Predigt zum 33. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Johannes Naton OSB, 13. November 2016 in in der Stiftskirche Neuburg

Lesungen: 2.Thess 3,7; Lk 21,5ff

Liebe Schwestern und Brüder! Bitte Ruhe bewahren! Das gilt als erste Bürgerpflicht bei Feuer und Bombenalarm, das lernt man in jedem Erste-Hilfe-Kurs für den Unglücksfall. Bitte Ruhe bewahren! Ähnliches ruft Paulus seiner Gemeinde in Thessaloniki zu: Bitte kein Gedöns und keine Unruhe. Nur weil wir die Wiederkehr des Herrn erwarten, ist das kein Grund, das bürgerliche Leben auf den Kopf zu stellen. Denn genau das taten einige allzu apokalyptische Gemeindemitglieder. Wenn die Welt sowieso untergeht, was soll uns dann noch Arbeit und Alltag? Da wird entweder fanatisch gestritten oder frenetisch gefeiert. Doch so etwas endet nie segensreich.

Und was sagt Jesus? Das Evangelium klingt ja auch erst einmal wie eine Katastrophen-Ansage: Alles wird ganz schrecklich werden. Der Tempel wird zerstört, es kommen Kriege, Pest, Hungersnot und Christenverfolgung. Aber Jesus ruft dann nicht zur allgemeinen Erhebung oder zum Feldzug für den Glauben auf, auch nicht zum Zittern und Beben. Er sagt, ganz wie Paulus: RUHIG BLEIBEN!

Wenn es heute um Katastrophen geht, sind Aufrufe zur Besonnenheit problematisch, weil sie oft als Beschwichtigung oder Verharmlosung verstanden werden. Klimawandel, Erdbeben, Terror, politische Polarisierungen: Wer da ruft „RUHE BEWAHREN!“, scheint ein weltfremder Ignorant zu sein.

Möglicherweise wurde Jesus genauso eingeschätzt! Weder seine Jünger noch die Hohepriester werden Jesu Mahnung zur Besonnenheit begriffen haben. Wenn es schon zum Schlimmsten kommt, will man sich gegen die gottlosen Feinde wehren und dreinschlagen dürfen oder man will die letzten Tage nutzen mit größtmöglichem Missionseifer. Aber genau das will Jesus wohl nicht. Denn er kennt seine Pappenheimer, also uns Gotteskinder aller Art: Mit Apokalypsen weise umzugehen, ist unsere Stärke nicht. Ein paar Beispiele: Als im Mai 1910 der Halleysche Komet sich der Erde näherte, hielten viele Christen in Europa dies für das Zeichen des Weltuntergangs, Tausende verschenkten Haus und Habe, Hunderte begingen Selbstmord. 1993 waren es Mitglieder der Davidianersekte in Texas, die im Vertrauen auf das nahe Weltenende Dutzende Mitmenschen und schließlich sich selbst umbrachten. Und Im März 2000 behauptete ein selbsternannter Prophet in Uganda, von der Gottesmutter den Termin des Weltuntergangs erfahren zu haben. Er führte über 500 Anhänger in den freiwilligen oder erzwungenen Tod. Die Reihe ließe sich fortsetzen.

Hätten doch all jene Leute das heutige Evangelium gelesen und dann vielleicht ein Apfelbäumchen gepflanzt oder still ihre tägliche Arbeit verrichtet und ihr selbstverdientes Brot gegessen, statt sich dem Chaos hinzugeben! Jesus und Paulus waren sich des apokalyptischen Zeitgeistes ihrer Epoche bewusst! Fast alle Bevölkerungsgruppen rechneten mit dem Ende der Welt oder der messianischen Umstülpung der politischen Verhältnisse. Es fällt auf, das Jesus oft von anderen als Messias bezeichnet wird, er selbst aber sich nur Menschensohn oder Sohn Gottes nennt. Als wäre ihm die politische Verengung des Messias-Begriffs zuwider. Ruhe bewahren, der allgemeinen Hysterie bitte nicht noch einen Heiligenschein anstecken! Damit verharmlost Jesus die bevorstehende Krise in keiner Weise. Er ist ja selbst der Mahner, der uns warnt: Es kommen schwere Zeiten! Nur derjenige besteht solche Krisen, der einen sicheren Halt hat, dessen Glaube und Seelenkraft einen echten Sicherheitsgurt darstellen. Und? Können wir zur Not standhaft bleiben? Haben wir einen Standpunkt, der Halt gibt?

In schlimmeren Zeiten als heute war es der protestantische Theologe Karl Barth, der in Bonn 1933 angesichts des Hitler-Triumphes die irritierenden Worte schrieb, „gerade jetzt müssten die Theologen Theologie und nichts als Theologie betreiben, gerade so wie die Mönche im Kloster Maria Laach ihre gregorianischen Psalmen und Hymnen weiter singen, als wäre nichts geschehen.“ Dies wurde ihm später oft als Flucht in unpolitisches Schweigen ausgelegt, aber das Gegenteil war hier der Fall. Denn Barth richtete seine Worte vor allem gegen jene deutschen Kirchenleute, die vehemente Anpassung und Gleichschaltungsbereitschaft dem Naziregime gegenüber an den Tag legten. Karl Barth, bekennender Sozialdemokrat, verlor bald seinen Lehrstuhl in Bonn und mußte Deutschland verlassen, blieb aber eine klare Stimme des Widerstandes gegen Hitler in Europa.

Wie hat er das gemeint, Theologie und Mönchsgesang weiterbetreiben, als sei nichts geschehen? Barth sieht im Evangeliums Christi alle Antwort auf den politischen Wahn seiner Zeit schon gegeben. Die Absage an menschlichen Größenwahn , die Verlorenheit des Menschen ohne Gottes Liebe sind Kern des Glaubens, und den findet, wer richtig und ohne Zeitgeistbrille Theologie betreibt. Kirche feiert ihre Freudenfeste immer mit Bezug zum Leid der Welt, so gehört zum Weihnachtsfestkreis auch der Kindermord in Betlehem, zum Osterfest die Passion, zur Messe das Kyrie, zu den Psalmen Lob und Klage. Aber zu jedem Trauerfall und zu jeder Schuld und Beichte gehört eben auch der Osterglaube und das Pfingstwunder. Wer in diesen Zusammenhängen den Glauben lebt, findet die Weisung Jesu hin zu den Leidenden und Verfolgten, der findet aber auch den Trost, dass unsere Rettung nicht aus Menschenhand kommt. Ein Glaube, der die Schatten der Welt ausblendet, ist für Barth unglaubwürdig.

Wer schon immer richtig Theologie betrieben und gebetet hätte, der wäre nicht in die Falle der faschistischen Lügenpropaganda getappt, sondern hätte seine Hoffnung allein auf Jesus gesetzt. Ob ihn das zum Helden im Widerstand gemacht hätte, steht dahin. Aber es hätte den Blick für die Falschheit der damaligen Propheten geschärft. Erst einmal Ruhe bewahren und in Gott Halt finden, ohne dies wird kein Zeitgeistdonnerwetter zu überstehen sein. Und an solchem Donnerwetter fehlt es ja heute nicht. Da wären wir mit der Warnung Jesu und dem Beispiel des Karl Barth gut beraten. Theologie und Gebet, als wäre nichts gewesen! Aber wie geht das denn praktisch?

Nun, wenn wir nachher das Vater Unser beten, dann könnte man ja die eine Zeile, die wir so hastig durchmurmeln, einmal mit Bewußtsein sprechen: FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG SONDERN ERLÖSE UNS VON DEM BÖSEN. Das ist nichts für jene, die sich immer sicher sind, die immer Recht haben und zu den Guten gehören. Aber für alle, die den Selbstzweifel und die eigene Verführbarkeit zu vorschnellem Verurteilen kennen, ist das ein Wort, das zum Stoßgebet werden könnte, bei jeder negativen Schlagzeile, bei jedem hitzigen Streitgespräch, bei jedem scheinbar heiligen Zorn: FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG. Versuchen wir einmal ein paar Tage, mit diesem Stoßgebet durch die Zeit zu gehen. Das könnte unseren Blick auf die Welt schärfen und helfen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Wie das?

Ich erinnere mich, dass wir in Maria Laach einen Tag mit syrischen Flüchtlingen gestaltet haben. Ich führte die etwa 50 Gäste durch unsere Kirche, dann gab es Kaffee und Kuchen. Die Stimmung war gedrückt, die Blicke traurig und finster, von den Toten und den zerstörten Dörfern war die Rede. Wie soll es weitergehen? Ich fühlte mich überfordert, welche Hilfe konnte ich schon bieten? In dem Moment ging die Tür auf und eine junge syrische Mutter mit einem Baby auf dem Arm kam dazu. Im Nu waren alle wie verzaubert, besonders die Alten. Mit leuchtenden Augen liefen alle zu der Mutter, streichelten und küssten das Kind. Alle anwesenden Syrer wussten: Dieses Kind ist unsere Zukunft, Gott hat uns nicht aufgegeben. In der Hinwendung zu den Kindern, im Versorgen der Kleinen liegt Sendung und Segen. Wenn das Kleine weint, rufen sogleich alle Großen: Weine nicht, alles wird gut! Und damit hat Gott sein Ziel erreicht, hat seine Botschaft durch das Kind in die Herzen der Menschen gesandt: Fürchet euch nicht, ich bin Euch nahe!

Das können auch wir uns sagen lassen: Man trage das Bild eines Kindes, das man kennt und liebt, bei sich und schaue es an, wann immer Traurigkeit das Herz erfüllt. Jedes Kind ist ein Auftrag. Jetzt in dieser Zeit diesen Menschen Liebe schenken. Wann wenn nicht jetzt? Jede Minute liebevolle Zeit für die Kinder und Familie ist Investition in den Weltfrieden. Ruhe bewahren, die Liebe wagen, sich von den Kindern die Hoffnung wiedergeben lassen, die wir so leicht verlieren. So setzt man gegen immerwährende Erregung und Polarisierung unserer Zeit, ein im wahrsten Sinn des Wortes GLAUBWÜRDIGES Zeichen. Amen.

Zum Kirchenkampf nimmt Barth erstmalig in einer im Juni 1933 erschienenen Schrift: "Theologische Existenz heute" Stellung. In einer Zeit, in der Kirchenleute und Theologen sich in Stellungnahmen für den NS-Staat und Forderungen nach Gleichschaltung der Kirche gegenseitig zu überbieten versuchten, forderte er die Theologen auf, "Theologie und nur Theologie zu treiben", "... als wäre nichts geschehen ...". Dieser Ratschlag wird in der Folgezeit als "unpolitisch" missverstanden. Er war aber ein eminent politischer Akt der Verweigerung gegenüber dem selbst auferlegten Gleichschaltungszwang in der Kirche.

Bevor Barth nach seiner Entlassung als Theologieprofessor Deutschland verlässt, schreibt er am 30.6.1935 an den reformierten Wuppertaler BK-Pfarrer Hermann Hesse: Die Bekenntniskirche "hat für Millionen von Unrecht-Leidenden noch kein Herz. Sie hat zu den einfachsten Fragen der öffentlichen Redlichkeit noch kein Wort gefunden. Sie redet – wenn sie redet – immer nur in der eigenen Sache. Sie hält noch immer die Fiktion aufrecht, als ob sie es im heutigen Staat mit einem Rechtsstaat von Röm. 13 zu tun habe ... Es wird mir eine peinliche Erinnerung an die letzten zwei Jahre sein und bleiben, daß ich selbst nicht kräftiger ..."