Predigt zum 4. Sonntag der Osterzeit 2017

L1: Apg 2,14a.36-41, L2: 1 Petr 2,20b-25, Ev: Joh 10,1-10

Liebe Schwestern und Brüder,

Ein Hirte ruft, die Schafe horchen. Es gibt da mehrere Hirten, doch nur einem ist zu trauen.

Und Jesus, der gute Hirte, traut uns, seiner Herde, zu, die Stimmen dieser verschiedenen Hirten souverän zu unterscheiden. Er sagt ja nicht: SIE SOLLEN UNTERSCHEIDEN, sondern SIE WERDEN UNTERSCHEIDEN!

Wenn es doch nur immer so wäre! Menschen im Allgemeinen und fromme Menschen im Besondern neigen leider oft zu gravierenden Stimmenverwechslungen, sie fallen auf die plumpesten Stimmenimitatoren herein. „GOTT WILL ES“ riefen die christlichen Kreuzritter beim Niedermetzeln der Menschen in Konstantinopel und Jerusalem.

„GOTT WILL ES“ riefen die islamistischen Terroristen am 11.September 2003, als sie Tausende Menschen in den Twintours ermordeten.

„GOTT WILL ES“ haben Prediger in vielen mehreren Europäischen Ländern ausgerufen, als der 1.Weltkrieg begann.

Und bis heute werden in Nigeria, Ägypten oder Pakistan immer wieder Christen Opfer von Mordanschlägen, die von den Tätern im Namen Allahs begangen werden. Freilich hören wir von vielen dieser Anschläge in unseren Medien kaum etwas. Man hat hier wichtigere Probleme als ein paar Hundert afrikanische Schulkinder.

Schwerhörigkeit ist eine chronische Zivilisationskrankheit, und das richtige Hören auf Christus bleibt eine hartnäckige Christenkrankheit. Dabei sollte es doch selbstverständlich sein, dass man demjenigen Gehör schenkt, dessen Namen man trägt. Aber ist es denn wirklich so leicht, Christi Stimme zu erkennen?

Wie erkennt man überhaupt, ob eine Stimme die richtige ist?
Eigentlich ganz leicht, jedes Entenküken erkennt die Stimme der Mutter aus Dutzenden Enten heraus.
Aber das Tier hat von Gott jenen überlebensnotwendigen Instinkt geschenkt bekommen, den wir Menschen durch das größere Gut der Freiheit nur begrenzt nutzen können.

Stimmen erkennen und zuordnen: Wie geht das?
Am Klang? Nun ja, es gibt im Kabarett geniale Stimmenimitatoren, die prominente Politiker und Schauspieler glänzend nachmachen können. Am Telefon könnte mich so ein Imitator leicht foppen.

Stimme erkennen an dem was sie sagen?
Ja, das könnte sein, aber dazu muss ich die rufende Person auch gut kennen. Da ist der Haken, je weniger ich eine Person kenne, desto leichter falle ich auf Imitatoren hinein.

Jesus an der Stimme erkennen – wie gelingt das?
Weil er freundlich und liebevoll spricht? Naja, zu Petrus sagt er WEG VON MIR SATAN und zu den Pharisäern SCHLANGENGEZÜCHT!

Weil er von Frieden und Vergebung spricht? Naja zu den Jüngern sagt er: „Ich bin gekommen, um das Schwert zu bringen.“ Und er sagt auch, dass Sünden gegen den Heiligen Geist niemals vergeben würden.

Oder erkenne ich ihn an seiner gewaltigen Majestät und göttlichen Würde? Aber er sagt doch, dass er kam, um uns zu dienen, und Paulus sagt, er wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.

Wir werden es uns nie leicht machen dürfen mit der Unterscheidung der Stimmen. Zu leise und diskret spricht der Herr und zu vielfältig ist der Chor der falschen Hirten und der Verführer.
Vor allem aber steht und fällt unsere Unterscheidungsgabe mit unserer Vertrautheit. Was wissen wir von Jesus, was haben wir von ihm erfahren, und haben wir uns je für ihn entschieden? Denn Entscheidung und Unterscheidung hängen zusammen.
Und wofür ich mich einmal bewusst entschieden habe, weil ich es als kostbar und heilsam erkannt habe, das werde ich im Zweifelsfall auch erkennen oder zumindest so lange prüfen, bis ich mir sicher bin.

Die Gewissheit, mit der Jesus sagt, dass seine Schafe ihn immer erkennen können, sollte uns nachdenklich machen, ja vielleicht auch beunruhigen: Womit begründe ich denn meine Gewissheit, wirklich zu seinen Schafen zu gehören? Wie pflege ich diese Mitgliedschaft? Kenne ich diesen Jesus, von dem ich so fest erwarte, dass er mich kennt? Bemühe ich mich genug um diese Bekanntschaft? Oder ist er mir eher ein alter Kumpel, an den man gern zurückdenkt, der mir aber nichts Neues zu sagen, geschweige denn zu befehlen hätte? Mit einer solchen Grundhaltung dürfte das Heraushören des richtigen Hirten aus der Vielzahl der Stimmen kaum gelingen.

Tröstlich aber und kostbar ist die Botschaft dieses Evangeliums: Jesus als der Gute Hirte ist ein kommunizierender Gott, zwischen Erlöser und Erlösten besteht ein Band des Fragens und Antwortens, des Rufens und Hörens, des Suchens und Findens.
Wie Gott im brennenden Dornbusch verhieß, dass er das Klagen seines Volkes hört und kommt, wie Jesus als guter Hirt verheißt, dass er jedem Schaf nachläuft, um es zu retten, so könnte doch auch ich versprechen, diesen Dialog mitzugestalten, durch Lesen der Bibel, durch Mitfeiern der Liturgie, durch Aktivität in der Gemeinde, durch Glaubensgespräche mit Schwestern und Brüdern – die Kennlernangebote Jesu sind unbegrenzt.

Wir erwarten keinen General und keinen Alleinunterhalter, wir erwarten einen erlösenden Hirten. Sind unsere Ohren für ihn offen?

In New York gingen ein Indianer und ein Stadtbewohner mitten in der City spazieren, bei Autolärm und Menschengeschrei. Plötzlich hält der Indianer inne. „WAS HAST DU?“ fragt sein weißer Freund. „Ich habe eine Amsel singen hören!“ sagt der Eingeborene. Der Weiße meint: „WIE WILLST DU IN ALL DEM LÄRM EINEN VOGEL HÖREN?“ Wenig später lässt der Indianer eine Cent-Münze zu Boden fallen. Sofort bleibt der WEISSE stehen und sagt: „DA IST GELD AUF DEN BODEN GEFALLEN!“ Und der Indianer stellt fest: „Das Klingen der Münze war nicht lauter als das Zwitschern der Amsel – aber der Mensch hört eben das, was er kennt und was er liebt.“

Der Indianer hat recht. Wir hören, was uns vertraut und wertvoll ist. Und Christus traut uns zu, dass wir ihn genau dafür halten. Denn dann haben wir ihn richtig erkannt. Gebe Gott, dass er recht hat. Amen.