Predigt zum 4. Advent 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 18. Dezember 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Evangelium: Mt 1,18-24

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Das heutige Evangelium ist schon das Weihnachtsevangelium. Uns ist vor allem die Weihnachtsgeschichte des Lukas vertraut - und die wird aus der Perspektive Mariens erzählt. Der Evangelist Matthäus dagegen berichtet aus der Perspektive des hl. Josef. Die äußeren Begebenheiten sind schnell erzählt. Josef liebt eine Frau, er möchte sie heiraten und sieht sich betrogen. Der Mann kann einem leidtun. Was soll er nur machen? Er ist in eine unmögliche Situation geraten. Denn es galt nicht nur damals als öffentliches Ärgernis, Verlobter einer Schwangeren zu sein, zumal schwanger noch von einem anderen.

Zwei Wege standen ihm nach damaligem Gesetz offen: Immer ist die Frau die Leidtragende:
Entweder kann er bei Gericht die Bestrafung Marias nach dem Gesetz beantragen d.h. die Geliebte wird öffentlich hingerichtet durch Steinigung, oder er kann Maria durch einen Scheidebrief für immer entlassen und sie der lebenslänglichen Brandmarkung anheim geben.

Aber viel schlimmer für ihn ist, dass sein ganzes Vertrauen, seine ganze Liebe, gerade von ihr, mit der er sein Leben leben wollte, so offensichtlich verraten wurde. Sein Gefühl möchte der Frau nicht zutrauen, was seine Sinne und sein Denken für bestätigt halten müssen: Sein Verstand widerspricht seinem Herzen. Auch wenn das menschliche Herz so schnell nicht aufgibt, durch sein Herz geht ein Riss hindurch. Der Mann Josef sieht sich gepeinigt bis in seine Nächte hinein und gequält bis in seine Träume. Nobel wie er ist, will er sich in aller Stille von ihr trennen. Josef bleibt ein Ehrenmann und bewährt sich als großer Charakter in der Stunde der größten Enttäuschung.

Aber, und das ist das völlig Unerwartete, - und auch wir brauchen einen Moment, um das zu begreifen -: dieser noble dritte Weg, der zu vermitteln sucht zwischen Herz und Verstand, zwischen Liebe und Recht, dieser Weg, dem wir alle geradezu erleichtert zustimmen würden, gerade dieser Weg ist ein Holzweg, eben weil er nicht der Weg Gottes ist.

Josef ist gerecht und auch wir Christen sind es vielleicht oder halten uns dafür, wenn wir wenigstens den Anstand bewahren und auf Toleranz und Moral bedacht sind. Aber gerade darin wird Josef seiner Lebenssituation nicht gerecht. Er steht jedenfalls im Begriff, durch seine Wohlanständigkeit schweres Unheil anzurichten und die Zukunft - die Zukunft mit Gott- von Grund auf zu verderben. Denn Gott schreibt so oft nicht auf geraden rechten Wegen gerade, sondern er scheint es zu lieben, auf krummen Wegen gerade zu schreiben. Es zählt zu den schönsten Stellen des Neuen Testamentes, wenn hier beschrieben wird, dass es eine Wahrheit zwischen uns Menschen gibt jenseits des Beweisbaren, in gewissem Sinn Jenseits des Vernünftigen.

Alle ganz wichtigen Dinge in unserem Leben entspringen einer Kraft in unserem Herzen, die wir selbst gar nicht greifen können. Eine Liebe zu einem anderen erwächst in mir oder ist plötzlich in aller Mächtigkeit stark, und nach dem eigentlichen Warum und Wieso gefragt: Es bleibt uns selbst ein Geheimnis. Und ich denke, das heutige Evangelium meint doch, dass wir gerade dieser Kraft trauen dürfen und ihr folgen sollen, denn sie hat etwas mit Gott zu tun. Das ist es, was der Engel dem Josef sagt, das Gottes Hände uns im Unsichtbaren stärker führen und leiten als in allen Eindrücken der Welt von außen. Darauf dürfen wir vertrauen.

Es gibt eine Treue Gottes zu uns, die unverbrüchlich ist.

Die geistliche Erfahrung, die hier zu Tage tritt, kann man strukturieren, so dass man sie besser versteht.
Ein Benediktinermönch denkt da unwillkürlich an den ersten Satz der Regel des hl. Benedikt. So heißt es beim Mönchsvater: „Höre, mein Sohn,… und neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat“ (RB Prolog 1). Deutlich ist hier ein Dreischritt skizziert, den wir auch bei der geistlichen Erfahrung des hl. Joseph sehen:

Das Hören – das Annehmen – das Erfüllen.

1. Das Hören
Joseph ist gerade nicht, wie er so landläufig gesehen wird, der zahnlose Gipsheilige, aus dem jede innere Gefährdung und jedes Angefochten-Sein herausgefiltert ist, der einfache, biedere Ehrenmann, der unterschwellig bei vielen ein wenig der Lächerlichkeit preisgegeben wurde, eben weil kein Mann aus Fleisch und Blut, ohne Sexualität.

Gerade dieser Verharmlosung seiner Person und der ganzen Situation widerspricht das heutige Evangelium entschieden. Diese Banalisierung nimmt auch Gott nicht wirklich ernst. Nein, Joseph ist der Mann der Träume, den Intuition, der Mann, den Gottes Engel anrührte, immer wieder. Im Innern spricht Gott zu uns. Und Gott redet gütig in unser Herz. Die biblischen Namen sind oft programmatische Namen, sie geben Aufschluss über den Charakter eines Menschen, über seinen Auftrag vor Gott.

Joseph- Jo heißt Gott, und saph ist ursprünglich aufschließen, Neues erschließen, und so reich machen, hinzufügen. Gott schließt auf: Aus dem arabischen haben wir mit den arabischen Ziffern auch das Wort Ziffer übernommen. Saf – zif – aufschließen. Die Ziffern schließen auf. Safe, zapfen, verzapfen.
Joseph – der von und für Gott Aufgeschlossene. Und dazu kommt: Joseph muss ein stiller Mensch gewesen sein.
Die Stille ist die Voraussetzung jeglicher geistlicher Erfahrung, denn Gott redet leise in unser Herz.

Und so sind wir beim zweiten geistlichen Schritt: beim Annehmen. Wir müssen wie Josef lernen, zu begreifen, dass Gott unser Leben in seinen Händen hält und seine Wege zum Glück und zum Heil für uns manchmal eben ganz anders sind als unser Verstand meint. Und dass das alles andere als bequem ist und mit schönen Gefühlen zu tun hat, wenn Gott an uns handelt, sondern manchmal sogar schmerzlich. So ist seine Erfahrung ein „Widerfahrnis“. Es geschieht etwas an mir, mir widerfährt etwas, mir stellt sich etwas in den Weg, das ich mir nicht ausgesucht habe. Es ist eine ganz andere Erfahrung, die um ihrer selbst willen gesucht wird, weil sie als angenehm und schön empfunden wird. Natürlich sind auch solche Erfahrungen gut und können uns helfen. Sie unterscheiden sich aber sehr wohl von den geistgeschenkten Erfahrungen, um die es hier geht.
Der Engel stellt sich Joseph in den Weg. Und Joseph überlässt Gott die Entscheidung über den weiteren Lebensweg. Der hl. Ignatius von Loyola nennt das in seinen Exerzitien Indifferenz. So ist geistliches Leben Tat des Gehorsams. Das ist das letzte und entscheidende Kriterium. Was gehört und angenommen wurde, muss 3. durch die Tat erfüllt werden.

Dreimal heißt es von Joseph in der Schrift: Er stand auf, um zu tun, was er als die Stimme Gottes in seinem Gewissen vernommen hatte (Mt 1,24; Mt 2,14; Mt 2,21). Er stand auf und tat es. Die Botschaft des Engels rief ihn auf die Wege der Pflicht, die er sich selbst nicht ausgedacht und die er nicht erwartet hatte. Er hatte dem Engel geglaubt. Dieser Glaube, auf dem alles steht, ist immer Wagnis, und von daher ist auch die Annahme seiner Berufung, Maria zu seiner Frau zu nehmen und Pflegevater des Kindes zu werden, dessen Vater er nicht ist, Wagnis. Nur ein offener, dem Leben zugewandter Mensch, kann das wagen. So passen Maria und Joseph ganz gut zueinander: sie sind Menschen mit einem offenen Herzen, offen für Gottes Wirklichkeit.

Die Frau Maria und der Mann Joseph tun beide, was der Engel zu ihnen spricht, was sie in der Kraft ihres Herzens erkannt haben. Sie überschreiten die äußerlich so vernünftigen und ausgewogenen Wege und folgen ihrem Herzen. Gottes Wort lassen sie in ihrem Herzen wachsen; „es wird ihr Kind“, in einem Sinn, wie nur Gott es schenken konnte.