Predigt zum 32. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 12.11.2017 in der Stiftskirche

Mt 25,1-13

Meine lieben Brüder und Schwestern,

Wer wissen will, was die Menschen der Antike über den Tod gedacht haben, muss ihre Grabinschriften lesen. Sie sind die reine Hoffnungslosigkeit. So steht auf einem Grabstein aus dem antiken Rom:
„Wir kamen aus dem Nichts, dann lebten wir als solche, die sterben müssen. Der du dies liest, bedenke: Vom Nichts ins Nichts fallen wir in kürzester Zeit“. Oder: „Mach dir ein angenehmes Leben, Kamerad! Nach dem Tod wird es kein Leben mehr geben, noch irgendein Vergnügen“.

Die Grabinschrift kann auch dem Verstorbenen sarkastisch sagen: „Was hast du nun davon, dass du so viele Jahre einwandfrei gelebt hast?“

Andere Grabinschriften sind frömmer. Sie erzählen, dass die Seele des Verstorbenen nach dem Tod zum Firmament hinaufflog und dort zu einem Stern wurde, den man nun am Abendhimmel sehen kann. Der Sternenhimmel sei nichts anderes als die riesige Zahl nach oben gestiegener Seelen.

Man muss diese Grabinschriften gelesen haben, um zu begreifen, wie abgrundtief der Unterschied zum Glauben ist, den die Christen dann verkündet und gelebt haben. Sie wussten, dass sie von Gott geschaffen sind, dass ihr Leben einen unzerstörbaren Sinn hat. Nichts ist mehr umsonst. Jedes Leben ist eingebettet in den Plan Gottes mit der Welt.

Die Unsterblichkeit sitzt nicht wie eine Naturanlage im Menschen, wobei die Seele durch den Tod nur noch vom Körper befreit werden muss. Das ewige Leben liegt nicht in der Natur des Menschen. Das ewige Leben ist reines Geschenk, Geschenk von Gott.

Genau hier knüpft Paulus an, wenn er sagt: „Wenn Jesus – das ist unser Glaube – gestorben und auferstanden ist, dann wird Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“.
All das wird im Evangelium vorausgesetzt.

Trotz der ernsten Töne, die dort angeschlagen werden – die uns zur Wachsamkeit und Klugheit ermahnen, die vom Zuspätkommen warnen und von einer falschen Sorglosigkeit und vom Verpassen der eigentlichen Lebenschance: die zentrale Aussage ist aber, dass es der Herr ist, der uns entgegenkommt, dass der Bräutigam, der zur Hochzeit eingeladen hat, auf dem Weg zu uns ist.

Alles Bilder von ein großes Fest. Alles Bilder für ein Wunder, das wir nicht machen können, sondern das wir uns schenken lassen müssen, das auf uns zukommt.

Jesus will sagen: Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch, ich bin schon mitten unter euch. Ihr müsst dahingehend wachsam sein, ihr müsst dafür sensibel sein, dass sich in eurem Herzen die Erfahrung zur Gewissheit verdichtet, dass Gott bei euch und in euch ist. Wenn ihr das vergesst oder versäumt, erlischt euer religiöses Leben, und die Tür ist zugeschlossen.

Paulus hat im letzten Satz der Lesung aus dem 1. Brief an die Gemeinde in Thessalonich sozusagen buchstabiert, was nötig ist, damit wir Gott nicht aus den Augen verlieren.

Es spricht vom Trost, den wir uns schenken sollen, den wir uns gegenseitig schulden, denn wir leben in einer gewissen Gottesferne und bedürfen deshalb des Trostes.

Und doch: Der im christlichen Sinn wachsame und kluge Mensch rechnet mit Gott in seinem Leben und diese Erfahrung will er weitergeben.

Das Wichtigste dabei ist, dass er, der Tröstende, der um Gottes Wirken weiß, für den Trostbedürftigen, der in seiner Not, in der Not des Lebens, von Gott wenig oder nichts erfährt, da ist, bei ihm ist, ihm beisteht und dieser auf der Basis dieses Beistandes und des Zeugnisses dem Leben neu vertrauen kann.
So kann man weiter sagen: Die Feier aller Sakramente ist Trost-Spenden.

Die Feier der Eucharistie will in der Zusammenschau von Tod und Auferstehung des Herrn uns trösten, eben bis er in Herrlichkeit wiederkommt. Bis dahin werden wir getröstet im Hl. Geist. Deshalb heißt er Tröster-Geist. Er ist der Beistand des Auferstandenen für die Menschen in dieser Zeit, der Paraklet.

Darin liegt der Trost, angenommen zu sein und nicht verlassen, auch der Trost des Sakramentes, das uns die Hilfe und den Beistand Gottes zusagt, das uns zusagt, dass Gott an uns handelt, dass der Bräutigam – um wieder das Bild aufzunehmen - auf dem Weg zu uns ist.

Trost spielt und spielte in unserer mönchischen Tradition zu allen Zeiten eine große Rolle. So darf ich Ihnen einen einzigen Punkt unserer Regel dazu zitieren, Kap. 27: „Der Abt muss auf jegliche Weise um die Brüder besorgt sein, die sich verfehlt haben: denn nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Deshalb muss er wie ein erfahrener Arzt alle Mittel anwenden. Er soll ältere erfahrene Brüder vorschicken, die unter vier Augen dem schwankenden Bruder freundlich zureden und versuchen, in zu demütiger Genugtuung zu bewegen; sie sollen ihm freundlich zureden, damit er nicht in übermäßiger Trauer versinkt. Wie der Apostel sagt, soll man ihm gegenüber vielmehr die Liebe walten lassen, und alle sollen für ihn beten“ (RB 27,1-4).

Freundlichkeit, Liebe und Gebet sind als Tröstung empfohlen.

Dieses getröstete Leben muss in einer Gemeinschaft spürbar sein, dieses getröstete Leben wird von Novizen gesucht. Genau das ist es, was wir uns gegenseitig schulden. Das gilt genauso für den Einzelnen, in der Familie, für jede Lebensgemeinschaft. Und letztlich: nur dieses getröstete Leben ist unser Glaubenszeugnis.

So etwa, wenn Cyrill von Alexandrien, ein Kirchenvater des 5. Jahrhunderts, gefragt wird: Was er denn tue, um einen Menschen zum Glauben zu führen. Seine Antwort ist einfach: „Ich lasse ihn ein Jahr bei mir wohnen.“

Die Glaubwürdigkeit in der Lebensausrichtung, die Freundlichkeit und Zugänglichkeit im persönlichen Umgang schenken den Glauben. Prominentes Beispiel dafür ist auch der hl. Augustinus, dessen Hinwendung zum Christentum entscheidend vom hl. Bischof Ambrosius von Mailand bestimmt wurde. Augustinus schreibt in seinen Bekenntnissen: „Und ich gewann ihn lieb, zunächst allerdings nicht als einen Lehrer der Wahrheit, sondern als einen mir freundlich gesinnten Mann.“ (Conf. 5,13).

In der gleichen Tradition steht etwa der hl. Franziskus, wenn er einem Minister der Minderbrüder schreibt:
„Es darf keinen Bruder auf der Welt geben, mag er auch gesündigt haben, so furchtbar er nur konnte, der deine Augen gesehen und dann von dir fortgehen musste ohne dein Erbarmen.“

Von Hanns Dieter Hüsch, dem berühmten Kabarettisten, ist mir ein Satz schon lange in Erinnerung geblieben und wichtig geworden: „Der Trost der Welt ist das Erbarmen.“

Meine lieben Schwester und Brüder,

die frühen Christen, die Christen der Antike, haben den Bräutigam, den sie so sehr erwarteten, in den Katakomben auf ihren Grabsteinen immer wieder mit dem uralten Bild des Guten Hirten dargestellt, der für den suchenden, fragenden Menschen in seiner Verlorenheit als der auferstandene gute Hirte seinerseits ihm suchend entgegenkommt. Er sucht das verlorene Schaf und trägt es auf seinen Schultern. Er sucht auch das sich im Tod verlierende Schaf und führt es in den ewigen Hochzeitssaal.

Wer darum weiß und daraus lebt, ist ein kluger Mensch und sein Leben ist getröstet, und er weiß es und kann es weiterschenken: der Trost der Welt ist das Erbarmen, unser Herr Jesus Christus. Amen.