Predigt zum 33. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 13. November 2016, St. Teresa Ziegelhausen

Lesungen: 2.Thess 3,7; Lk 21,5ff

Liebe Schwestern und Brüder!

Weltuntergangsszenarien werden beschworen, die Angst machen können: „Alles wird niedergerissen; kein Stein wird auf dem anderen bleiben“, sagt Jesus.

Ja, das alles kann geschehen, aber er bleibt nicht bei der Betrachtung der Katastrophe stehen, sondern alles läuft bei ihm auf den Schlusssatz des Evangeliums hin, der da inmitten des Katastrophenszenarios steht, wo es heißt:
„Euch aber wird kein Haar gekrümmt werden. Bleibt standhaft. Ihr werdet das Leben gewinnen.“
Er will damit sagen: Das Durcheinander auf der Welt kann noch so groß sein, eine Katastrophensituation im persönlichen Leben noch so heftig: ich bin bei euch.

Nicht nur in hochgemuten Stunden, in denen wir ein Gefühl für Gottes Gegenwart haben, ist uns Gott nahe, und in Not und Verzweiflung nicht: nein, gerade, wo uns vieles bedrängt und ängstigt, in Zeiten spiritueller Trockenheit, ist Gott genau so nahe, und gerade in der Not kann er sich überraschend zeigen.
Von zwei Personen möchte ich Ihnen erzählen, denen gerade an dem Lebenspunkt, der für sie eine Katastrophe war, Gott erfahrbar wurde und sie trug.

Zu ihrem 100. Geburtstag besuchte ich unsere inzwischen gestorbene Nachbarin von früher.
Sie erzählte mir oft, im Krieg habe sie zu Gott gefunden.

Sie erzählte von ihrer Flucht aus dem Ermland, wie sie am Tag zuvor nur ganz knapp einem Panzerangriff entkommen waren. Unser Wagen, so sagte sie, mit allem Hab und Gut war verloren. Eine zeitlang waren wir in einem Erdwall verschüttet. Wir konnten uns ausgraben und mein kleiner Sohn, mein Mann und ich flohen nur mit den Kleidern am Leib ins Ungewisse. Die Nacht verbrachten wir auf freiem Feld in einem Heuhaufen.
Ich wachte früh auf, und sah vor mir ein wunderschönes Bild:
ein fantastisches Morgenrot tauchte die ganze Landschaft in ein zauberhaftes gelb-rotes Licht. Eine glasklare frische Luft, der Duft von Erde streifte meine Nase. Ich atmete tief ein. Mit diesem Einatmen erfüllte mich ein tiefer Friede.

Da trat mein Mann hinter mich: „Was machst du da?“ fragte er. „Ich genieße Gottes schöne Welt“ antwortete ich. Er war verstört: „Bist du jetzt völlig übergeschnappt? Was redest du da. Da ist kein Gott, da ist nur Leid und Tod!“
Ja, da war Leid und Tod, aber da war auch Gott. Da war ein „aber …“ Dieses „aber …“ war wie ein Trost für mich.
Es war das sichere Gefühl: Gott wird ewig bleiben, wird uns begleiten, im Leid und in der Freude. Mit dem Bild dieses Morgens war mir diese Gewissheit ins Herz geschrieben, mein Leben lang.“
Die zweite Person, die mir vor Augen steht, ist meine Klassenkameradin. Sie war noch nicht einmal 40 Jahre alt. Diagnose: Unterleibskrebs.
Schmerzen und ein Gefühl von Schwäche und Elend beherrschten die Tage nach der Operation. Dann die Chemotherapie.
Zufällig hörte sie das Requiem von Brahms. Von da an hörte sie es immer wieder. Es tat ihr gut. Die Musik erfüllte sie.

Der Chor sang: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras, und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen.“
Plötzlich, nach einer kurzen Sekunde, setzt der Chor in ungeheurer Lautstärke ein, und die Bläser, die Orgel und alle Instrumente folgen mit großer Macht: „Aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit.“
Sie sagte mir:
Die Wucht des Chores und dieses „aber …“ traf mich mitten ins Herz.
Dieses „aber …“ konnte sie sich nicht selber sagen. Es wurde ihr geschenkt.
Mit diesem Gedanken an das „Aber“ wurde sie ruhiger und konnte ihr Schicksal annehmen. Sie hat den Krebs überwunden und in ihr Leben zurückgefunden.

Meine lieben Schwestern und Brüder!
Jesu „aber“ sollte Stärkung und Trost für seine Jünger sein, für alle seine Jünger zu allen Zeiten in schwieriger Situation.

Wie der Herbststurm dieser Tage viele Blätter von den Bäumen fegt, so geht ein Sturm durch die Zeilen des heutigen Evangeliums, der so vieles hinwegfegt, auch Sinnbild für den Zustand unserer heutigen Gesellschaft und besonders unserer Kirche. Vieles hat keinen Bestand mehr.

Ein Sturm in den Herzen tobt, und er hat die christliche Botschaft bei so vielen herausgefegt.

Diese so laute und bunte und verwirrende Welt mit ihrem großen Überfluss und gleichzeitig ihrer großen sozialen Not: der Glaube ist für so viele in ihrem Leben zu einem Randphänomen geworden, eingerissen ist die lebendige Beziehung zu Christus, das lebendige Gefühl, von Gott getragen zu sein.
Berge von seelischem Müll stopfen uns zu. Chaos und Durcheinander verschüttet vielleicht auch manchmal unser Herz.

Jesus sagt uns da: Bleibt standhaft. Resigniert nicht. Dümpelt nicht einfach so vor euch hin, ihr Christen mit eurem hohen Ideal. Sondern seid entschieden. Sucht Gott noch intensiver. Jesus stärkt und ermutigt uns dazu. Gott ist euch nahe. Immer. In guten und in schlechten Stunden. Er kommt uns immer entgegen. Amen.