Predigt zum 4. Fastensonntag 2018

P. Ambrosius Leidinger OSB, 11. März 2018 in St. Elisabeth, Heidelberg

Meine lieben Schwestern und Brüder,

das Nachtgespräch Jesu mit dem Pharisäer Nikodemus, der sein Sympathisant war und wohl auch sein Freund, wenn auch nur heimlich, hört sich an wie ein Gespräch unter Theologen. Es geht in diesen wenigen Sätzen über Glaube, ewiges Leben, Gott, Welt, Liebe, Leiden, Zugrundegehen, Gerettetwerden, Gericht.

So stehen wir vor diesem theologischen Text wie vor dem gordischen Knoten und suchen das Schwert des Alexander, der diese schier unauflösliche Verknotung mit einem Hieb durchgeschlagen und damit gelöst hatte.

Wenn wir genau hinschauen: Aus einem anfänglichen Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus wird allmählich ein Reden über Jesus. Es wird zu einer Frage nach dem Glauben an Jesus.

Der schon einige Jahre verstorbene Bischof Klaus Hemmerle von Aachen hat ein berühmtes Buch geschrieben: „Glauben, wie geht das? Das möchten auch wir fragen. Das möchten die vielen fragen, die mit ansehen müssen, wie ihre Kinder und Enkelkinder den Glauben verlieren.

Herr J. stand auf der Erfolgsleiter ganz oben. Dann die Krise. Er verliert seinen Job als Fernsehmoderator. Er sagt: „Vor einem Jahr war ich ein gefragter Mann. Jetzt ist alles weg. Die Frau ist weg. Der Beruf ist weg. Das Geld ist weg. Jetzt vegetiere ich so dahin. Mein Glaube an mich selbst ist mir abhanden gekommen. Mein Leben ist sinnlos geworden.“
Herr M. ist Theologiestudent. Er ist in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, hat den christlichen Glauben wie das tägliche Brot in sich aufgenommen – aber wie es mit allem ist, worauf man lange herumkaut: der Geschmack des Brotes ist fade geworden. Sein Glaube ist kraftlos, er flüchtet sich in konservative Positionen und konservatives Outfit, sein Beten ist zur Routine zwischen Kaffeetasse und Vorlesung geworden.

Frau A.’s elfjährige Tochter ist nach langem qualvollem Leiden gestorben. Einziger Halt in ihrem Schmerz war ihr Glaube – und der Glaube ihres Kindes: „Marie hat mich getröstet. Sie sagte mir: ‚Im Himmel sehen wir uns wieder’. Ihre Tapferkeit und mein Vertrauen, dass dies alles nicht sinnlos sein kann, hat mir die Augen für mein eigenes Leben geöffnet. Ich lebe jetzt bewusster, spüre mehr, worauf es ankommt. Und ich bin fest davon überzeugt: Marie geht es jetzt gut, und wir werden uns einmal wieder sehen...“

Drei Glaubenssituationen, drei Glaubenszeugnisse, die mir Menschen anvertraut haben.

„Glaube ist das, woran man sein Herz hängt“, hat Martin Luther gesagt. Herr J.’s Glaube an die eigene Stärke bricht zusammen, als er seinen tollen Job verliert. Herr M.’s Glaube ist zur Routine geworden.
Frau A.’s Glaube hat sich durch das Schicksal ihres Kindes weiter entwickelt. Erhört hat Gott sie nicht so, wie sie es gewollt hätte. Ihre Tochter ist gestorben. Frau A. hat in dieser Zeit gebetet wie noch nie.
Sie hat gespürt: „Es gibt einen Punkt, an dem kein Abwägen, kein Absichern und kein Vorbehalt mehr hilft, sondern einzig: Ich vertraue und überlasse mich dem Willen Gottes. Er kann es nicht schlecht mit uns meinen.“

Glaube, wie geht das?

Warum sich bei dem Fernsehmann und dem Theologiestudent der Glaube verliert, bei der Frau in großer Not wächst: auf diese Frage gibt es nur schwer eine Antwort.

Mit den Aposteln möchten auch wir Jesus befragen und ihn bitten: „Herr, stärke unseren Glauben“.

Jesus gibt Antwort auf seine Weise. Er gibt den Jüngern keine direkte Antwort. Er spricht etwa vom kleinen Senfkorn, eines seiner Lieblingsbilder, aus dem sich ein riesig großer Baum entwickelt, in dessen Gezweig die Vögel ihre Nester bauen und Heimat finden.
Er will sagen: Ein klein bisschen wirkliches Gottvertrauen hat eine enorme Wirkung. Das kleine Senfkorn Glaube kann große Maulbeerfeigenbäume, die ein riesiges Wurzelwerk haben, verpflanzen, weit weg ins Meer.

Bilder, die groß zeichnen, wunderbare Bilder, die doch keine direkte Antwort geben.

Die biblischen Texte heute lassen noch etwas Weiteres anklingen: Gott will nicht nur, dass wir ihn befragen. Gott stellt auch Fragen an uns Menschen.

Seine erste Frage war die an Adam, die uns alle angeht: „Mensch, wo bist du?“ Wo bist du hingeraten in deinem Leben, wo führt dein Weg dich hin?

Dreimal wird uns da die Spannung in unserer Existenz vor Augen gestellt: Eure Taten waren böse. – Ihr seid dazu geschaffen, in eurem Leben gute Werke zu tun.

Ihr liebt die Finsternis mehr als das Licht – Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht.

Ihr wart infolge eurer Sünden tot. – Jesus sagt: Meine Liebe macht euch wieder lebendig.

Dann gibt es doch ein Kriterium für den Glauben? Jesus sagt: Glaube lebt da, wo man meiner Liebe glaubt, wo man sich für das Leben einsetzt.

Der Fernsehmoderator sieht nur sich, der Theologiestudent verhält sich passiv und lebt ohne Begeisterung und Schwung und absolviert sein Studium ohne große Sehnsucht nach Gotteserkenntnis. Auch er sieht letztlich nur sich.

Für die Frau mit dem kranken Kind aber gilt: Sie hat der Liebe geglaubt.
Der Apostel Johannes sagt im ersten seiner drei Briefe: Wir, die wir Jesus nachfolgen, haben der Liebe geglaubt. D.h. wir haben eine eindeutige Grundentscheidung für die Liebe getroffen und aus dieser Grundentscheidung versuchen wir, unser Leben zu gestalten.
Und das können wir nur sagen, weil umgekehrt die Liebe uns den Glauben geschenkt hat. Weil wir Liebe erfahren haben, konnten wir ihr glauben und unser Leben darauf bauen. Das ist unser Samenkorn. Das müssen wir anschauen. Tausendfach wurde uns Liebe geschenkt, so dass wir sie weiterschenken können. Unser Glaube lebt von der Liebe, die Gott und liebe Menschen uns großzügig geschenkt haben.
Ich fand ein Wort des Pfarrers von Ars, der diesen Gedanken noch einen Schritt weiterführt. Jean Marie Vianney schreibt: „Ein Herz in der Gegenwart Gottes ist wie eine Weintraube unter der Kelter“.

Eine Traube, aus der Wein werden soll, muss erst viel Sonne in sich aufgenommen haben. Ein Herz, das von Gott in die Verwandlung genommen wird, muss viel Liebe, Vertrauenswärme, „Ichstärke“ in sich aufgenommen haben. Nur wenn der Mensch reift und wenn er auch unter Schmerzen weiterkommt, bei Widrigkeiten von außen und noch viel mehr bei Widrigkeiten im eigenen Inneren, nur so kann sein Glaube lebendig sein und reifen.

Und es steht uns wieder die Frau mit dem kranken Kind vor Augen.
Glaube ist da, wo man mit Gott ringt. Glaube lebt dort, wo man sich für das Leben einsetzt. Glaube ist da, wo man Liebe weiterschenkt.

Der Glaubende weiß: das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“

Und wir sehen den Herrn als Richter vor Augen mit dem Kreuz in der Hand: Das Kreuz ist das Schwert, das unseren gordischen Knoten durchschlägt. Alles Verknotete und Verworrene bei uns, alles, was Sünde ist, schlägt er mit dem Schwert der Unterscheidung, dem Kreuz, durch.

Wir schauen auf den erhöhten Herrn am Kreuz und sehen:.
Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes.

Das ist unser Glaube, der uns ewiges Leben schenkt. Amen.