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Predigt zum 4. Sonntag der Osterzeit 2016

P. Johannes Naton OSB, 17. April 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Evangelium: Johannes 10, 27-30

Angebot und Nachfrage sind die beiden Größen, die in kapitalistischen Gesellschaftsmodellen alles Wesentliche regeln sollen: Was immer an Produkten oder Ideen von uns Menschen erzeugt wird, es muss sich daran messen lassen, ob es die anderen Menschen einem abkaufen. Wenn ein Konzern merkt, dass seine Produkte nicht mehr genug Abnehmer finden, gibt es mehrere Strategien: Man kann den Preis senken, oder ein besseres Produkt entwickeln, oder aber man sorgt durch gezielte Kampagnen dafür, dass die Nachfrage steigt. Ein Hersteller, der in diesem Wettbewerb nicht mithält, wird früher oder später bankrott sein und verschwinden oder von der Konkurrenz aufgekauft. Christlich ist dieses ökonomische Prinzip eigentlich nicht, denn es sorgt für ein drastisches Auseinander-klaffen zwischen Arm und Reich, und das System kümmert sich nicht um die Opfer, die es hervorbringt. Aber darüber will ich heute gar nicht predigen, zumal ich kein Fachmann für Wirtschaftsfragen bin. Und das Evangelium redet ja von dem guten Hirten und nicht von dem guten Weltökonom.

Aber es handelt eben auch von Angebot und Nachfrage!

„Ich bin der gute Hirt, meine Schafe hören auf meine Stimme, und ich geb ihnen ewiges Leben!“
Im Kern steht also das Angebot des Hirten: er will sich um die Schafe kümmern! Und die Nachfrage ist auch da: Die Schafe lassen sich vom Hirten ansprechen und folgen ihm.

Hat das Evangelium eine kapitalistische Grundstruktur? Nein, aber die menschliche Art, Religion zu gestalten, kann mit diesem vereinfachenden Prinzip gut analysiert werden.

Denn auch die Lehre einer Kirche ist wie ein Produkt, dass sich im Wettbewerb der Religionen behaupten muss. Eine Kirche, die sich in der Krise weiß und überleben will, wird sich fragen müssen: Was ist das Kernangebot unserer Glaubensbotschaft, und wie sieht es mit der Nachfrage aus? Machen wir uns da keine Illusionen: Wenn von Deutschlands Katholiken keine 10 % und von den Protestanten keine 5% sonntags zur Kirche gehen, wenn die Christenheit Europas schrumpft, während fast alle anderen Kirchen und Religionen in der Welt wachsen, stimmt bei uns etwas mit Angebot und Nachfrage nicht.

Das heutige Evangelium beschreibt in erfrischender Knappheit das Spitzen-Produkt: Die Fürsorge eines guten Hirten ist Gottes Angebot. Und die Nachfrage wird bestens bedient:Die Schafe, die das Angebot annehmen, bekommen nichts Geringeres als das Ewige Leben! Durch alle 4 Evangelien zieht sich die Werbung für diese Produkt Gottes, seine Beschaffenheit und Wirkung, Bedienungsanleitung und Service-Leistungen des Himmels werden beschrieben. Aber der Prolog des Johannes-Evangeliums benennt auch die Problematik des Hirten. Er kam in die Welt, um die Seinen die Gotteskindschaft zu geben, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Von Anfang an gab es ein Nachfrageproblem, aber der Heilige Geist hat dennoch eine Erfolgsgschichte daraus gemacht. Wir aber stehen heute als Kirche eher wieder vor dem Problem, dass viele Menschen das Produkt, für das Kirche wirbt, nicht haben wollen, und dass immer weniger Menschen für den Vertrieb dieses Produktes arbeiten wollen.

Warum diese schwache Nachfrage? Nun, das Produkt EWIGES LEBEN hat einen doppelten Nachteil: 1. Man kann es weder sehen noch beweisen, denn es kommt erst nach dem Tod. 2. Es widerspricht den Naturgesetzen, dass nach dem Tod noch einmal Leben komme.

Wer Christ sein will, muss sich daher ernsthaft fragen: Kann es überhaupt ein leben nach dem Tod geben? Und kann Jesus das wirklich geben? Traue ich ihm zu, dass er den Tod überwindet?
Dass Atheisten hier mit NEIN antworten, ist einigermaßen logisch.

Doch bei uns Christen in Deutschland ist ja nicht nur die Gottesdienstteilnahme stagnierend, das Vertrauen in das Angebot Gottes schwächelt ebenfalls: Weniger als 50 % der Christen in Deutschland glauben laut Umfrage, dass nach dem Tod ein neues Leben kommt. Damit wird ein Kernthema des Evangeliums und des kirchlichen Credo von der Mehrheit der Christen als Betrug oder Fehlfunktion betrachtet. Das ist so, als kaufe man ein Auto, von dem man glaubt, dass es gar nicht fahren kann.

Wie kann das kommen, dass selbst bei Mitgliedern der Kirche das Angebot des guten Hirten so gering geschätzt wird? Einerseits, wie gesagt, ist es im heutigen empirisch geprägten Zeitalter schwer zu glauben, dass irgendeine Macht die Naturgesetze und die Gewissheit des Todes beseitigen kann, zumal kaum über dieses Thema geredet wird. Das macht es dem Einzelnen schwer, gegen den Strom zu schwimmen. Andererseits muss ich mich fragen:

Will ich das überhaupt? Habe ich eine Nachfragen nach dem Ewigen Leben, das die Bibel uns verheißt? Ist das ewige Leben für mich eine ernste Hoffnung? Was für fast alle früheren Kulturen und noch heute für die meisten anderen Völker selbstverständlich ist, gilt im wohlstandsverwöhnten Abendland nicht mehr: Für viele Zeitgenossen ist der Gedanke an ein Ewiges Leben nicht angenehm: Besser, man geht nach dem Tod schmerzfrei in ein großes Nichts ein, vergeht mit dem verwesten Leib endgültig und spurlos, als dass man sich unbegrenzt einer ungewissen künftigen Seinsweise ausliefert. Das können doch nur Verlierer wollen. Siegmund Freud brachte das neuzeitliche Unbehagen am der Ewigkeit auf den Punkt: „Ewiges Leben ist die unrealistische Regression des psychisch Unreifen!“ Mit anderen Worten: Nur Narren können das wollen! Opium fürs Volk war die marxistische Verballhornung dieser Idee. Dabei sind es aber eher satuierte Erfolgsmenschen, und nicht die Verdammten dieser Erde, denen die Ewigkeit unheimlich wird: Muss eine Existenz, in der Zeitvertreib unmöglich ist, weil alles ja ewig ist, nicht furchtbar langweilig sein? Wer kann es schon allzu lang mit sich selbst aushalten, ohne in ablenkenden Konsum zu flüchten. Unsere westliche Welt ist nicht zufällig von der Ernährungsgesellschaft zur Zerstreuungsgesellschaft geworden. Wir geben weit mehr Geld für Freizeit, Reisen und Kultur aus als für Nahrungsmittel, und haben doch Angst vor der Zukunft. Sehnsucht nach Ewigkeit ist vielen Menschen fremd, vielmehr gilt die empirische Unaus-weichlichkeit des Todes als einzig akzeptable Weltsicht. Seltsam nur, dass gerade die westliche Welt, die jene regressive Narrenidee der Ewigkeit überwunden hat, oft so unglücklich erscheint.

Der Großteil der Weltbevölkerung, der eine Existenz ohne Hunger und Kriegsnot gar nicht kennt, geht mit der Ewigkeitsfrage ganz anders um. Die Menschenwelt ist jenen, die in der Offenbarung als „Menschen aus der Bedrängnis“ genannt werden, viel zu zwielichtig, als dass sie in ihr eine LETZTE WIRKLICHKEIT erkennen könnten. Diese Menschen können nicht nur glauben, dass es ein ewiges Leben gibt, sie wollen dieses Angebot auch unbedingt haben.

So ist die angeblich veraltete Religion in allen anderen Kontinenten sehr lebendig, und nicht nur die Christliche. Was also sollen wir tun, die wir uns hierzulande Christen nennen und die Probleme in den eigenen Reihen wahrnehmen? Getan und geredet wird bei Kirchens reichlich, wir haben noch erstaunlich viel Raum in der Medienwelt. Aber wie verständlich ist unsere Botschaft? Wieviel Jesuanische Einfachheit und Klarheit steckt in der kirchlichen Produktpalette? Sieht man uns die Begeisterung für das Angebot des guten Hirten denn an? Zunächst sind die kirchlichen Strategien die selben wie in der Wirtschaft: Entweder wird der Preis gesenkt durch sogenannte Niedrigschwellige Pastoral, oder die Nachfrage wird künstlich angeheizt durch den Einsatz von Angst. Der Hauptteil der Predigtbemühung in ettlichen Epochen bezog sich oft darauf, den Menschen den Zorn des Rachegottes einzureden, um dann um so großmütiger aus dem Gnadenschatz auszuteilen. Die übertriebene Anwendung dieser Methode brachte aber zunächst eine lähmende Inflation der Höllenängste und dann den Niedergang der Glaubwürdigkeit der Kirchen.

Heute wieder mit dem Angsthammer zu arbeiten, ist nicht nur ethisch fragwürdig, es ist auch sinnlos, weil unsere Konkurrenz, religiös wie politisch, das Arbeiten mit der Angst bereits viel besser beherrscht. Da kommen wir nicht mit. Aber die populäre Niedrigschwelligkeit in Verkündigung und Praxis macht aus dem Evangelium einen Ramschartikel, den eigentlich niemand braucht. Das Ausblenden unpopulärer Themen, vor allem das Totschweigen des Ewigen Lebens erweist sich als schwerer Marketingfehler. Das kapitalistische Konzept taugt nicht für die kirchliche Mission.

Kirche muss an ihrem Stifter Maß nehmen. Denn der gute Hirte kümmert sich ganz antikapitalistisch um die Seinen, er läuft den Verlorenen nach, er trägt die Schwachen und leitet die Starken, und er spricht zu ihnen mit vertrauter Stimme, ohne Abstriche bei seinem Angebot zu machen. Es geht um Heil nach und vor dem Tod. Wie halte ich es mit dem Hirten: Traue ich ihm zu, dass er mir nach dem Tod ewiges Leben gibt? Ist unser Glaube nur eine Theorie, mit der man leben kann, oder eine Wahrheit, mit der man auch sterben kann? Eine alte Frau erzählte mir einmal, dass sei eigentlich immer schon mal nach Peru und Brasilien reisen und die herrliche Landschaft dort erleben wollte. Aber früher ging das nie, Zeit und Geld fehlten, und jetzt sei es zu spät, sie werde bald sterben. Sie werde diese herrlichen Orte nie mit eigenen Augen sehen. Doch nach einer kurzen Pause sagte sie. Aber wenn ich bei Gott bin, dann wird es so sein, als wäre ich doch an all diesen Orten gewesen. Ich denke, genau so hat sich der Evangelist die Schafe vorgestellt, die die Stimme des Herrn hören und ewiges Leben erhalten. Amen.