herz erleben wir bei kleinen Kindern oder bei manchen besonderen Menschen, die tatsächlich ohne Berechnung und ohne Argwohn durch das Leben gehen. Solche Menschen können trotzdem sündigen, können sich von Gott entfernen, eine falsche Entscheidung treffen. Aber das reine Herz ist gegenüber anderen Menschen eben so beschaffen, dass man praktisch nie misstraut, nie etwas zum eigenen Vorteil plant, dass man sich tatsächlich mit dem anderen freut und über das Leid eines Widersachers nicht jubelt, nicht einmal im Stillen. Menschen, die so sind, sind es nur so lange, wie sie sich dessen nicht bewusst sind. Wer zu sich sagt: „Ach ja, ich habe ein reines Herz!“ beginnt bereits, durch diese Wertung die Reinheit zu verlieren. Das reine Herz ist eine Gabe Gottes, aber eine schwere: Wer mit reinem Herzen lebt, der wird immer wieder enttäuscht, wird ausgenutzt oder ausgelacht, so jemand zahlt oft drauf und kann einsam werden. Wie gesagt, nur wenige haben ein solches Herz, unter Politikern und Predigern sind sie wahrscheinlich besonders selten.

So sagt Jesus auch nicht: Ihr müsst jetzt alle ein reines Herz haben. Er sagt noch nicht einmal, Ihr müsst jetzt alle Frieden stiften! Viele übersetzen den Satz so: Ihr müsst für Frieden und gegen Gewalt sein! Aber das ist zu billig.

Das Wort Jesu ist gerade keine GESINNUNGS-Ethik, bei der es nur darauf ankommt, das Gute zu wollen, sondern eine pragmatische Ethik, die nach dem Ergebnis fragt: Derjenige, der wirklich Frieden verursacht hat, ist selig! Wer kann das von sich sagen? Was in Aleppo oder der Ukraine unmöglich erscheint, ist ja auch in zerrütteten Ehen, zerstrittenen Kirchen oder Parteien im Wahlkampf eine Herkules-Aufgabe. Die Zahl derer, die Frieden wollen, mag groß sein, die der Friedensstifter war es nie. Doch wer einmal das Gelingen einer Friedens-stiftung erlebte, weiß, dass diese Seligkeit nicht Eigenleistung, sondern Geschenk war.

Warum nun preist Jesus solche Menschen selig? Es geht hier um 9 verschiedene Situationen, in die ein Mensch geraten kann. Einige davon sind unangenehm und werden oft als Abwesenheit Gottes gedeutet: in Leid und Bedrängnis fühlt man sich schnell einsam.

Andere wie die gelungene Friedensstiftung oder Barmherzigkeit dagegen werden schnell als Eigenleistung gedeutet und losgelöst von Gott gedacht. In beiden Fällen widerspricht Jesus:

Seligkeit beinhaltet das Wort Seele, und die ist nach platonischer Philosophie das Prinzip, das den Menschen mit Gott verbindet. Jesus sagt uns, dass Krisen eben nicht Zeichen der Gottesferne, sondern Chancen der Gotteserfahrung sind. Gott ist uns eigentlich immer nahe. Seligkeit entsteht, wo ein Mensch ganz selbstverständlich aus dieser Gottesbeziehung heraus handelt und sich getragen weiß.

Ob wir diesen Anspruch so an die Tagespolitik und internationale Amtsträger richten wollen, sei einmal dahingestellt. Die neue Mode, Weltpolitik im Stil pöbelnder Choleriker zu gestalten, wie auch die Weigerung, Verfolgten aus bestimmten Ländern per se die Hilfe zu verweigern, kann jedenfalls keinesfalls mit dem Evangelium in Einklang gebracht werden.

Ich begreife dieses Evangelium als heilsame Mahnung. Wir Menschen haben eine latente Neigung zur Selbstgerechtigkeit, und werden uns daher immer wieder die Provokation des wirklichen Friedensstifters gefallen lassen müssen. Seligkeit werden wir niemals kraft unserer moralischen Überlegenheit erlangen, sondern nur durch die Offenheit für den Geist Jesu. Wer aber mit diesem Heiligen Geist zu tun kriegt, ob als Politiker, Wähler oder Prediger, kommt in der Regel um die Mühe einer Umkehr nicht herum. Darum, da hat Max Weber einfach Recht, können wir es uns einfach nicht leisten, die Bergpredigt NICHT ernst zu nehmen. Amen.